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Bildrechte: Petros Giannakouris/dpa

Menschen im Flüchtlingslager Eleonas.

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    Migrantenlager Eleonas: Ein neues Moria - mitten in Athen?

    Um die griechischen Inseln zu entlasten, bringt die Regierung immer mehr Migranten auf das Festland. Viele stranden in Athen im Camp Eleonas - ein einstiges Vorzeigelager, das zu einem neuen überfüllten Hotspot anwächst.

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    Von
    • Verena Schälter

    In einem kleinen Industriegebiet, eine Viertelstunde Autofahrt vom Athener Stadtzentrum, befindet sich das Flüchtlingslager Eleonas. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern wartet, bis sich die schweren Eisentüren öffnen, dann verschwinden sie im Camp. Ein paar Meter vom Eingang entfernt steht ein junger Mann: Er heißt Ali und ist aus dem Iran nach Griechenland gekommen - zu Fuß, wie er erzählt, über Evros an der türkisch-griechischen Grenze nach Thessaloniki und von dort aus weiter nach Athen.

    Seit vier Jahren lebt der 22-Jährige bereits in Eleonas. Das Camp sei eines der besten in Griechenland gewesen, erzählt er. Aber nun sei die Situation schwieriger geworden. "Es ist wirklich voll und schmutzig", erzählt Ali. Außerdem komme es seit einiger Zeit immer wieder zu Diebstählen. Zwar gebe es einen Sicherheitsdienst, aber der würde häufig nicht kontrollieren, wer ein und aus gehe. "Es ist sehr kompliziert geworden", sagt Ali.

    Eleonas galt als Vorzeigecamp

    Dabei galt Eleonas einst als Vorzeigecamp in Griechenland. Die Stadt Athen hat das Lager verwaltet, erzählt Lefteris Papagiannakis, ehemaliger stellvertretender Bürgermeister. Mittlerweile arbeitet er bei der griechischen Hilfsorganisation "Solidarity Now".

    Eleonas habe sich wirklich unterschieden von den anderen Camps, sowohl was die Organisation als auch die Lebensbedingungen anging. Beispielsweise hätten alle Menschen hier nicht in Zelten, sondern in Containern mit fließend Wasser gewohnt, berichtet Papagiannakis. Etwa 1.900 Menschen lebten hier, 60 Prozent von ihnen Frauen und Kinder. Mittlerweile sind es fast 3.000 Menschen - und weitere ziehen hinzu. Trotz Protesten im Athener Gemeinderat wurden deshalb jetzt auch Zelte aufgestellt.

    Menschen von Lesbos nach Athen gebracht

    "Das Problem fing an, als Moria niedergebrannt wurde", meint Papagiannakis. Das ehemalige Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos ging im vergangenen September in Flammen auf. Ausgerichtet war es ursprünglich für knapp 3.000 Menschen, zur Zeit des Brandes lebten dort aber etwa 12.600 Menschen, die alle über Nacht obdachlos wurden.

    Die Regierung habe zunächst vor allem anerkannte Flüchtlinge nach Athen gebracht, so Papagiannakis. Wegen der Corona-Pandemie, so zumindest die offizielle Begründung, habe sich die griechische Regierung außerdem zum Ziel gesetzt, auch die anderen Inseln "zu entlasten" - und begonnen, Migranten in die Hauptstadt zu überstellen, die mit großer Wahrscheinlichkeit Asyl bekommen werden: unter anderem schwangere Frauen, ältere und kranke Menschen sowie Kinder.

    40.000 Flüchtlinge in Athen

    Laut einer aktuellen Statistik des griechischen Bürgerschutzministeriums leben derzeit noch rund 9.000 Menschen auf den Inseln Lesbos, Chios, Kos, Leros und Samos. Im vergangenen Jahr waren es demnach noch mehr als 40.000 Menschen. Auch in Athen befinden sich mittlerweile etwa 40.000 Flüchtlinge und Asylsuchende - viele von ihnen landen auf der Straße.

    Versorgung nur noch 30 Tage nach der Anerkennung

    Zusätzlich erschwert wird die Lage durch ein neues Gesetz vom vergangenen Jahr, wonach Flüchtlinge in Griechenland nur noch 30 Tage nach ihrer Anerkennung versorgt werden - und nicht wie bis dahin sechs Monate. Nach diesen 30 Tagen haben sie keinen Anspruch mehr auf Unterkunft oder Geld für Essen, sondern sind auf sich allein gestellt. Häufig stranden sie dann zunächst auf dem Viktoriaplatz in Athen. Dort führen die Behörden immer wieder Räumungsaktionen durch und bringen die Menschen in die ohnehin überfüllten Lager in und um Athen - auch nach Eleonas.

    Schlechte Lebensmittelversorgung

    Dort verschlechtern sich die Zustände zunehmend, beklagt Papagiannakis. Seit einigen Tagen gebe es beispielsweise Probleme mit der Lebensmittelversorgung. "Man übt auf diese Weise Druck aus, damit sie Eleonas verlassen", glaubt er. Nur wohin sollten sie sonst gehen? Papagiannakis meint: Den anerkannten Flüchtlingen werde zu verstehen gegeben, dass sie nun auch in andere Länder weiterreisen könnten. "Das Ziel ist, die Zahl der Flüchtlinge in Griechenland zu reduzieren, koste es, was es wolle."

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