BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© pa/dpa/Yui Mok
Bildrechte: pa/dpa/Yui Mok

Mord an George Floyd: Amerika uneins über gemeinsame Geschichte

3
Per Mail sharen

    Mord an George Floyd: Amerika hadert mit eigener Geschichte

    Vor einem Jahr kam der schwarze Amerikaner George Floyd durch einen weißen Polizisten gewaltsam zu Tode. Langsam wird deutlich, dass die schwarze Geschichte in den USA jahrzehntelang ausgeblendet wurde.

    3
    Per Mail sharen
    Von
    • Torsten Teichmann
    • BR24 Redaktion

    Mitten in Birmingham, im US-Bundesstaat Alabama, liegt der Linn Park mit seinen hohen Bäumen. Zu dem sandfarbenen Gerichtsgebäude des Landkreises an der einen Seite des Parks und dem Rathaus gegenüber soll bald ein weiterer Orientierungspunkt kommen: Ein Mahnmal für schwarze Amerikaner, die seit Ende des 19. Jahrhunderts Opfer von Lynchmorden wurden.

    Laut Joi Brown, der Direktorin des Projekts, hat Amerika seither einen langen Weg zurückgelegt, trotzdem sei nichts gelöst. Denn die Vereinigten Staaten hätten sich nicht mit der Geschichte auseinandergesetzt. "Wir legen Verbände an, statt über die hässliche, traumatische Vergangenheit zu sprechen", bilanziert Brown.

    Schwarze Geschichte fehlt in den US-Geschichtsbüchern

    Die Frage nach der Bedeutung der Vergangenheit wird seit einem Jahr etwas häufiger gestellt. Seit dem gewaltsamen Tod des schwarzen Amerikaners George Floyd durch den ehemaligen Polizisten Derek Chauvin in Minneapolis. Doch Amerikaner sind sich häufig uneins in ihrer historischen Erzählung. Zu groß seien die weißen Flecken, sagt der schwarze Bürgerrechtler und Anwalt Brian Stevenson. Selbst die am besten gebildeten Schichten sprächen sehr wenig über den Völkermord an den indigenen Amerikanern.

    Die meisten Menschen wüssten zum Beispiel nichts über den transatlantischen Sklavenhandel. Sie verstünden nicht, auf welch unterschiedliche Weisen die Versklavung Menschen traumatisiert habe. Auch die politische Aktivistin Arnee Odom beklagt, dass in den Schulen zu wenig über die Unterdrückung schwarzer Amerikaner unterrichtet wird. In ihrem Geschichtsunterricht früher habe sie nichts über die schwarze Geschichte Amerikas gelernt:

    "Es ging nie um uns. Und wir dachten, das ist normal so. Und wenn wir jetzt mehr schwarze Menschen in Filmen und im Fernsehen sehen, dann erkennen wir, das war falsch." Arnee Odom

    Ein Jahr zu wenig, um Rassismus zu überwinden

    Sie habe gelernt: "Only white is right", also übersetzt: Nur weiße Haut zählt. Diesen Rassismus könnten die USA unmöglich innerhalb eines Jahres überwinden, sagt Odom.

    Aber es gibt Versuche: Der Bürgerrechtler Brian Stevenson etwa hat mit seiner Initiative für Equal Justice die Namen von tausenden Opfern rassistischen Terrors in den USA recherchiert und ihre Geschichten gesammelt. Vor drei Jahren eröffnete die Initiative ein beeindruckendes Mahnmal in Montgomery, der Hauptstadt von Alabama.

    Die Geschichten der Menschen erzählen

    Im Linn Park in Birmingham zum Beispiel wurde Lewis Houston am 24. November 1883 von einem Mob weißer Männer gehängt. Und genau dort plant Joi Brown mit ihrem Team eine lokale Gedenkstätte für schwarze Opfer in Birmingham.

    Sie wünscht sich einen Ort zum Nachdenken, der den Menschen die Möglichkeit gibt, sich Zeit zu nehmen. Es solle ein Ort für Schulklassen werden. Außerdem gebe es inzwischen "diese großartigen Recherchen" über die Opfer, die mehr erzählen könnten, als nur Namen zu nennen und darauf hinzuweisen, dass sie Opfer waren.

    Forderung nach einer Wahrheitskommission

    Bei der Recherche ist Joi Brown unerwartet auf einen Abschnitt ihrer eigenen Familiengeschichte gestoßen. Sie entdeckte den Namen ihres Ur-Ur-Großvaters Mack Brown. Er hatte in einer Mine gearbeitet, erzählt Joi. Mack wurde 1883 in einem Waldstück von Polizisten von hinten erschossen.

    Der Vorwurf: Er habe an der Tür einer weißen Frau geklopft. Sie hat zwei Zeitungsartikel dazu gefunden. Die eine Überschrift laute: "Ein schwarzer Teufel" und die andere "Schwarzes Untier".

    "Die Tatsache, dass es normal war, so über Menschen zu sprechen, macht mich fertig." Joi Brown

    Dass dieses Gefühl der Verzweiflung und die Abscheu gegenüber Rassismus nicht von allen Amerikanern geteilt wird, ist ein Problem bis in die Gegenwart. Der Bürgerrechtler Brian Stevenson fordert deshalb eine Wahrheitskommission nach dem Vorbild von Südafrika, um die Geschichte der Vereinigten Staaten gemeinsam aufzuarbeiten.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!