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Mit den Kräften am Ende: Pflege im Dauerstress | BR24

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Mann und Frau legen ihre Hände aufeinander

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    Mit den Kräften am Ende: Pflege im Dauerstress

    Viele Pflegekräfte in Deutschland fühlen sich ausgezehrt und unterbezahlt. Bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen ist schwierig. Auch weil viele Altenpfleger nicht in der Gewerkschaft sind.

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    Zu wenig Zeit für die alten Menschen, psychischer und physischer Stress - so beschreibt Dagmar Blum ihren Alltag als Altenpflegerin in München im Haus Alt-Lehel vom Bayerischen Roten Kreuz. Sie arbeitet seit 20 Jahren in dem Beruf. Dass sie bis zur Rente durchhält, glaubt sie nicht. „Man ist einfach ausgebrannt“, sagt die 56-Jährige. „Es ist einfach zu viel, dadurch dass so wenig Personal da ist.“

    Stress und Abstriche bei der Qualität

    Das ist ein Zustand, den viele in der Pflege beklagen. Zu dem Ergebnis kommt eine repräsentative Befragung vom Deutschen Gewerkschaftsbund. 46 Prozent gaben an, dass sie sehr häufig oder oft Abstriche bei der Qualität der Arbeit machen müssen, um ihr Arbeitspensum zu schaffen. 76 Prozent beklagen, dass sie sich sehr häufig oder oft bei der Arbeit gehetzt fühlen. 73 Prozent halten ihr Einkommen für gar nicht oder in geringem Maß angemessen.

    Pflegekräfte kaum gewerkschaftlich organisiert

    Bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, sei für die Gewerkschaften ein harter Kampf, sagt Sylvia Bühler, Leiterin des Fachbereichs Gesundheit bei ver.di. Ein Grund dafür ist, dass Pflegekräfte in Deutschland kaum organisiert sind, die wenigsten sind Mitglied in einer Gewerkschaft. Bühler geht von zwölf Prozent aus. Laut der ver.di-Pflegeexpertin ist der Organisationsgrad je nach Einrichtung sehr unterschiedlich. In Altenheimen mit Tarifverträgen, zum Beispiel bei der Arbeiterwohlfahrt oder beim Deutschen Roten Kreuz, gebe es mehr Mitglieder.

    Harter Kampf für die Gewerkschaften

    Der Arbeitgeberverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) lehnt Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften gänzlich ab. Für Rainer Brüderle, Präsident beim bpa-Arbeitgeberverband, ist es selbstverständlich, dass sein Verband nicht mit den Gewerkschaften verhandelt. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sich für flächendeckende Tarifverträge ausgesprochen hat, gefällt Brüderle gar nicht. Der frühere Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion argumentiert, solange so wenige Altenpfleger in der Gewerkschaft organisiert seien, gebe es auch keinen Anlass, mit den Gewerkschaften Gespräche zu führen.

    Mehr als 40 Prozent der Pflegeheime in Deutschland sind laut Pflegestatistik des Statistischen Bundesamts in privater Hand. In Bayern sind es 36 Prozent. In diesen Einrichtungen als Gewerkschaft Fuß zu fassen und neue Mitglieder zu werben, sei schwer, sagt Bühler. „Viele sagen zu den Pflegekräften, dass sie sich nicht in der Gewerkschaft organisieren dürfen, oder verhindern, dass es Betriebsräte gibt.“

    Ein Teufelskreis für die Beschäftigten

    Auch Dagmar Blum ist nicht in der Gewerkschaft. Warum nicht? Da muss sie ein paar Sekunden überlegen. Die Altenpflegerin zieht verlegen die Schultern hoch. Dagmar Blum sagt, sie habe immer das Gefühl gehabt, das bringe nicht so viel. Sie sehe da keine großen Erfolge. Eine Art Teufelskreis, denn ohne mehr Gewerkschaftsmitglieder wird es schwierig, bessere Bedingungen durchzusetzen. Am Ende könnte es auf die Politik ankommen. Eine Möglichkeit wäre, dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt. Dafür müsste es allerdings erst einmal einen flächendeckenden Tarifvertrag geben.

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    Autor
    • Nadine Bader
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