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Mutter, Mutter, Kind: Ringen um ein modernes Familienbild | BR24

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Kinder wachsen nicht nur in traditionellen Familien auf, sondern auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren und Stiefeltern. Soziale Eltern haben bisher kaum Rechte. Jetzt soll das Abstammungsrecht reformiert werden. Das birgt Zündstoff.

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Mutter, Mutter, Kind: Ringen um ein modernes Familienbild

Kinder wachsen nicht nur in traditionellen Familien auf, sondern auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren und Stiefeltern. Soziale Eltern haben bisher kaum Rechte. Jetzt soll das Abstammungsrecht reformiert werden. Das birgt Zündstoff.

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Ihren Geburtstag feiert Arwen immer mit ihren beiden Müttern und ihren beiden Vätern. Arwen ist das Kind einer Regenbogenfamilie, sprich: das Kind zweier homosexueller Paare. Sowohl ihre beiden Väter Thorsten und Charly, verheiratet, als auch ihre beiden Mütter Nathalie und Undine, inzwischen getrennt, fühlen sich als Arwens Eltern. Und für Arwen sind eben alle vier Eltern.

"Meine Mama nenne ich manchmal Natie, manchmal Mama. Die Undine nenne ich meistens Dine. Und meine Väter nenne ich, meinen Papa nenne ich, nur wenn er mich nicht hört, Thorsten. Sonst nenne ich ihn immer Papa. Den anderen nenne ich meistens Charly." Arwen, Kind in einer Regenbogenfamilie

Soziale Eltern sind nach deutschem Recht außen vor

Doch nur die Blutsverwandten Thorsten und Nathalie erkennt das Gesetz offiziell als Vater und Mutter an. Charly und Undine sind die nicht-leiblichen Eltern. Sie verstehen sich als Co-Eltern. Im Alltag kochen sie für Arwen, lernen mit ihr für die Schule oder gehen mit ihr ins Kino. Aber das Gesetz betrachtet sie im Hinblick auf das Kind quasi als Fremde, beklagt Undine Pretzler.

"Rechtlich gesehen bin ich eigentlich total außen vor, habe ich gar keine Rechte. Nach deutschem Recht sind zwei Elternteile Eltern. Da muss man sich entscheiden, wer das ist. Wir haben es belassen, dass es bei den Leiblichen ist. Wenn ich adoptiert hätte, wäre Thorsten nicht mehr Elternteil."Undine, soziale Mutter für Arwen

Bisher war es bei homosexuellen Beziehungen so: Der Partner musste das Kind adoptieren. Das ging aber nur, wenn der leibliche Vater oder die leibliche Mutter auf alle Rechte am Kind verzichtete. Denn auch das steht im deutschen Abstammungsrecht: Es können nur maximal zwei Personen Eltern sein – und nicht, wie bei Arwens Regenbogenfamilie – alle vier.

Alleinerziehende wünscht sich mehr Rechte für Partner

Cornelia erzieht ihren Sohn seit 14 Jahren ohne den leiblichen Vater. Die Vaterrolle übernimmt seit einigen Jahren ihr Lebensgefährte Matthias. "Mein neuer Partner spielt für meinen Sohn eine sehr große Rolle. Er ist ein sozialer Vater geworden", erklärt Cornelia.

Die Mutter des 15-jährigen Fabian wünscht sich, dass ihr Lebensgefährte Matthias mehr Rechte in Bezug auf ihren Sohn bekommt. Als sie vor einem halben Jahr einen Herzinfarkt bekam, kümmerte sich Matthias allein um Fabian. Auf rechtlich ziemlich unsicherem Terrain.

"Auskünfte erhalte ich von der Schule nicht, weil ich gesetzlich gesehen ein Nichts bin für die Schule. Von Amts wegen könnte ich nichts entscheiden für Fabian." Matthias, sozialer Vater

Stiefeltern hoffen auf Reformen

Tatsächlich, bestätigt die Juristin Friederike Wapler von der Gutenberg-Universität Mainz, werden Stiefeltern vom Gesetz bisher kaum anerkannt.

