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Missbrauchsskandal in Polen: Rücktritt aller Bischöfe gefordert | BR24

© picture alliance / NurPhoto

Protest gegen Kindesmissbrauch vor dem Palast des polnischen Bischofs Marek Jedraszewski.

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Missbrauchsskandal in Polen: Rücktritt aller Bischöfe gefordert

Nach einer Dokumentation auf Youtube über den Missbrauch durch Geistliche in Polen ist das tief katholische Land schwer erschüttert. Mehr als die Hälfte der Polen fordert den Rücktritt aller Bischöfe. Im Juni kommt der Chef-Ermittler des Papstes.

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Bislang waren es vor allem spektakuläre Einzelfälle, wenn es um den Missbrauch durch katholische Geistliche in Polen ging. Durch eine Internet-Dokumentation über den Missbrauch von Kindern in der Kirche ist das Thema nun aber zum Flächenbrand geworden. Der zweistündige Film auf der Videoplattform YouTube wurde mehr als 21 Millionen Mal aufgerufen.

54 Prozent der Polen fordern Rücktritt aller Bischöfe

Primas Wojciech Polak sagt im polnischen Radio, man müsse den Brand löschen, sich an die konkrete Arbeit machen und "wir müssen noch mal ganz genau die aktuelle Situation analysieren". Diese stellt sich aber, was die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Polen betrifft, regelrecht verheerend dar: In unterschiedlichen Umfragen sehen inzwischen 60 Prozent der Polen die Schuld für den Missbrauch nicht bei den einzelnen Geistlichen, sondern in der Institution Kirche selbst.

Eine knappe Mehrheit erklärte, der Kirche sei generell nicht zu trauen und 54 Prozent fordern sogar den Rücktritt aller polnischen Bischöfe. Zwei Drittel sind dafür, die Aufklärung der Übergriffe nicht der Kirche zu überlassen, sondern in die Obhut einer staatlichen Untersuchungskommission zu geben.

Youtube-Dokumentation: SAG ES NIEMANDEN

Missbrauchsopfer: kein Entschädigungs-, sondern Solidaritätsfonds

Die Kirche will bald freiwillig geben, was in anderen betroffenen Ländern bereits eine Selbstverständlichkeit ist: Geld und Hilfe für die Opfer, die eine Entschädigung bislang selbst einklagen müssen. Allerdings soll das geplante Instrument nicht etwa Entschädigungsfonds heißen, betont Primas Polak. "Ich unterscheide zwischen einer Entschädigung und einem Fonds, den man Solidaritätsfonds nennen könnte, der diesen Menschen helfen soll. Wir arbeiten schon länger daran."

Dem Ruf nach einer weltlichen Wahrheitskommission samt Zugang zu Kirchenarchiven auch für Vertreter der Opfer schloss sich nun auch die größte Oppositionspartei "Bürgerplattform" an. Ab Juni sollen Unterschriften gesammelt werden, um einen sogenannten Bürger-Gesetzentwurf ins Parlament zu bringen. Die regierende PiS Partei, die sich oft schützend vor die Kirche stellt, will nicht mitziehen. Sie kündigte einen eigenen Untersuchungsausschuss an, der aber ausdrücklich Missbrauchsfälle in allen möglichen Berufsgruppen untersuchen soll - etwa auch bei Pädagogen oder Künstlern.

Nachweis schwierig: keine Archive aus Zeit des Kommunismus

Indes dürfte der Nachweis des Missbrauchs durch Geistliche vor allem bei länger zurückliegenden Fällen selbst bei gutem Willen knifflig werden, prophezeit Polens bester interner Kirchenkenner, Priester Andrzej Kobylinski: "In Polen wird es schwer sein, einen Bericht zu machen, weil es keine Dokumente aus der kommunistischen Zeit gibt. Wir brauchen noch Jahre, um das Bewusstsein zu schärfen, wie wichtig eine große Forschungsarbeit ist." Das Risiko sei aber enorm, dass der gesellschaftliche Einfluss der Kirche stark sinken werde, weil die Pädophilie der Kirche ihre Glaubwürdigkeit nehme, so Kobylinski.

Derweil melden sich weitere Opfer zu Wort. Beschuldigt wird nun etwa auch der frühere Erzbischof von Breslau, Kardinal Gulbinowicz. Er ist bald hundert Jahre alt. Auch der Ruf nach einem Rücktritt aktiver Bischöfe wird lauter. Darüber aber, so Primas Polak, könne allein der Papst entscheiden. Der hatte bereits im Februar den Leiter des polnischen Opferverbands "Fürchtet euch nicht" eingeladen und symbolträchtig auf die Hand geküsst. Der Mann war als 13-Jähriger mehrfach missbraucht worden. Der Papst nahm damals eine Dokumentation des Verbands entgegen, in der 24 - teils noch aktiven - Bischöfen, Vertuschung vorgeworfen wird.

Chef-Ermittler des Papstes kommt Mitte Juni nach Polen

Mitte Juni wird derweil in Warschau der zweite Sekretär der vatikanischen Glaubenskongregation erwartet, der als Franziskus' Chef-Ermittler in Sachen Kindesmissbrauch gilt. Polnische Medien erinnerten daran, was auf Erzbischof Charles Scicluna Ermittlungen in Chile folgte: nämlich die Rücktrittsgesuche fast aller chilenischen Bischöfe. Entsprechende Erwartungen versuchte ein polnischer Kirchensprecher aber zu dämpfen: Man habe Scicluna selbst eingeladen und wolle von seinen Erfahrungen profitieren.