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Mediziner warnen vor Mega-Züchtungen bei Cannabis | BR24

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Joints rauchen gilt an vielen Orten als verzeihliches Laster. Allerdings ist das Cannabis von heute nicht mehr das der Hippie-Zeit. Die Rauschwirkung hat sich durch aggressive Züchtungen vervielfacht. Mit schlimmen Folgen.

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Mediziner warnen vor Mega-Züchtungen bei Cannabis

Joints rauchen gilt an vielen Orten als verzeihliches Laster. Allerdings ist das Cannabis von heute nicht mehr das der Hippie-Zeit. Die Rauschwirkung hat sich durch aggressive Züchtungen vervielfacht. Mit schlimmen Folgen.

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Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch mit Schminkutensilien: Viel mehr hat das zwölf Quadratmeter große Krankenhauszimmer nicht zu bieten. Auf dem Bett sitzt ein zierliches Mädchen. Ihre dunklen Haare hat sie zum Zopf zusammengebunden. Vor zwei Jahren hat sie mit dem Kiffen angefangen, mit 13. Jetzt, mit 15, sitzt sie in einer Psychiatrie.

Mit dem ARD-Politmagazin "report München" spricht sie erstmals über ihre Erfahrungen: Sie habe mehrere Monate lang täglich geraucht - und zunehmend die Kontrolle verloren. Sie habe aufgehört zu träumen und immer mehr Ängste entwickelt, regelrechte Paranoia.

"Wenn ich nachts irgendwie alleine eine Straße langgelaufen bin, hatte ich echt so krass Herzrasen. Ich habe immer Schritte hinter mir gehört, ich habe mich immer umgeschaut. Ich war immer voll in so einem Film drin." Psychatrie-Patientin

Irgendwann traut sich die 15-Jährige kaum noch aus dem Haus. Wenn sie alleine zuhause ist, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein: "Ich hatte einfach keine Lust mehr auf Menschen."

Zahl der Cannabis-Patienten steigt

Kiffen gilt vielen als harmlos. Über 40 Prozent der 18- bis 25-jährigen in Deutschland haben es mindestens ein Mal probiert. Geraucht wird offen im Park, in den meisten Bundesländern verfolgt die Polizei das kaum noch.

Aber immer häufiger landen Cannabis-Konsumenten im Krankenhaus. In wenigen Jahren hat sich die Anzahl der stationären Cannabis-Patienten in Deutschland verdoppelt, auf rund 19.000 Menschen im Jahr. Und zwei Drittel derjenigen, die sich erstmals wegen Drogenproblemen ambulant behandeln lassen, haben inzwischen Probleme mit Cannabis.

Entwicklung macht LKA Sorgen

Michael Uhl überrascht das nicht. Er leitet das Sachgebiet Chemie des LKA in Bayern. Was seine Kollegen sicherstellen, macht ihm zunehmend Sorgen. Cannabis hat sich stark verändert. Das Marihuana oder Haschisch von heute habe nur noch wenig mit der alten Hippie-Droge zu tun.

"Als ich vor über 30 Jahren angefangen habe, lag der durchschnittliche THC-Gehalt bei Marihuana bei etwa einem Prozent. Die Superware, Jamaica-Gras, hatte vier Prozent. Heute sind es 12 oder 13 Prozent im Durchschnitt. Das ist fast eine Verzehnfachung des THC-Gehalts." Michael Uhl, Leiter des Sachgebiets Chemie beim LKA Bayern

THC-Gehalt hat stark zugenommen

Zehnmal mehr THC heißt: zehnmal stärkere Rauschwirkung. In weiter verarbeiteten Drogen sind auch mehr als 50 Prozent THC-Gehalt möglich. Und das macht einen Unterschied. Britische Forscher haben Städte untersucht, in denen besonders starkes Cannabis im Umlauf ist, etwa Amsterdam und London. Das Ergebnis: Die Gefahr einer Psychose ist fünfmal höher, wenn Menschen diese Sorten täglich konsumieren.

Für Rainer Thomasius vom "Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes und Jugendalters" am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat Cannabis heute nichts mehr mit einer sanften Droge zu tun. Es sei inzwischen ein "hochpotentes Halluzinogen", mit einer "Qualität von LSD". Regelmäßiger Konsum sei "immer mit der Konsequenz" verbunden, "dass die Gefahr der Psychoseauslösung weiter und weiter und weiter erhöht wird".

Einige Parteien fordern kontrollierte Abgabe

Aber wie umgehen mit dem härter gewordenen Stoff? Die drogenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Kirsten Kappert-Gonther, schlägt vor, die Droge jetzt erst recht legal zu verkaufen – mit einer genauen Angabe, wie stark eine Sorte ist. Nutzer müssten wissen, was sie bekommen. Das sei momentan nicht der Fall.

"Wenn ein Nutzer oder eine Nutzerin auf dem Schwarzmarkt Cannabis kaufen, ist das so, als würden Sie in eine Kneipe gehen und sagen, ein Glas Alkohol bitte. Sie wissen nicht, was sie bekommen.“ Kirsten Kappert-Gonther, Grünen-Bundestagsfraktion

Transparenz zu schaffen, das gehe "nicht auf dem Schwarzmarkt, sondern nur in deklarierten Abgabestellen", meint Kappert-Gonther. Auch FPD, Linke und die neue SPD-Führung sind offen für eine kontrollierte Abgabe von Cannabis.

Mediziner: Legalisierung verbessert die Lage nicht

Allerdings sehen viele Suchtmediziner eine Legalisierung skeptisch. In US-Bundesstaaten wie Colorado wird Marihuana seit einigen Jahren legal verkauft. Und dort sei die Lage laut aktueller Studien nicht besser, sondern wesentlich schlimmer geworden, sagt Suchtforscher Rainer Thomasius vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

"Das, was wir immer befürchtet haben, bildet sich jetzt in den USA erstmalig ab. Die Legalisierung führt zu Sucht, Psychosen und Suiziden unter Cannabiseinfluss." Rainer Thomasius, Suchtforscher

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