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Papst kündigt Task Force gegen Missbrauch an | BR24

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Vor vier Tagen ist der Papst angetreten, die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche zur Chefsache zu machen. Auf der Konferenz in Rom wurde offen diskutiert. Am Ende hatten sich viele, vor allem viele Opfer, mehr erwartet.

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Papst kündigt Task Force gegen Missbrauch an

Zum Abschluss der Missbrauchskonferenz im Vatikan hat Papst Franziskus eine Expertengruppe angekündigt, die Bistümern helfen soll. Opferverbände hatten sich von dem Treffen konkrete Konsequenzen versprochen.

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Es sind die Worte des Papstes, an denen sich diese Konferenz messen lassen muss. Als Franziskus am Donnerstagvormittag die 190 Bischöfe und Ordensoberen in Rom begrüßte, sagte er:

"Das heilige Volk Gottes schaut auf uns und erwartet von uns nicht wohlfeile Verurteilungen, sondern konkrete und wirksame Maßnahmen, die zu erstellen sind. Wir müssen konkret werden." Papst Franziskus

Wie konkret diese Konferenz tatsächlich wurde, darüber wird nun gestritten. Manche Vorschläge zur Überwindung der Missbrauchskrise klingen – zumindest in deutschen Ohren – allzu selbstverständlich: Prävention, Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden, sorgfältige Personalauswahl.

Anderes ist neu, aber eigentlich längst überfällig: So soll die Glaubenskongregation ein Handbuch erarbeiten, wie Bischöfe in Missbrauchsfällen vorzugehen haben. Und dann gibt es auch wirkliche Neuigkeiten aus Rom: Papst Franziskus will eine Task Force einrichten, besetzt mit Experten verschiedener Disziplinen. Diese Gruppe soll jenen Bischofskonferenzen und Bistümern helfen, die sich schwertun, das Problem "Missbrauch" anzugehen. Die Idee stammt von einem der Organisatoren der Konferenz, dem deutschen Jesuiten Hans Zollner:.

"Ich stelle mir vor, dass drei, vier Leute in bestimmte Länder fahren, speziell in jene, in denen keine entsprechenden Ressourcen vorhanden sind, und denen helfen, dass das tatsächlich zu einem Markenkern wird: Kinder sind sicher. " Jesuit Hans Zollner

Teilnehmer geben keine gemeinsame Abschlusserklärung ab

Eine gemeinsame Abschlusserklärung dieser Konferenz kam nicht zustande. Anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit: Die Gefahr bestand, dass die Erklärung zu banal oder zu konkret wird. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx ist ohnehin der Auffassung, dass die Katholische Kirche keine neuen Leitlinien und Gesetze braucht, um sexuelle Gewalt gegen Kinder in den eigenen Reihen zu ahnden und zu verhindern. Die Umsetzung ist das Problem:

"Das ist ja eine gewisse Gefahr auch in der Kirche, große Worte zu machen, Predigten zu halten, auch gute Wünsche zu äußern, aber dann im konsequenten Umsetzen hapert es oft. Und in diesem Punkt dürfen wir eben nicht nachlassen." Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Missbrauchsopfer sind enttäuscht

Am Samstagabend hatten sich die Bischöfe in der "Sala Regia" im Apostolischen Palast versammelt. Der prächtige, äußere Rahmen, den dieser Renaissance Saal bietet, passt nicht so recht zum Anlass. In einem Bußgottesdienst sprechen die Bischöfe ein Schuldbekenntnis und sie hören den bewegenden Bericht eines Missbrauchsopfers. Der junge Mann kommt aus Deutschland, er ist in seiner Kindheit in Chile von einem Geistlichen missbraucht worden.

"Jede Form von Missbrauch ist die größte Erniedrigung, die ein Individuum erleiden kann. Man kann dem, was geschieht, nicht entkommen, man muss es erleiden, wie schlimm es auch sein mag." Ein Missbrauchsopfer im Bußgottesdienst

Bei einer Demonstration an der römischen Piazza del Popolo forderten Opferverbände Null Toleranz. Sie haben kein Verständnis dafür, dass die Kirche jeden Fall differenziert behandeln will, dass die Strafe für Missbrauchstäter der Tat angemessen sein soll.

