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Mitten in der Corona-Krise: Die WHO in akuter Finanznot | BR24

© dpa-Bildfunk/Peter Klaunzer

Logo der WHO im europäischen Hauptquartier der Vereinten Nationen in Genf

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Mitten in der Corona-Krise: Die WHO in akuter Finanznot

Die Weltgesundheitsorganisation koordiniert den globalen Kampf gegen das Coronavirus. Doch die WHO kämpft nicht nur gegen die Pandemie, sondern auch gegen akute Finanznot. Verschärft wird diese durch den Rückzug der USA.

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Von
  • Marc Engelhardt
  • Veronika Wagner

Seit drei Monaten bestimmt die Corona-Pandemie die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation in Genf. Zwar gehört die Bekämpfung von Pandemien für die UN-Sonderorganisation seit mehr als 70 Jahren zum Kerngeschäft. Dennoch könnte Covid-19 zur großen Bewährungsprobe werden, denn mitten in der Pandemie geht der WHO das Geld aus.

USA als Geldgeber ausgestiegen

Mit den USA hat der mit Abstand größte Geber angekündigt, die Organisation zu verlassen. Fahrlässig findet das Frank-Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebunds, obwohl er die amerikanische Kritik an der China-Hörigkeit der WHO teilt.

"Donald Trump ist in seinem Ansatz richtig, dass die WHO eine Reform an Kopf und Gliedern braucht, aber ihr in der Corona-Pandemie das Geld zu entziehen, ist genau der falsche Weg." Frank-Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebunds

Zu wenig Geld für zu viele Aufgaben

Der angekündigte Austritt der USA verschärft eine Finanzlage, die schon lange prekär ist. Gut zwei Milliarden Euro beträgt der Jahresetat der WHO. Dafür soll sie den weltweiten Kampf gegen übertragbare Krankheiten koordinieren, globale Impf- und Vorbeugeprogramme initiieren, weltweit Gesundheitsdaten erheben und auswerten und Entwicklungsländer beim Aufbau von Gesundheitssystemen unterstützen.

Außerdem unterhält die WHO 140 Länderbüros aus ihrem Budget, das dem der Genfer Universitätsklinik entspricht. Daran lasse sich nichts mehr sparen, urteilt Montgomery. Gemessen an ihren Aufgaben habe die WHO einen "Mini-Etat".

Zahlungen meist freiwillig und zweckgebunden

Die USA haben 2019 mehr als 440 Millionen US-Dollar an die WHO überwiesen – Deutschland, nach Großbritannien auf Platz drei der Geberstaaten, knapp 150 Millionen. Langfristig planen kann die WHO mit diesen Summen nicht, wie jetzt das Beispiel USA zeigt. Denn ungebundene Pflichtbeiträge machen den kleinsten Teil der Zuwendungen aus, sagt Gian Luca Burci, Direktor des Programms für globales Gesundheitsrecht am Genfer Graduate Institute.

80 Prozent der Zahlungen seien freiwillig und zudem noch zweckgebunden. In Notfallsituationen sei das kein gutes Modell. "Die WHO hat zwar für solche Fälle einen Notfallfonds gegründet, aber auch der war zuletzt mit 40 von 100 Millionen Dollar absolut unterfinanziert", sagt Burci.

"Was man braucht, sind klare Mittelzusagen, Gelder, die flexibel und sofort einsetzbar sind. Abhängigkeit von den Gebern darf es nicht geben." Gian Luca Burci, Direktor des Programms für globales Gesundheitsrecht am Genfer Graduate Institute

Umstrittene Finanzierung über private Stiftungen

Um die Abhängigkeit von Regierungen zu vermindern, setzt die WHO unter ihrem Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus verstärkt auf Geld aus der Industrie und von privaten Stiftungen. Schon jetzt stammen mehr als zwölf Prozent der freiwilligen Zuwendungen an die WHO von der Bill und Melinda-Gates-Stiftung, gefolgt von der globalen Impfallianz GAVI mit acht Prozent.

Auch diese Mittel sind zweckgebunden. Trotzdem soll dieser Anteil weiter wachsen, unter anderem über eine eigene Stiftung, deren Gründung die WHO vor wenigen Tagen bekannt gab. Caroline Schmutte leitet das Deutschland-Büro des Wellcome-Trust, der die WHO ebenfalls mitfinanziert. Eine WHO, die nur von Stiftungen finanziert würde, hält sie für falsch.

"Meiner Meinung nach liegt die Zukunft in der Weltgesundheitsorganisation wie auch in allen anderen großen UN-Organisationen ganz stark darin, dass die Staaten ihren Teil zahlen. Und auch die größten Stiftungen der Welt sind, mit Verlaub, nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man das mit den Etats der Länder in der Welt vergleicht." Caroline Schmutte, Wellcome-Trust

Großzügigkeit mit Hintergedanken: China springt ein

Dass ein Land wie Deutschland seine freiwilligen Zahlungen seit Jahren erhöht habe, sei zudem nicht nur finanziell, sondern auch politisch entscheidend. Geld bedeutet schließlich Macht. Das weiß auch China, das Land, dem in der Corona-Krise längst nicht nur von Donald Trump Einflussnahme auf die WHO vorgeworfen wird.

Lag das Land bei den freiwilligen Zuwendungen bislang weit hinter anderen Nationen, so kündigte Staats- und Parteichef Xi Jinping bei der Weltgesundheitsversammlung vor zwei Wochen an, für den weltweiten Kampf gegen Covid-19 und für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung in betroffenen Ländern in den kommenden zwei Jahren zwei Milliarden US-Dollar zur Verfügung zu stellen.

Für die WHO, die nach dem Rückzug der USA jeden Dollar braucht, war Xis Ankündigung eine gute Nachricht. Die kritisierte Abhängigkeit der Organisation von China aber dürfte durch das Geld aus Peking nicht geringer werden.

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