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Bischöfe haben beim Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Dom ihre Hände gefaltet.
© picture alliance/Arne Dedert/dpa
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Bischöfe haben beim Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Dom ihre Hände gefaltet.

Matthias Katsch ist auf dem Weg zu einem Vortrag am Montagabend in Würzburg. Er spricht hier über seine Geschichte, seinen Missbrauch als 13-Jähriger durch Jesuitenpatres am Berliner Canisius-Kolleg. 40 Jahre ist das her. Erst vor neun Jahren wurde es öffentlich.

"Diese Serientäter haben am Canisius-Kolleg über mehr als zehn Jahre Dutzende von Jungen sexuell missbraucht und verfolgt. Das ist natürlich aufgefallen. Vorgesetzten ist das aufgefallen, Eltern sogar. Aber es ist eben nicht gelungen, es aufzudecken, weil die Vorgesetzten es vorgezogen haben, es zu entschuldigen, es zu verheimlichen und als es dann gar nicht mehr anders ging, die Täter einfach zu versetzen." Matthias Katsch

Katsch ist so etwas wie das Gesicht der tausenden Betroffenen, die in den vergangenen Jahrzehnten durch katholische Geistliche in Deutschland missbraucht wurden. Viele von ihnen schwiegen wie Katsch Jahrzehnte. Ermutigt durch die öffentlichen Berichte über die Missbrauchsfälle in Berlin meldeten sie sich. Seitdem beschäftigt das Thema die Kirche – mit unterschiedlichem Erfolg.

"Es gibt Beispiele von Aufarbeitungsberichten, zum Beispiel bei den Regensburger Domspatzen oder im Kloster Ettal, da hat sich schon eine ganze Menge bewegt. Es gibt andere Bereiche in der Kirche, andere Bistümer oder Ordensgemeinschaften, wo scheinbar bisher gar nichts in Gang gekommen ist oder sehr wenig jedenfalls." Matthias Katsch

Missbrauchsstudie war ein Meilenstein - nun muss der nächste Schritt folgen

Wichtiger Meilenstein in der katholischen Kirche war die im September vorgestellte Missbrauchsstudie. Erstmals wurden nicht nur Zahlen zu Betroffenen und mutmaßlichen Tätern erhoben, sondern auch über die für die katholische Kirche spezifischen Faktoren gesprochen, die Missbrauch begünstigen, etwa der Zölibat und der Umgang mit Sexualität, speziell Homosexualität. Themen, die nach Meinung des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, angepackt werden müssen.

"Die Kirche muss jetzt genau schauen: Was läuft bei uns innerkirchlich strukturell falsch. Da muss sie genau schauen: Welche Auswirkungen hat der Klerikalismus beispielsweise in dem Fall? Wie sieht das mit dem Zölibat aus, wie mit dem Beichtgeheimnis." Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung

Es fehlt an klaren Standards der Präventionsarbeit

Bisher stehen diese Themen zwar in der Debatte. Konsequenzen gibt es noch nicht. Weitere Punkte für die deutschen Bischöfe sind einheitliche Standards für die Präventionsarbeit und bei den Personalakten, in denen teils Hinweise auf Missbrauchstaten fehlten. Auch die Aufarbeitung soll nach festen Kriterien laufen. Das heißt für den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, dass die Betroffenen immer beteiligt werden müssen. Und auch ein anderer Punkt ist für Rörig entscheidend.

"Dann muss auch endlich die Frage beantwortet werden: Was ist eine angemessene Entschädigungszahlung für das den Betroffenen in der Kindheit angetane Leid? Diese Frage ist immer wieder umgangen worden, keine Antwort geliefert worden. Es ist eine offene Wunde für Betroffenen.“ Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung

Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche müssen sich verantworten

Eine eigene Arbeitsgruppe zum Thema Missbrauch und Kirchen hat Rörig ins Leben gerufen. Sie hat bereits Vorschläge erarbeitet, etwa auch zur Frage des Aktenzugangs. Schon in den kommenden Wochen will Rörig darüber mit der katholischen, aber auch der evangelischen Kirche beraten. Denn auch die Protestanten müssen sich dem Thema Missbrauch stellen.

Für die katholische Kirche ist der nächste entscheidende Termin Ende Februar, ein Spitzentreffen der Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen mit dem Papst in Rom. Auch Katsch wird dort sein und sieht darin ein wichtiges Signal. Aber der Papst könnte jetzt schon Kraft seines Amtes handeln, sagt Katsch.

"Null-Toleranz bei Missbrauch. Wer als Priester Kinder missbraucht, kann nicht mehr Priester sein. Und auch Null-Toleranz beim Vertuschen und Verheimlichen. Wer als Bischof solche Taten unter den Teppich kehrt, kann nicht mehr ein Leitungsamt in der Kirche haben." Matthias Katsch

Die evangelische Kirche steht dagegen noch vor der Aufgabe, erst einmal die Taten zu erheben. Die Landeskirche in Bayern etwa hat dazu eine eigene Studie beschlossen.

Treffen der katholischen deutschen Bischöfe in Würzburg

Treffen der katholischen deutschen Bischöfe in Würzburg