"Wer als Priester Kinder missbraucht hat, darf und kann nicht länger Priester dieser Kirche sein. Und vielleicht noch wichtiger: Wer als Bischof, als Provinzial oder Ordensgeneral Missbrauch vertuscht hat, der darf nicht länger Leitungsperson in dieser Kirche sein." Matthias Katsch von der deutschen Opferorganisation "Eckiger Tisch"

Probleme werden deutlich angesprochen

Noch nie wurde Führungsversagen in der katholischen Kirche so deutlich angesprochen wie in diesen Tagen. Auch in der Bischofskonferenz. Der beste Redebeitrag dazu kam von der nigerianischen Ordensschwester Veronica Openibo:

"Die Hierarchie in der Kirche sollte ja eigentlich ein Segen für uns sein, um in der ganzen Welt mit eindeutigen Mechanismen dieses und andere Probleme anzugehen. Warum ist das nicht genug geschehen?" Veronica Openibo, nigerianische Ordensschwester

Und warum werden Bischöfe, die Missbrauch gedeckt und vertuscht haben, nicht konsequent sanktioniert, nicht abgesetzt? Das Problem beginne bereits beim Start in die kirchliche Karriere, bei der Ausbildung in Priesterseminaren und Klöstern, klagt Schwester Veronica.

"Es bereitet mir Sorge, wenn ich sehe, wie hier in Rom und anderswo die jüngsten Seminaristen behandelt werden, als wären sie etwas Besonderes. Denn das fördert in ihnen eine falsche Selbstwahrnehmung über ihren eigenen Status." Veronica Openibo, nigerianische Ordensschwester

Dass so etwas in der katholischen Kirche offen und vor dem Papst ausgesprochen werden kann, zeigt, wie sehr der Missbrauchsskandal die katholische Kirche erschüttert hat. Doch in den vergangenen Tagen waren immer wieder auch andere Stimmen zu hören. Die Missbrauchskrise werde von den Medien aufgebauscht, die katholische Kirche sei nicht schlechter als andere Institutionen. "Das Denken hat sich bei einigen nicht geändert", sagt ein frustrierter Konferenzteilnehmer.

Abschlussrede des Papsts stößt auf Kritik

Von den Bremsern forderte Papst Franziskus in seiner Abschlussansprache einen Mentalitätswechsel - um, wie er sagt, die Abwehrhaltung zum Schutz der Institution zu bekämpfen und so eine aufrichtige und entschlossene Suche nach dem Wohl der Gemeinschaft zu fördern. Dabei sei den Opfern von Missbrauch in jeder Hinsicht Vorrang einzuräumen.

Dass der Papst dieser Linie selbst nicht immer treu ist, war auch bei dieser Konferenz zu erleben. Vor allem seine Abschlussansprache bekam keine guten Noten. Vor allem, weil er den Eindruck erweckte, ihm gehe es weniger um die kirchliche, als um die gesamtgesellschaftliche Dimension des Missbrauchs. Vatikanexperte Marco Politi macht innerkirchliche Widerstände für den Schlingerkurs des Papstes verantwortlich.

"Der Papst hat eine sehr klare Idee von einer Null-Toleranz-Politik. Er hat Kardinal McCarrick degradiert und im Oktober zwei chilenische Bischöfe, die Missbrauch verantwortet haben. Aber diese klare Linie ist noch längst nicht an der Peripherie der Weltkirche angekommen." Vatikanexperte Marco Politi

Auch deshalb wird diese vermutlich nur erste von mehreren Bischofskonferenzen zum Thema Missbrauch gewesen sein.

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Weitere Information zur Verweildauer

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BR-Reporter Tilmann Kleinjung hat die Anti-Missbrauchskonferenz von Anfang an mitverfolgt. Nach dem Ende der Konferenz zieht er eine erste Bilanz.