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Missbrauchsgutachten im Erzbistum Köln: Woelki vor dem Aus? | BR24

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Hinter dem Kölner Dom ziehen Wolken an der untergehenden Sonne vorbei.

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Missbrauchsgutachten im Erzbistum Köln: Woelki vor dem Aus?

Rund ein Jahr nach dem ursprünglichen Termin stellt das Erzbistum Köln heute ein Rechtsgutachten zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen und Schutzbefohlenen vor. Von dessen Inhalt könnte die Zukunft des Kölner Kardinals Woelki abhängen.

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Von
  • Martin Jarde

Für den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki (64) könnte es ein Befreiungsschlag, aber auch ein Desaster werden. Heute legt der Strafrechtler Björn Gercke ein Gutachten über Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln seit 1975 vor, das auch Vertuscher unter den Bistumsverantwortlichen beim Namen nennt.

Missbrauchsgutachten im zweiten Anlauf

Endlich – nach einjähriger Verzögerung. Für Woelkis Zukunft hängt viel davon ab, wie plausibel die Ergebnisse dieses – zweiten – Untersuchungsauftrags sind und ob ihm selbst Fehler im Umgang mit Tätern und Opfern nachgewiesen werden oder nicht.

Die Untersuchung der zuerst beauftragten Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) sollen Betroffene, Journalisten und Interessierte wenige Tage später einsehen können. Eigentlich sollte WSW schon im März vergangenen Jahres über ihre eineinhalbjährigen Recherchen in Personal- und anderen Akten berichten. Doch erst verschob das Erzbistum kurzfristig den anberaumten Pressetermin und gab dann im Herbst die Veröffentlichung ganz auf – wegen "methodischer Mängel". Befürchtet wurde zudem, dass Persönlichkeitsrechte der Genannten verletzt werden könnten.

Kritiker werfen Kardinal mangelnden Aufklärungswillen vor

Gercke hatte für seine Untersuchung, die 236 Aktenvorgänge zwischen 1975 und 2018 umfasst, nur wenige Monate Zeit. Erst vergangenen Herbst war der Strafrechtler vom Erzbistum beauftragt worden, nachdem Woelki das WSW-Gutachten nicht veröffentlichen lassen wollte. Kritiker warfen dem Kardinal mangelnden Aufklärungswillen und schlechte Kommunikation vor.

"Ich erwarte keine Schonung – im Gegenteil", versicherte der Kardinal nach dem Gutachter-Wechsel. Er drang damit ebenso wenig durch wie Gercke mit seiner Beteuerung: "Das Gutachten wird für das Erzbistum ungemütlich werden." Es geht um viel; Rücktritte sind nicht ausgeschlossen. Anders als das im vergangenen Jahr vorgestellte WSW-Gutachten für das Bistum Aachen kommen nicht nur verstorbene oder im Ruhestand lebende Bischöfe oder Generalvikare in den Fokus. Diesmal stehen aktuelle Amtsträger im Mittelpunkt, darunter nicht weniger als vier amtierende Bischöfe.

Für Woelki steht viel auf dem Spiel

An erster Stelle Woelki selbst. Wie hat er als Erzbischof bei Fällen sexualisierter Gewalt gehandelt? Welche Rolle spielte er als früherer Kölner Weihbischof? In dieser Funktion erfuhr er zum Beispiel 2011 von Missbrauchsvorwürfen gegen einen befreundeten Pfarrer, der ihn dennoch ein Jahr später zu seiner Kardinalserhebung in Rom begleiten durfte.

Wenige Monate nach seinem Amtsantritt als Kölner Erzbischof sichtete Woelki 2015 dann die Akten von auffällig gewordenen Geistlichen, darunter auch die des beschuldigten Pfarrers. Kritiker werfen dem Kardinal vor, eine kirchenrechtliche Voruntersuchung und eine Meldung nach Rom unterlassen zu haben. Der verteidigt sein Vorgehen mit der fortgeschrittenen Demenz des inzwischen verstorbenen Pfarrers, der Fragen zu den Vorfällen gar nicht mehr hätte beantworten können.

Auch Hamburger Erzbischofs Heße im Visier

Überprüft wird aber auch das Handeln des jetzigen Hamburger Erzbischofs Stefan Heße (54), der seit 2006 Personalchef und von 2012 bis 2015 Generalvikar in Köln war. In öffentlich gewordenen Teilen des WSW-Gutachtens ist zu lesen, dass er eine "indifferente" und "von fehlendem Problembewusstsein" geprägte Haltung gegenüber Missbrauchsopfern an den Tag gelegt habe. Heße weist die Anschuldigungen zurück und hält den Verfassern vor, sie "hätten gründlicher arbeiten können".

Gerckes Kanzlei habe "die Unterlagen daraufhin geprüft, ob die Vorgehensweise der damaligen Diözesanverantwortlichen jeweils im Einklang mit den Vorgaben des kirchlichen Rechts und Selbstverständnisses sowie des staatlichen Rechts stand", erklärte das Erzbistum. Er habe in "etlichen Fällen" Pflichtverletzungen der Bistumsleitung festgestellt, sagte Gercke im Vorfeld der Veröffentlichung. Einige Verantwortliche versuchten teils vergeblich, Vorwürfe gegen sie auszuräumen.

