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Wie Mexikos Journalisten zum Schweigen gebracht werden | BR24

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© pa/dpa/Marco Ugarte

Die Familie von Hector Gonzalez Antonio, der im Mai 2018 erschlagen wurde, trauert an seinem Sarg.

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Wie Mexikos Journalisten zum Schweigen gebracht werden

Mexiko ist eines der gefährlichsten Länder weltweit für Journalisten. Seit die Regierung 2006 den Kampf gegen die Drogenkartelle ausgerufen hat, werden Reporter systematisch bedroht, verschleppt und ermordet.

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Nach Berechnungen der Nationalen Kommission für Menschenrechte wurden allein in den vergangenen zwölf Jahren 116 Medienschaffende ermordet. "Außerdem sind 21 Journalisten entführt worden und verschwunden. Darunter zwei Frauen", ergänzt Balbina Flores Martínez, Journalistin und aktuell Repräsentantin und Korrespondentin für Reporter ohne Grenzen in Mexiko.

Kaum ein Verbrechen gegen Journalisten wird aufgeklärt

Angesichts einer Vielzahl von Entführungen im Lande, konstatiert sie bitter, rege sich kaum jemand über diese Verschwundenen auf. Schlimmer noch: Mehr als 90 Prozent der begangenen Verbrechen gegenüber Medienschaffenden blieben unaufgeklärt.

Zum Amtsantritt des neu gewählten Präsidenten Mexikos, Andrés Manuel López-Obrado, Ende 2018 hatte Reporter ohne Grenzen dazu aufgerufen, solche Straftaten konsequent zu verfolgen und zu bestrafen. Immerhin sind derzeit fast 300 Journalistinnen und Journalisten Teil eines staatlichen Schutzprogrammes. Das reiche aber nicht, findet Balbina Flores.

"Es gibt viel mehr Journalisten in Mexiko. Und es existiert eine schwarze Liste von Journalisten, die keine Anzeige mehr wagen, wenn sie bedroht werden. Es klingt furchtbar, aber das Schweigen der Journalisten hat sich zu einer Überlebenstechnik entwickelt." Balbina Flores, Reporter ohne Grenzen

Denn auch unterhalb der Ebene von Mord, Totschlag und Entführungen ist der Druck gerade auf investigativ arbeitende Reporter hoch. Davon zeugen allein 800 Anzeigen von Medienschaffenden, die in den letzten Jahren konkret bedroht wurden.

Sexualisierte Gewalt gegen Journalistinnen

Journalistinnen sind in doppelter Weise betroffen: Neben dem allgemein grassierenden Klima von Angst und Gewalt haben sie bei der Arbeit auch noch mit dem in Mexiko verbreiteten Machismo zu kämpfen.

"Wenn Journalistinnen über Korruption recherchieren oder ihre Stimme für entführte Menschen oder Verteidigerinnen der Menschenrechte erheben und dabei attackiert werden, wird dieser Gewalt weniger Beachtung geschenkt", sagt Lucía Lagunes Huerta, Direktorin der feministischen Presseagentur CIMAC. Zusätzlich nehme die Gewalt den Charakter sexualisierter Gewalt an: "Diese Frauen werden disqualifiziert, weil sie Journalismus betreiben, anstatt sich um ihre Kinder zu kümmern."

Regina Martínez entlarvt korrupte Politiker - jetzt ist sie tot

Lagunes Huerta ist zugleich Mitbegründerin des Nationalen Journalistennetzwerks, das sich für eine stärkere Präsenz von Frauen- und Menschenrechten in den mexikanischen Medien einsetzt. Als exemplarisch begreift sie den Fall der Investigativreporterin Regina Martínez.

Jahrelang berichtete diese über Menschenrechtsverletzungen, Korruption und staatlichen Machtmissbrauch. 2012 wurde sie in ihrem Haus in Xalapa ermordet, nachdem sie über die Kollaboration zwischen der Drogenmafia und Politikern in Veracruz recherchiert hatte.

"Die Behörden entschieden, die Ermordung mit ihrem Privatleben in Verbindung zu bringen und damit zu rechtfertigen. Ihre journalistische Arbeit dagegen wurde niemals angemessen gewürdigt.", beklagt Lagunes Huerta.

Antrag beim Internationalen Strafgerichtshof

Seit Amtsantritt von Präsident López-Obrado vor vier Monaten sind schon wieder sechs Journalisten ermordet worden. Da Appelle an die Regierung offenbar nicht viel fruchten, hat sich Reporter ohne Grenzen entschlossen, mit einem Antrag beim Internationalen Strafgerichtshof zu intervenieren. Ihre Mexiko-Vertreterin Balbina Flores begründet das so:

"Darin dokumentieren wir die Liste der ermordeten und verschwundenen Journalisten, einfach um dieses Problem sichtbar zu machen. Ein Problem, zu dessen Lösung der mexikanische Staat bisher nicht fähig war."