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Nils Kratzer klagt vor BGH wegen Altersdiskriminierung

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    Münchner klagt vor BGH: Zu alt für eine Party?

    In Corona-Zeiten klingt das Problem banal: Wer feiern will und abgewiesen wird - ärgert sich. Vor allem, wenn der Grund nach Diskriminierung klingt. In München wurde ein Mann abgewiesen, weil er zu alt aussah. Heute verhandelt der BGH in Karlsruhe.

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    Von
    • Regina Wallner

    Der erste Eindruck zählt: graue Haare im Stoppelbart, Lachfalten um die Augen: Sieht Nils Kratzer deswegen zu alt aus, um an einem Sommerabend beim "Isarrauschen" auf der Praterinsel in München zu feiern? Ja, entschieden die Sicherheitsleute an der Einlasskontrolle - und verwehrten dem damals 44-Jährigen und zwei Begleitern den Zutritt. Nein, findet Kratzer und sah sich diskriminiert. Er beruft sich auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und fordert 1.000 Euro Entschädigung. Damit hat er sich durch die Instanzen geklagt. In diesen Stunden wird der Fall vor dem BGH in Karlsruhe verhandelt.

    Auch mit 70 noch fit fürs Feiern

    "Ich habe noch nie erlebt, dass mir jemand ins Gesicht sagt, ich sei zu alt für ein Festival", erklärte Kratzer vor der Verhandlung. "Im Gegenteil - ich bin in der Vergangenheit bundesweit mit meinen Freunden oft auf Festivals gegangen, auf denen alle Altersklassen vertreten sind." Dort trifft man auch über-70-Jährige an. "Teilnehmer in meinem Alter sind dort der Regelfall und keine Aliens." Er wolle auch mit 70 Jahren noch die Möglichkeiten haben, "mich mit Alt und Jung zu amüsieren", so Kratzer. "Die Interaktion von "Alt" und "Jung" ist in jeglicher Hinsicht befruchtend für alle Generationen."

    Unpassende Gäste werden aussortiert

    Im konkreten Fall konnten sowohl das Münchner Amtsgericht als auch das Landgericht München I aber die Entscheidung der Veranstalter nachvollziehen. Das Open-Air-Event im August 2017 sei nicht für ein allgemeines Publikum, sondern für Personen im Alter von 18 bis 28 Jahren gedacht gewesen. Dem Geschäftsführer zufolge gab es kein generelles Zutrittsverbot für Menschen ab einem bestimmten Alter. Er sei selber 39 Jahre alt. Aber das Einlasspersonal hatte die Anweisung bekommen, "nicht passendes Gästepotenzial" auszusortieren.

    "Hinsichtlich der Zugehörigkeit zur altersmäßig definierten Zielgruppe sei es auf den optischen Eindruck angekommen. Eine Alterskontrolle habe nicht stattgefunden." Bundesgerichtshof (BGH)

    Alter und Aufmachung entscheidend für Einlass

    Entscheidend dabei war aus Sicht der Gerichte auch, dass die Teilnehmerzahl auf 1.500 begrenzt war. Für den Erfolg einer so kleinen Veranstaltung sei ein "nach Alter und Aufmachung homogenes Publikum" ein maßgebliches Kriterium. Deutlich anders sei dies bei größeren Events wie Konzerten in Fußballstadien oder Musikfestivals mit zig Tausenden Besuchern zu beurteilen, befanden die Münchner Richter. Das Benachteiligungsverbot gemäß AGG sei auf Massengeschäfte beschränkt.

    AGG seit 2006 in Kraft

    Das AGG, auch Antidiskriminierungsgesetz genannt, ist seit 2006 in Kraft. Seither gab es bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sechs Anfragen von Menschen, die sich wegen ihres Alters beim Einlass in Diskotheken oder Clubs diskriminiert sahen. Deutlich häufiger wurde Diskriminierung wegen des Geschlechts als Grund angegeben (73 Anfragen). Noch öfter - 320 Anfragen - sahen sich den Angaben nach Menschen wegen ihrer ethnischen Herkunft beziehungsweise aus rassistischen Gründen beim Einlass diskriminiert. Hierzu gibt es auch schon relativ viel Rechtsprechung, erklärte ein Sprecher. Weil aber in puncto Altersdiskriminierung Leitsätze zur Auslegung der Vorschriften fehlten, ließ das Landgericht die Revision zum BGH zu.

    Dehoga: Hausrecht ist ein wichtiges Gut

    Die Geschäftsführerin im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), Sandra Warden erklärt: "Nicht jede Ungleichbehandlung ist eine Diskriminierung." Der Gastronom darf frei entscheiden, wen er bewirtet. "Das Hausrecht ist in unserem Land ein hohes Gut." So könnten Gäste, die den Dresscode nicht erfüllen oder die stark alkoholisiert sind, abgewiesen werden. Dabei geht es auch um das Sicherheitsbedürfnis. Auch altersbedingte Ungleichbehandlungen können aus Wardens Sicht gerechtfertigt sein. Als Beispiel nennt sie Ü30-Partys, die bestimmte Gäste gezielt ansprechen sollen.

    Rechtsgrundlage für das Handeln der Türsteher ist dem Allgemeinen Schutz- und Sicherheitsverband zufolge die Hausordnung und der Vertrag mit dem Veranstalter. In der Hausordnung muss klar definiert sein, wer reingelassen werden darf. Zudem sollte ein sogenanntes Wachbuch, ein Dienstprotokoll, geführt werden.

    Anhand dieses Protokolls könnte man vergleichen, ob andere ältere Gäste auch abgewiesen wurden. Solche Vorfälle müssen dokumentiert werden.

    Jüngere Partnerin soll Kratzers Jugendlichkeit "beweisen"

    Kratzers Fall treibt mitunter kuriose Blüten. Zum Beweis, dass er "keinesfalls" alt aussieht oder alt wirkt, bot er vor dem Amtsgericht seine damalige, jüngere Partnerin als Zeugin an. München scheint sowieso ein "besonderes Pflaster für Diskriminierungen jeglicher Art zu sein", findet der 47-Jährige und verweist auf eine Bar, die ihn als Mann abgewiesen habe. Auch andere Fälle in der Stadt gibt es, in denen Gäste wegen ihrer Hautfarbe abgewiesen worden sind.

    Kratzer soll mit Klagen Geld gemacht haben

    Die Gegenseite argumentierte wiederum mit diversen Verfahren Kratzers, in denen er unter Berufung auf das AGG vor Gericht zog und damit Geld gemacht habe. Solche Vorwürfe weist der 47-Jährige vehement zurück: Die Geltendmachung der Geldansprüche soll nach der Gesetzesintention abschreckende Wirkung auf die Diskriminierenden haben. "Ich verfolge meine Rechte diesbezüglich nunmehr seit fast vier Jahren", erklärte er. "Ich habe Geld hierfür investiert, das die eingeklagte Entschädigungssumme um ein Vielfaches übersteigt."

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