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Missbrauchsopfer fordern hohe Einmalzahlung von Kirche | BR24

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Bislang erhalten Missbrauchsopfer von der katholischen Kirche 5.000 Euro. Opfervertreter fordern nun aber eine Einmalzahlungen von 300.000 Euro. Das wirft neue Fragen auf: Wie realistisch ist diese Forderung und kann Geld wiedergutmachen?

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Missbrauchsopfer fordern hohe Einmalzahlung von Kirche

Bislang erhalten Missbrauchsopfer von der katholischen Kirche 5.000 Euro. Opfervertreter fordern nun aber eine Einmalzahlungen von 300.000 Euro. Das wirft neue Fragen auf: Wie realistisch ist diese Forderung und kann Geld wiedergutmachen?

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Es ist ein Novum in den fast zehn Jahren seit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals: Zum ersten Mal hat die Deutsche Bischofskonferenz Opfervertreter eingeladen, darunter auch Matthias Katsch, ehemaliger Schüler am Berliner Canisius-Kolleg und Betroffenenvertreter von der Initiative Eckiger Tisch. Eingeladen und zugehört:

"Über die Frage, was wir eigentlich wollen, was unsere Erwartungen sind, und konkret über Entschädigungen wurde in den vergangenen neun Jahren auch nicht gesprochen." Matthias Katsch, Betroffenenvertreter von der Initiative Eckiger Tisch

Opfervertreter halten bisherige Entschädigung für zu gering

Zwar können Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche bislang bis zu 5.000 Euro als sogenannte "Leistungen in Anerkennung zugefügten Leids" beantragen - etwa 2.000 Betroffene haben das bisher gemacht –, für viele Betroffene aber ist diese Summe eine Farce. "Wenn man jetzt anschaut, wie die Zahlungen für Anerkennung von Leid bisher waren, dann war das ja mit bis zu 5.000 Euro und in Einzelfällen bisschen mehr eine nicht zumutbare Größenordnung"; sagt etwa Robert Köhler, der Missbrauchsopfer aus dem Kloster Ettal vertritt.

Opfervertreter fordern jetzt Einmalzahlungen in Höhe von 300.000 Euro – und zwar pauschal für alle Betroffenen. Rechtsanwalt Ulrich Weber, der als Sonderermittler den Missbrauchsskandal der Regensburger Domspatzen aufklärte, hält das für schwierig.

"Also, wenn man sich die Rechtsprechung der Zivilgerichte ansieht, dann werden da weitaus niedrigere Summen ausgeurteilt, wobei es hier nicht um ein Urteil geht. Es gilt hier einfach, das Individuum und den individuellen Fall zu betrachten." Rechtsanwalt Ulrich Weber

Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch sieht das anders: "Wenn wir eine monatliche Opferrente von 500 Euro ansetzen, und das über die Lebenszeit der Betroffenen seit der Tat ins Erwachsenenalter hochrechnen, dann kommt man etwa auf diesen Betrag", rechnet er. Das sei aus Sicht der Betroffenen eine angemessene Entschädigung dafür, dass die katholische Kirche nicht nur die Taten durch ihre Priester zugelassen habe, sondern anschließend tatkräftig mitgeholfen habe, diese zu vertuschen.

Betroffene wollen mit der Forderung ein Zeichen setzen

Matthias Katsch weiß, dass die Entschädigungen anderswo höher ausfallen, zum Beispiel in den USA. Für ihn geht es beim jetzigen Vorschlag darum, ein Zeichen zu setzen: Über 3.000 Opfer zählte die große Missbrauchsstudie, die im Herbst veröffentlicht wurde. Müsste die Deutsche Bischofskonferenz jedes von ihnen mit 300.000 Euro entschädigen, beliefe sich die Gesamtsumme auf gut eine Milliarde Euro. Eine Summe mit Symbolkraft - auch für die Täter:

"Es sollte auch deutlich werden, dass die Reue oder das Bedauern, das jetzt ausgedrückt wird, auch tatsächlich zu einer schmerzhaften Konsequenz führt." Matthias Katsch, Betroffenenvertreter von der Initiative Eckiger Tisch

Ob die Betroffenen mit ihrer Forderung durchkommen, wird sich Matthias Katsch zufolge spätestens im September bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe zeigen. Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert die Forderung derzeit nicht. Opfervertreter Katsch ist nach dem ersten Treffen optimistisch: "Mein Eindruck war, dass es ein großes Verständnis gibt für diese Forderung, auch was die Höhe angeht. Und ich glaube, es ist auch Verständnis da, dass wir jetzt keine detaillierte, abgestufte Entschädigungsskala aufmachen wollen. Wenn man tatsächlich versucht, hier Einzelfallgerechtigkeit herzustellen, muss man einerseits einen enormen Aufwand betreiben, aber vor allem erreicht man damit genau das nicht, was eine pauschale Zahlung erreichen kann, nämlich eine Befriedung der Opfer."

Missbrauchsvertreter lobt Aufarbeitung im Kloster Ettal

Denn letztlich geht es immer um die Frage: Wie kann das Geschehene wiedergutgemacht werden? Eine angemessene Entschädigung sei ein erster Schritt, sind Opfervertreter überzeugt. Schließlich gehe es oft um kaputte Erwerbsbiografien, manchmal völlig zerstörte Existenzen. Beim Geld allein darf es nach Meinung von Robert Köhler aber nicht bleiben. Er kann heute mit seiner Ettaler Geschichte auch deshalb leben, weil das Kloster Verantwortung übernommen hat.

"Es gibt Verantwortliche dort, die zu dem stehen, was passiert ist. Sie benennen die Namen, auch sie wurden öffentlich genannt, es ist kein Geheimnis, was passiert ist. Es muss keiner Angst haben, dass er hier wieder dafür kämpfen muss, dass ein Täter benannt wird, sondern es ist jedem klar, dass das so war." Robert Köhler, Vertreter der Missbrauchsopfer aus dem Kloster Ettal

Und um diese Anerkennung der Taten müssen andere Opfer auch zehn Jahre nach den ersten Meldungen noch immer kämpfen.