Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Missbrauchstagung: Heiße Eisen anfassen | BR24

© BR/Christian Wölfl

Das Thema Erneuerung in der katholischen Kirche hat am Freitag namhafte Theologen in Würzburg beschäftigt. Dabei ging es auch um die Themen sexueller Missbrauch, Gewalt und Machtmissbrauch allgemein im Klerus.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Missbrauchstagung: Heiße Eisen anfassen

Das Thema Erneuerung in der katholischen Kirche hat bei einem Treffen in Würzburg namhafte Theologen beschäftigt. Dabei ging es auch um die Themen sexueller Missbrauch, Gewalt und Machtmissbrauch allgemein im Klerus.

Per Mail sharen

Sexualmoral, Homosexualität, Zölibat – fast keine Debatte über Missbrauch in der Kirche kommt ohne diese drei Stichworte aus. Und bei fast keinen anderen Themen wird leidenschaftlicher gestritten. Der Jesuit Godehard Brüntrup, Professor an der Münchner Hochschule für Philosophie, sieht eine Verbindung zwischen Sexualmoral und Zölibat.

"Ich denke, ein Problem beim Zölibat liegt darin, dass man den zölibatär lebenden Priester als eine, wie es Paul VI. gesagt hat, als eine engelsgleiche Person gesehen hat, also gewissermaßen als ein asexuelles Wesen. Und das ist für einen Menschen nicht möglich. Man kann die zölibatäre Lebensweise leben, wenn man seine Sexualität integriert hat und herausgefunden hat, dass man das wirklich will." Godehard Brüntrup, Jesuit

Dazu gehören laut Brüntrup auch sexuelle Beziehungen, die es aber der Sexualmoral zufolge ja nur in der Ehe geben darf. Ein weiteres Problem mache den Zölibat zu einem Rezept für ein Desaster: Denn ein junger Mann könne sich zwar zum Dienst als Priester berufen fühlen, nicht aber zur verpflichtenden Ehelosigkeit. Dann werde die zölibatäre Lebensweise vielleicht in Kauf genommen, eigentlich aber nicht gewollt. Das könne in Krisensituationen bis hin zum Missbrauch führen.

Kirchliche Würdenträger vom Podest holen

Auch das Amtsverständnis muss nach Meinung von Brüntrup diskutiert werden. Werde der geweihte Priester auf einem entrückten Podest oder einem Sockel gesehen, steige die Möglichkeit von Missbrauch.

Doch die Debatte um die theologischen Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal bleibt nicht allein bei der Frage nach Zölibat und Sexualmoral stehen. Es geht grundsätzlich um die Frage der Macht in der Kirche. Konkret wird in Würzburg die Frage gestellt, welche Autorität das Lehramt noch hat. Der Würzburger Fundamentaltheologe Matthias Remenyi:

"Also wer hat in der Kirche das Recht und die Macht und die Möglichkeit zu bestimmen, was der Wille Gottes ist, und in wessen Namen und mit welcher Autorität geschieht das?" Fundamentaltheologe Matthias Remenyi

Doch nicht allein diese Frage treibt die Theologen um. Thomas Schärtl, der in Regensburg Philosophische Grundfragen der Theologie lehrt, sieht eine Herausforderung in der Kontrolle der Macht.

"Wir brauchen Elemente von Gewaltenteilung in der Kirche, denn anscheinend geht es nicht, wenn wir nicht Kontrollmechanismen haben, wie wir das in modernen Demokratien eingeführt haben." Thomas Schärtl

"Heiße Eisen" müssen diskutiert werden

Doch was anfangen mit all den Erkenntnissen der Theologen - auf der Fachtagung in Würzburg oder anderswo? Denn entschieden wird nicht an Lehrstühlen, sondern – zumindest bisher – durch die Hierarchie. Klaus Pfeffer ist als Generalvikar im Bistum Essen und damit ein Teil davon. Er hält dringend eine offene Debatte für notwendig. Er denke, dass viele Katholiken bis in den engsten Bereich der Kirche "die Nase gestrichen voll" hätten und wirklich eine Veränderung wollten.

Deshalb könne es bei der Diskussion um die heißen Eisen, etwa bei der Sexualmoral, kein Zurück mehr geben, so Pfeffer weiter. Es geht für ihn um die Glaubwürdigkeit.

"Aber es ist ja offensichtlich, dass diese Lehre - gerade im Bereich der Sexualmoral - mit dem Leben der Menschen einfach nicht zusammenpasst. Und das ist einfach heute auch noch einmal sehr, sehr deutlich geworden, dass diese Diskussion nicht einfach vom Tisch gefegt werden kann." Klaus Pfeffer, Generalvikar im Bistum Essen

Immerhin, die Debatte wird öffentlich geführt, in der Theologie und unter Bischöfen. Vor nicht allzu langer Zeit wäre das noch undenkbar gewesen.