Rund 200 beschuldigte Kleriker und Laien seit 1975

Laut dem Strafrechtler kommt er auf insgesamt rund 300 Opfer und etwa 200 beschuldigte Kleriker und Laien seit 1975. Ausführlicher würden die Fälle geschildert, in denen sein Team Pflichtverletzungen nach den Vorgaben des weltlichen und kirchlichen Rechts nachgewiesen habe. "Wir erstellen kein moralisch-ethisches Gutachten", so Gercke. "Wir sind Juristen und bleiben auch bei unserer Disziplin." Die Frage nach Rücktritten überschreite seine Kompetenz als Gutachter, betonte Gecke. "Wir zeigen Pflichtverletzungen auf. Und dann ist die Debatte eröffnet."

Woelki kennt nach eigenen Worten das Gercke-Gutachten bislang nicht. Unmittelbar nach der Vorstellung will er sich mit einem Statement zu Wort melden. Auch ein Mitglied des Betroffenenbeirats des Erzbistums, Peter Bringmann-Henselder, wird sich äußern. Personelle Konsequenzen aus dem Gercke-Gutachten will der Erzbischof am Dienstag kommender Woche dann bekanntgeben.

Früherer Münchner Generalvikar bedauert fehlende Rücktritte

Prälat Peter Beer, Professor am päpstlichen Kinderschutzzentrum in Rom, bedauert das bisherige Fehlen von Rücktritten im Erzbistum Köln. Er vergleicht die Situation des Kölner Kardinals in der "Bild"-Zeitung mit der Alkoholfahrt der früheren evangelischen Bischöfin Margot Käßmann 2010. Diese habe bereits wegen einer Trunkenheitsfahrt ohne Personenschaden für sich die Notwendigkeit eines Rücktritts gesehen. "Leider ist keiner der Verantwortlichen trotz ausgelöster erheblicher Schäden für Leib und Seele von Kindern und Jugendlichen bisher zu so einem Schritt bereit", so der Professor der Universität Gregoriana und frühere Generalvikar des Erzbistums München und Freising.

"Wer Glauben verkünden will, muss glaubwürdig sein. Diese Glaubwürdigkeit hängt sehr stark daran, dass das, was man sagt oder ankündigt, mit dem übereinstimmt, was man dann tut." Peter Beer, Professor am päpstlichen Kinderschutzzentrum in Rom

Unstimmigkeiten, Abweichungen oder Widersprüchlichkeiten wirkten "verheerend. So schafft man sich selbst ab", so Beer. Jeder Bischof und Generalvikar müsse sich selbst befragen, inwiefern er dazu beigetragen habe, dass Vertuschung funktioniert; und wie ernst er den kirchlichen Anspruch genommen habe, auf Seiten der Schwachen und Hilflosen zu stehen.

Missbrauchsbeauftragter: Kein Rücktritt des Rücktritts willen

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte im Vorfeld der Veröffentlichung des Gutachtens eine weitreichende Kursänderung der Kölner Bistumsleitung. Mit der Vorstellung des Gutachtens am Donnerstag werde längst nicht alles in Ordnung sein, sagte Rörig der Düsseldorfer "Rheinischen Post". Es komme jetzt vor allem darauf an, "welche Verantwortung das Erzbistum dann glaubhaft und umfassend übernehmen will".

Rörig betonte, dass ein Rücktritt von Bischöfen nur um des Rücktritts willen nichts bringe. Ein Rücktritt sei zwar immer auch eine Zäsur und zeige, dass eine Pflichtwidrigkeit zur Aufgabe des Amtes führen kann. Fraglich sei, ob ein Rücktritt wirklich zu notwendigen Veränderungen führe, also zu einer Kursänderung.

Vorstellung des Gutachtens: Donnerstag 10 Uhr

Die Pressekonferenz mit dem Strafrechtler Gercke ist am Donnerstag ab 10.00 Uhr öffentlich unter www.erzbistum-koeln.de zu sehen. Weiter plant das Erzbistum, das Gutachten ab 13.00 Uhr auf seiner Internetseite zu veröffentlichen. Zuvor sollen Mitglieder des Betroffenenbeirats die Untersuchung einsehen können.

Wie genau die Münchner Kanzlei gearbeitet hat, sollen Journalisten, Betroffene und andere Interessierte dann auch erfahren – aber erst nach Vorstellung der Gercke-Expertise. Mit Spannung erwartet werden auch die Gutachter-Aussagen zu den Kölner Weihbischöfen Ansgar Puff (65) und Dominikus Schwaderlapp (53). Puff hatte von Mai 2012 bis August 2013 und damit für relativ kurze Zeit die Personalabteilung geleitet. Schwaderlapp war acht Jahre lang – von 2004 bis 2012 – Generalvikar von Woelkis Vorgänger, Kardinal Joachim Meisner (1933-2017).

Akten belegen: verstorbener Kardinal Meisner wusste von Missbrauchsfällen

In einigen bekannt gewordenen Missbrauchsfällen deutet vieles darauf hin, dass Meisner schuldig gewordene Kleriker wieder in der Seelsorge einsetzte und kirchenrechtlich vorgeschriebene Verfahren pflichtwidrig unterließ. Zudem habe er immer wieder öffentlich betont, er habe "nichts gewusst" von den Missbrauchsfällen, obwohl die Akten klar belegten, dass er darüber informiert gewesen sei.

Wie sieht die Aufarbeitung von Missbrauch in Bayern aus?

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Köln ist das eine, aber wie sieht es mit der Aufarbeitung in den bayerischen Bistümern aus.

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