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Papst der Wende: Zum 100. Geburtstag von Johannes Paul II. | BR24

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Karol Wojtyla im Jahr 1978 während seines ersten offiziellen Auftritts als Papst Johannes Paul II. in Castel Gandolfo (Archivbild)

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    Papst der Wende: Zum 100. Geburtstag von Johannes Paul II.

    Er brachte mit einem einzigen Besuch in seinem Heimatland den Kommunismus zum Wanken: Am 18. Mai 2020 wäre Karol Wojtyla, der erste polnische Papst, 100 Jahre alt geworden. Was würde er zu dem Polen von heute sagen? 

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    Von
    • Tilmann Bünz

    Der ovale Betonbau ist Polens wichtigste Kirche, wenn vielleicht auch nicht die schönste. 1977 war sie fertig. Eine Arche im Roten Meer. Arche wie Schiff, Rot wie Kommunismus. Kommunisten mögen in der Regel keine Kirchen. Das sei Opium für das Volk.

    Es gab nur ein Problem. Viele im Volk wollten partout eine Kirche auch in Nova Huta. Dafür schufteten sie zehn Jahre, ohne Lohn, nach Feierabend, freiwillig. Der jüngste Bauhelfer war Wojziech Nowak. Er erinnert sich: "Ich war gerade sechs Jahre alt, da bat der damalige Pfarrer alle Gemeindemitglieder, aus dem Urlaub runde und glatte Steine mitzubringen. Viele Kinder, viele Familien haben mitgemacht. Sehen Sie sich diese 20 Meter hohe Fassade an: alles unsere Steine."

    Vor der Kirche hält ein steinerner Johannes Paul II. Wacht. Es ist schließlich seine Kirche. Genau hier sollte sie stehen, da wo es die Machthaber auf keinen Fall wollten. Und der spätere Papst hatte die Volksnähe, die den Regierenden offenbar abging, sagt Jerzy Czerwień, der heutige Pfarrer.

    Ein Papst, der mit anpackte

    Er kam einfach zur Baustelle, um zu fragen, wie es geht, was es Neues gibt. Er kletterte die Gerüste hinauf, schaute in die Bottiche rein. Er sprach mit den Arbeitern, mit dem Ingenieur und mit dem Pfarrer, der den Bau leitete.

    In der zehnjährigen Bauphase der Kirche von Nowa Huta predigte Karol Wojtyla, so sein bürgerlicher Name, jedes Weihnachten unter freiem Himmel. Auch den ersten Spatenstich führte er aus.

    Nova Huta ist ein Arbeiterstadtteil im Osten von Krakau, die erste sozialistische Großsiedlung Polens, geplant als "Stadt ohne Gott". Keinen Sack Zement, kein Stück Holz, keinen Baukran gab es vom Staat für den Bau in Nova Huta. Alles musste von Hand geschehen. Das Regime hatte allen Firmen verboten, an die renitenten Katholiken in Nova Huta zu liefern.

    Der Mann, der den Boden küsste

    Alle kennen den polnischen Papst, als den Mann, der - kaum war er irgendwo gelandet - erst mal die Erde küsste. Weiße Soutane, osteuropäischer Akzent - wer wollte, konnte auch sehen, dass der Papst sportlich war, ein Skiläufer aus Leidenschaft. Relativ jung für sein Amt, bei seiner Wahl noch unter 60. Weil er so viel herumkam - 104 Reisen sind überliefert - hatte er auch schnell einen Spitznamen: "Eiliger Vater".

    Tatsächlich brachte er mit einem einzigen Besuch 1979 in seinem Heimatland das sozialistisch-kommunistische Regime zum Wanken. Seine Worte "Fürchtet euch nicht, wenn ihr euer Leben ändern wollt!", wirkten wie ein Weckruf. Zehn Millionen Menschen kamen, um ihn zu sehen, etwa jeder vierte Pole.

    Einer stand am Wegesrand, auch er ein Neuerer, und staunte. War der Papst so stark oder das Regime schon so schwach? Lech Walesa spürte enormen Rückenwind für seinen Traum von einer unabhängigen Gewerkschaft.

    Polen war reif für die Revolution

    Beim Glaubensbekenntnis wollte selbst die Miliz mitmachen, sagt er im ARD-Interview. Die Polizisten hatten den Text des "Vater Unser" nicht gelernt. Also beten sie "eins, zwei, drei, vier". Wir schauten zu und haben nicht mehr an die Zukunft des Kommunismus geglaubt.

    Walesa, der nach der Wende 1990 polnischer Präsident wurde, empfängt im Europäischen Zentrum der Solidarität am Hafen vom Danzig. Am alten Werfttor hängt ein Bild des Papstes – die Blumen sind immer frisch. Aber Walesa lobt ihn nicht in den Himmel.

    "Natürlich hat der Papst eine große Rolle gespielt. Aber die Revolution hat er nicht gemacht. 1979 gab es noch keine Organisation. In einem Jahr habe ich dann geschafft, zehn Millionen Menschen zu organisieren."

    Zwei Polen, die die Welt bewegten. Ob die beiden damals schon ahnten, dass Polen einmal zur Europäischen Union gehören würde? Und dass es in zwei Lager zerfallen würde.

    Auf dem Weg in den Gottesstaat?

    Ein Sonntag in der Arche zu Zeiten von Corona. Nur 49 Menschen sind zugelassen. Sonst kommen hier 5.500 Menschen jeden Sonntag - in sieben Messen.

    Der Pfarrer träumt, so sagt er, von einem neuen Leitstern, einem Mann mit Charisma. Zwei junge Männer sprechen das aus, was die nationalkonservative Hälfte des Landes denkt. Der eine sagt: "Natürlich gibt es in der Kirche Platz für alle, auch für Frauen, doch nicht als Pfarrer. Ich glaube nicht, dass es eine Berufung für Frauen ist." Der andere, ein Mann mit Zopf, ergänzt: "Die Keuschheit vor der Ehe sollte erhalten bleiben. Die Eheleute sollten auch erst nach der Heirat zusammen wohnen."

    Ex-Jesuit kritisiert Einfluss der Kirche in Polen

    Der wohl bekannteste Kirchenkritiker, der Ex-Jesuit und Theologieprofessor Stan Obirek, sieht Polen unter der Fuchtel der Kirche und sehr zum Schaden der Toleranz. "Offiziell gibt es die Trennung von Kirche und Politik, aber wenn man sieht, wie die Politik von links bis rechts sich auf die Kirche einlässt, dann habe ich gar Zweifel. Wir sind noch nicht in modernen Zeiten angelangt, und Polen ist in Wahrheit ein Gottesstaat", kritisiert Obirek.

    Ob Polen nun ein Gottesstaat ist oder nicht - in Polen wehte schon mal ein frischerer Wind, der Wind der Freiheit. Und der Freiheit bekommt es spürbar besser, wenn niemand - auch die Kirche nicht - allein das Sagen hat.

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