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Missbrauch in der Evangelischen Kirche. Wie ein Opfer bis heute auf Konsequenzen wartet
© BR / Tillman Kleinjung

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Tilmann Kleinjung
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Missbrauch in der Evangelischen Kirche. Wie ein Opfer bis heute auf Konsequenzen wartet

Sie hatte massive Probleme zu Hause, er war Jugendpfarrer in Niederbayern und hat sich um die 14-jährige Kerstin Claus gekümmert, Kontakt mit dem Jugendamt aufgenommen, einen Platz in einem evangelischen Internat gesucht. So wurde er ihr Religionslehrer, mehr noch, sagt sie: "Ich habe Heimfahrt-Wochenenden, Ferien bei ihm verbracht. Er war mein Religionslehrer. Er hat regelmäßig das Religionszimmer abgesperrt, um mit mir allein zu sein. Auf Jugendfreizeiten gab es genau das gleiche. Das heißt, er hatte eine voll umfängliche Verfügungsgewalt über mich in den verschiedensten Settings."

Trotz Missbrauch befördert

Zweieinhalb Jahre dauerte der Missbrauch einer schutzbedürftigen Minderjährigen. Von 1984 bis 87. Erst als Kerstin Claus Jahre später eine Familie gründet, schafft sie es, den Mann anzuzeigen, der sie als Jugendliche gezwungen hatte, mit ihm in einem Bett zu schlafen. 2003 leitet die Bayerische Landeskirche ein Disziplinarverfahren ein. Der Ausgang des Verfahrens - eine Enttäuschung für Kerstin Claus: "Ihm wurde auferlegt, eine Spende zu leisten und sich bei mir zu entschuldigen - und das war's. Deshalb konnte er auch 2005 befördert werden."

Der Fall ist verjährt

Der Täter wird stellvertretender Dekan. Das Opfer wendet sich 2010 erneut an die Kirche, auch die Staatsanwaltschaft Passau schaltet sich ein. Das Ergebnis: Der Fall ist verjährt. Hätte die evangelische Kirche die erste Anzeige an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, wäre eine strafrechtliche Verfolgung noch möglich gewesen.

Heute leitet der Pfarrer eine evangelische Bildungseinrichtung. Kerstin Claus hat Zweifel: "Und obwohl es eine Zusage gibt, dass er keine Kinder- und Jugendarbeit machen darf, hat er noch letztes Jahr einen Abschlussgottesdienst an einer Schule gehalten. Er berät im Rahmen seiner Bildungsakademietätigkeit Eltern, die Schwierigkeiten mit pubertierenden Kindern haben. Und wie die Landeskirche sicherstellen will, dass diese Beratung nur in der Akademie stattfindet und nicht ins familiäre hineinreicht, ist mir schleierhaft."

Giffey fordert konsequentes Vorgehen

Vorgestern bei der EKD Synode in Würzburg. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey fordert in einem Grußwort von der Kirche ein konsequenteres Vorgehen gegen Täter. "Menschen, die Kinder missbrauchen und sie damit für ihr Leben schädigen, haben in keinem Amt der Kirche mehr etwas zu suchen."

Und der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford Strohm verspricht: "Null-Toleranz gegenüber Tätern und Mitwissern, dafür stehen wir in der Pflicht. Und da nehme ich ausdrücklich mit auf, was Sie, Frau Giffey, gesagt haben." Auf die Frage, warum im Fall von Kerstin Claus ein Täter noch im Dienst ist, will Bedford-Strohm keine Antwort geben. Nur so viel: Er sei natürlich nicht zufrieden mit dem Vorgehen seiner Landeskirche. Klar ist auch: Ein abgeschlossenes Disziplinarverfahren kann nicht ohne Weiteres wiederholt werden.

Kerstin Claus engagiert sich heute im Betroffenenrat der "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs". "Für mich ist auch Herr Bedford-Strohm, auch die Landeskirche Mitwisser. Der Täter hat gestanden. Die sexualisierte Gewalt, der Missbrauch ist bewiesen. Und diese Person weiter unbeschadet im Dienst der Landeskirche zu belassen, ist für mich unsäglich." Sie arbeitet mit aller Kraft daran, dass sich Fälle wie der ihre nicht mehr wiederholen.