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Missbrauchsdebatte: Schonungslose Analyse von Kardinal Schönborn
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Stefan Meining
Petr Jerabek
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Missbrauchsdebatte: Schonungslose Analyse von Kardinal Schönborn

Mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat sich ein bedeutender Vertreter der katholischen Kirche vor laufenden Kameras dem Gespräch mit einer Frau gestellt, die als Ordensschwester von Priestern missbraucht wurde: Schönborn traf sich in einem Studio des Bayerischen Rundfunks mit der früheren Ordensfrau Doris Wagner zu einem außergewöhnlichen und sehr persönlichen Gedankenaustausch.

Dabei betonte Schönborn, das Macht-Ungleichgewicht zwischen Priestern und anderen Gläubigen sei "zweifellos eine der Wurzeln" des Missbrauchs in der Kirche. Der Kardinal warnte in diesem Zusammenhang vor einer Überhöhung des Priesteramtes. "Der Priester ist sakral, er ist unberührbar. Er ist 'Herr Pfarrer'", schilderte der Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz und mahnte: "Wenn dieses Priesterbild vorherrscht, dann ist Autoritarismus die ständige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles. Es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen."

"Uraltsünde der Kirche"

Mit deutlichen Worten kritisierte Schönborn die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der katholischen Kirche: Sie sei eine "Uraltsünde in der Kirche". Der Kardinal sieht hier großen Handlungsbedarf: "Die Frauen-Frage ist eines der großen Zeichen der Zeit." Er sei überzeugt davon, dass die Missbrauchsproblematik - mit allem was sie aufwühle und in Bewegung setze - "die Frage der Frau in der Kirche in ein neues Licht stellen" werde.

Papst räumt Missbrauch von Nonnen ein

Erst am Dienstag hatte Papst Franziskus auf dem Rückflug von Abu Dhabi nach Rom erstmals offen über den sexuellen Missbrauch von Nonnen und Ordensschwestern in der katholischen Kirche gesprochen: "Ich weiß, dass Priester und auch Bischöfe das getan haben", sagte der Pontifex. "Und ich glaube, es wird immer noch getan."

Kardinal Schönborn gilt als einer der wichtigsten Unterstützer des Reformkurses von Franziskus und wird Ende Februar an einer Missbrauchskonferenz in Rom teilnehmen. Zu den Erfolgsaussichten der Konferenz äußerte er sich skeptisch. Noch immer fehle bei einigen katholischen Würdenträgern ein "Bewusstsein" für das Problem des Missbrauchs in der Kirche. Anliegen des Papstes sei, dass durch die Konferenz "alle auf einen gemeinsamen Bewusstseinsstand kommen".

Missbrauch im Orden

Schönborns Gesprächspartnerin Doris Wagner aus Oberfranken war nach dem Abitur in eine Ordensgemeinschaft eingetreten. Dort erlitt sie nach eigenen Aussagen verschiedene Formen psychischen und sexuellen Missbrauchs. Sie blieb acht Jahre lang in dem Orden. Mittlerweile hat sie die Gemeinschaft verlassen. In einem autobiografischen Buch beschrieb die studierte Theologin, wie sie von zwei Priestern sexuell missbraucht und belästigt wurde.

In der BR-Sendung "DokThema" schilderte die heute 35-Jährige ihre inneren Kämpfe. "Mein erster Impuls, als ich vergewaltigt worden bin, war: Das kann ich niemals irgendjemandem erzählen." Sie habe gewollt, dass niemand von dem Missbrauch erfahre, "weil sonst würden Menschen an der Kirche zweifeln". Sie habe als Opfer selbst diesen Impuls gehabt und glaube, dass diesen Impuls auch Verantwortliche haben, "weil die Kirche ihre Heimat ist, und niemand möchte seine Heimat verlieren".

Das BR Fernsehen zeigt die Sendung um 22.00 Uhr. Zu sehen ist sie bereits jetzt hier in der BR Mediathek.

Der Kardinal und Doris Wagner im Gespräch

Der Kardinal und Doris Wagner im Gespräch