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Über 30 Yoga-Schüler*innen werfen Mitgliedern der weltweit tätigen Sivananda-Organisation vor, sie sexuell missbraucht zu haben. Ein ranghohes Mitglied aus Deutschland soll von Vorfällen gewusst und nichts unternommen haben.

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Missbrauchsvorwürfe in der Yoga-Szene

Über 30 Yoga-Schülerinnen werfen Mitgliedern der weltweit tätigen Sivananda-Organisation vor, sie sexuell missbraucht zu haben. Ranghohe Lehrerinnen und Lehrer sollen demnach von Vorfällen gewusst, aber nichts unternommen haben.

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Von
  • Johannes Berthoud
  • Marlene Halser

Sivananda-Yoga ist ein Yoga-Stil, der sich als besonders traditionell verkauft: Wer hier fleißig dabei ist, hofft darauf, eines Tages zum Swami, also zum Mönch geweiht zu werden. Das bedeutet auch, sexuell enthaltsam zu leben. Nun werfen just dieser Organisation mindestens 31 Frauen sexuellen Missbrauch vor – mutmaßlich verübt vom geradezu ikonisch verehrten Guru der Sivananda-Tradition oder von anderen ranghohen Lehrern der Organisation.

Es war ein Facebook-Post, der alles ins Rollen brachte. Julie Salter ist heute 63 Jahre alt und lebt im kanadischen Ottawa. Am 10. Dezember 2019 veröffentlichte sie die folgenden Zeilen in dem Sozialen Netzwerk. "Für die letzte elf Jahre seines Lebens war ich Swami Vishnudevanandas persönliche Assistentin. Nacht für Nacht wurden Grenzen überschritten: Swami Vishnudevananda hat mich über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren sexuell missbraucht."

Zentren in München, Berlin und Hamburg

Swami Vishnu, wie viele den Namen abkürzen, ist der Begründer der Sivananda-Yoga-Tradition. Der Guru starb 1993. Seine Sivananda-Organisation betreibt heute weltweit rund 70 Yoga-Zentren, drei davon in Deutschland: In München, Berlin und Hamburg. Der Verein der Organisation in Deutschland hat nach eigenen Angaben 350 Mitglieder. Das Leben mit Swami Vishnu, das Julie Salter beschreibt, klingt wie das einer Leibeigenen - ohne Pausen, ohne freie Tage. "Ich war alles auf einmal", sagt Salter. "Sekretärin, Pflegekraft, Schülerin, Tochter, Ehefrau. Alle Rollen waren miteinander vermischt."

Viele Yoga-Schülerinnen und Schüler der Sivananda-Community sind entsetzt, als sie Julie Salters Post lesen. Weitere Frauen melden sich, die von sexualisierter Gewalt berichten. Schnell stellen die Yoga-Schüler auch die Frage: Was wusste die Sivananda-Organisation?

Untersuchung wegen Corona eingestellt

Zunächst hatte die Sivananda-Organisation angekündigt, die Vorwürfe von Julie Salter von einer kanadischen Anwältin aufklären lassen. Doch nach Beginn der Corona-Krise legt sie die angekündigte Untersuchung gegen den Guru auf Eis, da sie wegen den Folgen der Kontaktbeschränkungen während der Krise knapp bei Kasse sei.

Im Februar 2020 stoßen Yoga-Schüler der Sivananda-Lehre eine eigene Untersuchung an. Sie gehören zu einer Gruppe namens Project Satya, die eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe erreichen möchte. Satya ist Sanskrit und bedeutet "Wahrhaftigkeit".

Insgesamt 31 Frauen werfen laut den Berichten, die folgen, drei prominenten Männern der Führungsriege von Sivananda sowie 14 weiteren leitenden Personen vor, ihnen sexuelle Gewalt angetan zu haben. Die Vorfälle sollen im Zeitraum von den 1970ern bis heute passiert sein. Bis heute glauben viele der Yoga-Schülerinnen, die bei Project Satya organisiert sind, nicht, dass die Sivananda-Organisation die Missbrauchsvorwürfe wirklich aufklären will.

Deutsche Leiterin soll frühzeitig von den Vorwürfen gewusst haben

Im Vorstand der internationalen Sivananda-Organisation sitzt auch eine Deutsche. Brigitte Fletcher heißt sie. Innerhalb der Organisation wird sie Swami Durgananda genannt. Sie steht sowohl den deutschen, also auch den europäischen Zentren vor. Und sie ist die Dienstälteste im internationalen Führungsgremium. Deshalb steht hier auch die Frage im Raum: Was hat sie von all diesen Fällen gewusst? Julie Salter sagt, sie habe Fletcher bereits 2003 vom Missbrauch durch den Guru erzählt. Nach ihrem Eindruck sei weder Fletcher noch sonst jemand im Vorstand von ihrem Bericht überrascht gewesen.

Zu den Satya-Berichten äußert sich die Sivananda-Organisation nicht. Sie wird von einer Hamburger Medienrechtskanzlei vertreten und die verweist auf eine von Sivananda 2006 entwickelte Anti-Missbrauchs-Politik. Außerdem sei Frauen, die Vorwürfe gegen den Sivananda-Gründer Swami Vishnudevananda vorgebracht hätten, eine persönliche Mediation vorgeschlagen worden.

Die betroffenen Frauen lehnen eine Mediation ab. Die von Project Satya beauftragte Rechtsanwältin Carol Merchasin äußert sich dazu in einem der Berichte des Projekts. Sie schreibt, dass eine Mediation nicht sinnvoll sei, wenn es ein Mächteungleichgewicht zwischen den Verhandlungspartnern gebe und wenn es um strafrechtlich relevante Anschuldigungen gehe.

Gerichtlich geklärt sind die Anschuldigungen aus den Satya-Berichten bisher noch nicht. Die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe im Sivananda-Yoga steht vielleicht erst am Anfang.

Die Autorin Marlene Halser hat mehrere Monate zu den Missbrauchsvorwürfen im Sivananda-Yoga recherchiert. An diesem Wochenende berichten das SZ-Magazin und das Bayern 2 radioFeature gemeinsam über das Thema. Der Podcast vom radioFeature ist ab Freitag, 6.11. um 8 Uhr online. Auf Bayern 2 läuft das radioFeature "Missbrauch von Gurus Gnaden? Wie Yoga-Schüler*innen der Sivananda-Lehre für Aufklärung kämpfen" am Samstag, 7.11. um 13:05 Uhr.

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