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Mitten in der dritten Welle: Braucht es nun den harten Lockdown? | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe

Viele Intensivmediziner und Infektiologen blicken mit Sorge auf die Infektionszahlen in Bayern. Die Bayerische Krankenhausgesellschaft befürchtet dagegen akut keine Überlastung.

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Mitten in der dritten Welle: Braucht es nun den harten Lockdown?

Die Corona-Infektionszahlen in Deutschland steigen. Das Land ist in der dritten Welle angekommen. In anderen Teilen Europas sind Maßnahmen bereits verschärft worden. Und bei uns? Braucht es einen neuen harten Lockdown? Darüber herrscht Uneinigkeit.

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Von
  • Markus Wolf

Draußen wird es wärmer, die Tage werden länger, doch die Infektionszahlen gehen einfach nicht nach unten: Was bei der Bekämpfung der Pandemie im Frühjahr vor einem Jahr geholfen hat, scheint jetzt nicht mehr auszureichen. In anderen europäischen Ländern wurden die Maßnahmen bereits verschärft. Braucht es auch bei uns wieder einen harten Lockdown? Darüber gehen die Meinungen stark auseinander.

Regensburger Infektiologe hält harten Lockdown für unausweichlich

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach in diesem Zusammenhang von einer neuen Pandemie - ausgelöst durch die als ansteckender geltenden Virusmutanten. Ähnlich sieht es offenbar auch der Regensburger Virologe Bernd Salzberger. Der Chef-Infektiologe der Uni-Klinik Regensburg rechnet deshalb mit einem erneuten strengen vier- bis sechswöchigen Lockdown.

Im Interview mit dem BR sagte Salzberger, es sei abzusehen, dass wir in einen Lockdown hineinlaufen. Das werde man in den nächsten Tagen sicherlich sehen. Sorge bereiteten ihm auch die gehäuften Infektionszahlen bei Kindern. Auch dies sei neu und habe wahrscheinlich mit der neuen Variante zu tun, die auch für Kinder ansteckender sei, so Salzberger. Abhilfe könnten spezielle Impfstoffe für Kinder und Jugendliche schaffen. Die könnten laut Salzberger aber schon bald auf den Markt kommen.

BKG: Situation mit der vor Weihnachten nicht vergleichbar

Ganz anders sieht es hingegen die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG). Ein strenger Lockdown würde die drohende Überlastung der Intensivstationen in deutschen Kliniken voraussetzen. Danach sehe es aber momentan nicht aus. "Zumindest nicht akut", so der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, gegenüber dem BR.

Im Vergleich zum Monat Februar seien zwar 20 Prozent mehr Menschen auf den Intensivstationen, aber die Situation sei nicht vergleichbar mit der Lage rund um Weihnachten, betont Engehausen. Durch Impfungen und Schnelltestes sei die Situation eine andere.

Engehausen spricht sich deshalb gegen einen harten Lockdown aus: "Wir sehen, dass wir durch das Impfen, gerade in den Alten und Pflegeheimen, deutlich niedrigere Sterbezahlen haben, etwa um 80 Prozent reduziert." Daher gehe es jetzt nicht darum, einen ganz harten Lockdown zu machen, sondern die bereits definierte Notbremse einzuhalten und regional nachzusteuern.

Einheitliches Handeln von Bund und Ländern gefordert

Wenig Handlungbedarf sieht man bislang auch auf bundesweiter Ebene. Der neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, sagte der "Rheinischen Post", er sei davon überzeugt, dass die Schreckensszenarien, die aus dem Bereich der Intensivmedizin seit Tagen verbreitet werden, weder in der Politik noch in der Bevölkerung zu den damit wahrscheinlich  beabsichtigten Reaktionen führen würden. Die Krankenhäuser stünden nicht unmittelbar vor einer totalen Überlastung. Der Volkswirt plädierte stattdessen für mehr Geschlossenheit von Bund und Ländern. Die derzeitige politische Kommunikation sorge weder für Glaubwürdigkeit noch für Vertrauen in der Bevölkerung, so Gaß.

Aktuell noch 1.500 freie Intensivbetten für Covid-19-Patienten

Weniger optimistisch zeigt sich der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Christian Karagiannidis. Er hält die Lage für besorgniserregend und warnt deshalb bereits vor einer Überfüllung von Deutschlands Intensivstationen wegen der Corona-Pandemie innerhalb von vier Wochen. "Seit Mitte März sind unterm Strich 1.000 Intensivpatienten zusätzlich in den Krankenhäusern gelandet. Wenn sich diese Geschwindigkeit fortsetzt, sind wir in weniger als vier Wochen an der regulären Kapazitätsgrenze angelangt", sagte Karagiannidis der "Rheinischen Post".

Aktuell seien noch 1.500 Intensivbetten für Covid-Patienten frei. Karagiannidis, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist, sagte: "Wir malen keine Schreckensbilder, unsere Warnungen sind von den Zahlen gedeckt." Es brauche jetzt dringend einen harten Lockdown für zwei Wochen, verpflichtende Tests an Schulen zweimal in der Woche und deutlich mehr Tempo bei den Impfungen in den Zentren und Arztpraxen, so der Mediziner.

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