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© dpa-Bildfunk/Arne Dedert

Kardinal Reinhard Marx

Die von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie hat 3.677 Opfer sexuellen Missbrauchs gezählt, sowie 1.670 beschuldigte Priester und Diakone. Auch wenn die Taten teilweise Jahrzehnte zurückliegen, kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es in der katholischen Kirche weiterhin Strukturen gäbe, die Missbrauch begünstigen.

Täter wurden häufig nur versetzt

Der Koordinator der Studie, der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing, sprach bei den vorgelegten Zahlen von der "Spitze eines Eisbergs", denn die Kirche hat immer wieder Missbrauchstäter gedeckt. Beschuldigte Priester seien deutlich öfter versetzt worden als andere Kollegen. Die Schlussfolgerung der Forscher: Die Reaktion der Kirche auf eine erhebliche Anzahl von Fällen sexuellen Missbrauchs war inadäquat.

"Allzu lange wurde geleugnet, weggeschaut, vertuscht."

Kardinal Reinhard Marx legt im Namen der Bischofskonferenz ein Schuldbekenntnis ab für das Vertrauen, das zerstört wurde und für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden.

"Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich! Wir haben den Opfern nicht zugehört." Kardinal Reinhard Marx

Klerikalismus als strukturelles Problem

Die Ergebnisse legen nahe, dass es in der Kirche Strukturen gegeben habe und gebe, die Missbrauch begünstigen könnten, sagte der Koordinator der Studie, der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing. Der Klerikalismus, also das hierarchisch-autoritäre System, das dem Priester von Amts wegen eine übergeordnete Position einräumt, sei eine wichtige Ursache für diesen Missbrauch von Macht, der sich in seiner extremsten Form in sexuellem Missbrauch äußere, heißt es in der Studie.

Auch Kardinal Marx räumt ein, dass die Kirche Machtstrukturen zugelassen und "meist einen Klerikalismus gefördert" habe, der wiederum Gewalt und Missbrauch begünstigt hat.

Diskussion über Zölibat

Der Bamberger Generalvikar Georg Kestel geht sogar so weit, dass er die Notwendigkeit sieht, über den Zölibat zu diskutieren. Die Zahlen sprechen dafür: Die Studie belegt, dass die meisten Beschuldigten – nämlich 1.429 von 1670 – zölibatär lebende Priester sind und nur der kleineste Teil Diakone, die heiraten dürfen.

Bamberger Erzbischof: Über alles nachdenken, was Missbrauch verhindert

Auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hatte sich Anfang der Woche in einem Interview ähnlich geäußert. Es müsse alles getan werden, um Missbrauch zu verhindern. Auf die Frage, ob das auch die verpflichtende Ehelosigkeit von Priestern betreffe, sagte Schick: "Ich glaube nicht, dass Pädophilie mit dem Zölibat zusammenhängt, aber ich bin dafür, über alles nachzudenken, was Missbrauch verhindern kann, ohne irgendein Thema von Anfang an auszuschließen."

"Wahrheitskommission" als nächster Schritt

Die katholischen Bischöfe halten nach der Veröffentlichung der Studie weitere Schritte für nötig, um das Thema gründlicher aufzuarbeiten. Vielleicht könne es dabei so etwas wie unabhängige "Wahrheitskommissionen" in den Bistümern geben, sagte Kardinal Reinhard Marx. Auch für eine engere Zusammenarbeit mit dem Staat, der Justiz und dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung sei er grundsätzlich offen.

Dies entspricht dem Appell der Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD), die schon vor Veröffentlichung der Studie die katholische Kirche dazu aufgefordert hatte, umfassend mit der Justiz zusammenzuarbeiten und jede bekannt gewordene Tat anzuzeigen, damit Staatsanwaltschaften diese verfolgen können.