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Missbrauchsstudie der katholischen Kirche – eine Chronologie | BR24

© dpa/ Martin Moxter

Ein goldenes Kreuz vor dunklem Himmel

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    Missbrauchsstudie der katholischen Kirche – eine Chronologie

    Heute stellt die Deutsche Bischofskonferenz ihre Studie über den sexuellen Missbrauch vor. Damit geht ein jahrelanger Aufklärungsprozess zu Ende. Vorab wurde bekannt: Es gab tausende sexuellen Übergriffe durch Priester und Ordensleuten.

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    Es ist Ende Januar 2010: Der Jesuitenpater Klaus Mertes tritt in Berlin vor die Presse. "Wir haben nicht zugehört, wir haben nicht hingehört", sagt er damals. In zahlreichen Jesuitenschulen seien junge Männer sexuell missbraucht worden.

    Kurze Zeit später werden auch in den Bistümern und in anderen Ordensschulen ähnliche Vorwürfe bekannt. Die katholische Kirche reagiert und ernennt kurz darauf den Trierer Bischof Stephan Ackermann zum Missbrauchsbeauftragten.

    "Wir wollen eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme. Die Opfer haben ein Recht darauf." Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz

    Beginn der Aufklärung über sexuellen Missbrauch

    Aufklären soll ein Team unter der Leitung des Kriminologen Christian Pfeiffer, dem damaligen Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen: "Respekt vor der Kirche, dass sie sich nach einem langen Prozess,13 Monate hat es gedauert, zu dieser Entscheidung bekannt hat."

    Die Studie soll sich vor allem an den Opfern orientieren. Aber Pfeiffer und sein Team wollen auch in die Archive der Kirche, Akten analysieren und der Öffentlichkeit Ergebnisse präsentieren.

    Anfang 2013 kam dann der Bruch, erinnert sich Pfeiffer: "Jetzt sollten wir all diese Texte zur Genehmigung vorlegen."

    Aufklärung unter kirchlicher Kontrolle?

    Für Pfeiffer ist klar: Die Kirche will die Veröffentlichung der Ergebnisse kontrollieren. Er schmeißt hin und spricht von Zensur - die Kirche dagegen von Vertrauensbruch. "Christian Pfeiffer sagt die Unwahrheit, wenn er behauptet, dass das Forschungsprojekt an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert sei – das ist falsch“, so Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz: "Wir fordern ihn auf, mit einer Unterlassungserklärung von dieser Unwahrheit Abstand zu nehmen.“

    "Einer gerichtlichen Auseinandersetzung sehe ich mit Freuden entgegen“, antwortet Pfeiffer: "Gerichtlich bestätigt zu haben, dass die Kirche solche Wünsche an uns herangetragen hat, empfinde ich als eine große Erleichterung und wundere mich über die Kirche, dass sie solche strategischen Fehler begeht.“

    2014 nimmt die Kirche einen zweiter Anlauf zur „ehrlichen Aufklärung“

    Die katholische Kirche zieht den Antrag auf Unterlassung gegen Pfeiffer schließlich zurück und nimmt 2014 einen zweiten Anlauf. Erneut heißt es aus dem Mund des Missbrauchsbeauftragten Stephan Ackermann: "Wir wollen eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme. Die Opfer haben ein Recht darauf.“

    Diesmal soll ein Team aus Forschern, Psychiatern, Psychologen, Kriminologen und Soziologen Licht ins Dunkel bringen. Allerdings: Wieder haben die Forscher keinen Zugriff auf Originalakten. In einigen Fällen sollen Akten sogar vernichtet oder manipuliert worden sein.

    Ergebnisse der Studie: 3.677 Opfer und 1.670 Täter

    Nach viereinhalb Jahren Forschung stehen nun, im September 2018, die Ergebnisse fest: Es ist die Rede von 3.677 Opfern sexueller Übergriffe , 1.670 Täter innerhalb der katholischen Kirche in 68 Jahren, also von 1946 bis 2014.

    Autoren der Studie: Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche dauert an

    Das tatsächliche Ausmaß bleibt unklar. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass der Missbrauch andauert. "Das sind Zahlen, die nur ein Minimum darstellen, im Vergleich was die Dunkelziffer ausmacht, ist das also nur ein Abschein der Realität." sagt auch Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenorganisation Eckiger Tisch.

    Die Studie belegt einen unterschiedlichen Aufklärungswillen der einzelnen Diözesen. Liegt der Fehler im "System Kirche“? Der Passauer Bischof Stephan Oster resümiert jedenfalls beschämt: "Wir brauchen eine radikale Form der Selbstkritik im Blick auf die Institution.“

    "Eine verantwortungsvolle und professionelle Aufarbeitung“

    Die Deutsche Bischofskonferenz befasst sich heute mit der Studie, an der sich alle 27 Diözesen Deutschlands beteiligt haben, und den Konsequenzen, die aus den Ergebnissen gezogen werden müssen.

    Die Erwartungen an die katholische Kirche sind hoch. Die Kirche müsse „Verantwortung für jahrzehntelanges Verschweigen, Vertuschen und Verleugnen übernehmen“ und umfassend mit der Justiz zusammenarbeiten, so die Bundesjustizministerin Katarina Barley.

    Auch die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) appelliert an die deutschen Bischöfe, den Missbrauchsskandal glaubwürdig und umfassend aufzuklären. Es sei an der Zeit konkrete Maßnahmen einzuleiten, um das erschütterte Vertrauen in die Kirche wiederherzustellen.