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Missbrauchte Ordensschwestern: Der lange Kampf um Anerkennung | BR24

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Kardinal Christoph Schönborn und Doris Wagner

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Missbrauchte Ordensschwestern: Der lange Kampf um Anerkennung

Der Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche weitet sich aus - auch Nonnen und Ordensschwestern sind unter den Opfern. Der Wiener Kardinal Schönborn traf erstmals vor laufenden BR-Kameras ein Opfer. Beide Seiten sehen dringenden Handlungsbedarf.

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Der Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche hat eine weitere, erschreckende Dimension: den Missbrauch von Nonnen und Ordensschwestern durch Priester. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche, Papst Franziskus, hatte gestern auf dem Rückflug seiner Reise aus Abu Dhabi erstmals öffentlich den Missbrauch von Ordensfrauen durch Priester bestätigt.

"Ich weiß, dass Priester und auch Bischöfe das getan haben. Und ich glaube, es wird immer noch getan." Papst Franziskus

Missbrauch im Orden

Doris Wagner aus Oberfranken trat nach dem Abitur in eine Ordensgemeinschaft ein. Dort erlitt sie nach eigenen Aussagen verschiedene Formen psychischen und sexuellen Missbrauchs. Sie blieb acht Jahre lang in dem Orden. Inzwischen hat sie die Gemeinschaft verlassen. In einem autobiografischen Buch beschrieb die heute 35-jährige studierte Theologin, wie sie von zwei Priestern sexuell missbraucht und belästigt wurde.

Der Wiener Kardinal Schönborn suchte jetzt als erster bedeutender Vertreter der Katholischen Kirche das offene Gespräch mit Doris Wagner. Der mehrstündige, sehr persönliche Gedankenaustausch fand in einem Studio des Bayerischen Rundfunks statt und wurde für die Sendung "DokThema" des BR Fernsehens aufgezeichnet. So eine Begegnung vor laufenden Kameras hat es noch nie gegeben.

Leidensgeschichte von Doris Wagner

"Was ich auch selten Menschen bisher erzählt habe - mein erster Impuls, als ich vergewaltigt worden bin, war: Das kann ich niemals irgendjemandem erzählen", sagt Doris Wagner. Sie wollte, dass niemand von dem Missbrauch erfährt, "weil sonst würden Menschen an der Kirche zweifeln". Sie habe als Opfer selbst diesen Impuls gehabt und glaube, dass diesen Impuls auch Verantwortliche haben, "weil die Kirche ihre Heimat ist, und niemand möchte seine Heimat verlieren".

Ungleichheit zwischen Mann und Frau sei "Uraltsünde in der Kirche"

Kardinal Christoph Schönborn äußert sich mit klaren Worten: Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen sei "eine Uraltsünde in der Kirche.“ Und weiter: „Die Frauenfrage ist eines der großen Zeichen der Zeit." Das ganze Thema Missbrauch werde "die Frage der Frau in der Kirche in ein neues Licht stellen". Kritisch analysiert Kardinal Schönborn auch die mitunter sakrale Überhöhung des Priesteramtes in der Katholischen Kirche.

"Der Priester ist sakral, der ist unberührbar, der ist der Herr Pfarrer, und wenn dieses Priesterbild vorherrscht, ist natürlich Autoritarismus die ständige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles, es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen." Kardinal Christoph Schönborn

Mangelndes Problembewusstsein in der Kirche

Kardinal Schönborn gilt als einer der wichtigsten Unterstützer des Reformpapstes Franziskus und wird an der sogenannten Missbrauchskonferenz Ende Februar in Rom teilnehmen. Zu den Erfolgsaussichten der Konferenz äußert er sich skeptisch. Es fehle ein "Bewusstsein“ für das Problem des Missbrauchs an Ordensfrauen. Im Gespräch mit Doris Wagner geht er auf einen konkreten Fall ein, der bereits mehrere Jahre zurückliegt: "Es ging um eine Ordensschwester, die von einem Prälaten schwer missbraucht worden ist. Ich habe in diesem Land versucht, die Bischöfe aufzurütteln, auch den zuständigen Bischof, den Kardinal dieses Landes; erfolglos. Die Schwester wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und der Prälat ist nach wie vor im Amt.“ Anliegen des Papstes auf der Konferenz sei deshalb, "dass alle auf einen gemeinsamen Bewusstseinsstand kommen“.