"Der Stiefelternteil kann nur in sehr engen Grenzen Anteile des Sorgerechts kriegen. Die Stellung des Stiefelternteils ist in Deutschland sehr schwach." Friederike Wapler, Juristin

Cornelia und ihre Patchwork-Familie hoffen auf eine Reform des Abstammungsrechts.

Inzwischen liegt ein Diskussionsentwurf aus dem SPD-geführten Bundesjustizministerium vor und darin heißt es: "Die alleinige Ausrichtung des Rechts auf das traditionelle Familienbild stößt auf wachsende Kritik."

"Vater, Mutter, Kind“ gilt längst nicht mehr für alle

Mehr als ein Drittel aller Kinder kommen heute in nicht-ehelichen Beziehungen zur Welt. Allerdings stehen Patchwork-Familien wie die von Cornelia im Entwurf so gut wie gar nicht drin. In Punkto Abstammung argumentieren die beteiligten Juristen weiterhin konservativ, wie die emeritierte Jura-Professorin Dagmar Coester-Waltjen, die in einer vom Bundesjustizministerium eingerichteten Expertengruppe am Entwurf mitgearbeitet hat.

"Rechtliche Elternschaft soll etwas sein, was von der Wiege bis zur Bahre grundsätzlich unabänderlich besteht. Und was eine zuverlässige, konstante Beziehung ist." Dagmar Coester-Waltjen, Jura-Professorin

Verbesserungen für Regenbogenfamilien

Verbesserungen würde das geänderte Abstammungsrecht folgenden Familienkonstellationen bringen: lesbischen Paaren – die Partnerin müsste zukünftig das Kind nicht mehr adoptieren wie bisher, sondern könnte Mitmutter werden. Neu dazu kommen Regelungen für inter- und transsexuelle Eltern. Außerdem sollen Paare rechtlich abgesichert werden, die ihre Kinder durch Reproduktionsmedizin zeugen lassen.

Die Neuerungen stellen zwei eherne Prinzipien deutschen Familienrechts nicht in Frage. Erstens: Die Frau, die ein Kind zur Welt bringt, ist die rechtliche Mutter. Zweitens: Kinder können maximal zwei Eltern haben. Die Blutsverwandtschaft steht weiterhin über sozialer Elternschaft.

Kindeswohl und Familienbild in Gefahr?

Die Parteien führen in ihren Stellungnahmen gegenüber dem BR zur Reform des Abstammungsrechts alle das Kindeswohl an. Je nach Parteicouleur lässt der Diskussionsentwurf "das Wohl des Kindes außer Acht“ (AfD), "stellt die Rechte von Wunsch-Eltern über das Recht von Kindern" (CSU) oder legt durch die rechtssichere Zuordnung der Elternteile den "Fokus auf die Rechte der Kinder" (SPD).

Den Grünen, der Linken und der FDP geht der Entwurf dagegen nicht weit genug. Sie fordern in Stellungnahmen gegenüber dem Bayerischen Rundfunk: Auch Mehrelternschaft sollte zukünftig erlaubt werden – sie kommt in der Realität schließlich häufig vor.

AfD und Union fürchten hingegen um die traditionelle Familie. Streit zwischen der Union und dem Koalitionspartner SPD, der die Federführung am Entwurf hat, ist vorprogrammiert.

"Die CSU im Bundestag sieht den Diskussionsentwurf des Bundesjustizministeriums sehr kritisch, weil er ein völlig verändertes Familienbild zeichnet." Stellungnahme der CSU

Sachlich begründet seien diese Ängste kaum, meint Familienrechtlerin Coester-Waltjen, denn die Reform würde das traditionelle Familienbild keineswegs abschaffen. Es werde sich aber "in den Randbereichen" vieles ändern, sagt die Juristin.