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Medienhäuser: Kaum Migrationshintergrund in Chefetagen | BR24

© picture-allianceKEYSTONE/ANTHONY ANEX

Blick in eine Redaktion eines Medienhauses

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    Medienhäuser: Kaum Migrationshintergrund in Chefetagen

    Ein Viertel der Bevölkerung hat Migrationshintergrund. Eine Studie der Neuen Deutschen Medienmacher zeigt, dass diese Gruppe in den Chefetagen deutscher Medienhäuser unterrepräsentiert ist: mit nur sechs Prozent. Wohl auch, weil Kontakte fehlen.

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    Unterstützt von der Technischen Universität Köln haben die Neuen Deutschen Medienmacher 126 Chefredakteur*innen befragt. Das Ergebnis: Acht haben einen Migrationshintergrund. Die Hälfte davon kommt aus europäischen Nachbarländern, also Journalisten, deren Eltern aus Österreich, den Niederlanden oder Italien stammen. Chefredakteur*innen mit außereuropäischer Herkunft gibt es gar nicht. Das bedeutet, so die Neuen Deutschen Medienmacher (NDM), dass die besonders von Rassismus und Diskriminierung betroffenen Gruppen in den Chefredaktionen der größten deutschen Medien gar nicht vertreten sind.

    Im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk hat die Geschäftsführerin der Neuen Deutschen Medienmacher Konstantina Vassiliou-Enz die Studie erläutert.

    BR: Woran liegt es, dass es so wenige Chefredakteur*innen mit Migrationshintergrund gibt?

    Es gibt da so viele verschiedene Gründe. Es hängt es damit zusammen, dass Medienpersonal in Deutschland traditionell aus der Mittelschicht und aus dem Bildungsbürgertum kommt. Vielen jungen Leuten mit Migrationshintergrund fehlt halt dieser Stallgeruch. Die haben keine Kontakte, die haben keine Eltern, wo der Vater oder Onkel mit irgendeinem Chefredakteur Golfen geht.

    Es fehlen aber auch Rolemodels, also Vorbilder in den Medien. Man sucht sich ja oft einen Beruf aus, wenn man jemanden im näheren Umfeld hat, an dem man sich orientieren kann. Und, es hat mit finanzieller Sicherheit zu tun, also prekär arbeitet man mittlerweile schon nach einer Ausbildung. Journalismus ist kein Beruf, bei dem man sich ein sicheres Einkommen versprechen kann. Man muss es sich leisten können. Mit einer finanziellen Sicherheit, mit der Familie im Rücken, die einen unterstützen kann. Und auch das fehlt eben vielen.

    BR: Gibt es denn Redaktionen, die das versuchen zu ändern?

    Grundsätzlich, und das ist neu an der Studie, wünscht sich tatsächlich eine ganz große Mehrheit der Redaktion eigentlich eine vielfältige Besetzung, die die Zusammensetzung der Gesellschaft zeigt und widerspiegelt. Das ist eine Erkenntnis, die dem bisherigen Forschungstand nicht entspricht, sondern wirklich neu ist. Aber, die meisten tun nicht besonders viel.

    Was wir recherchiert haben ist, dass es dennoch einige positive Beispiele gibt. Der Hessische Rundfunk hatte zum Beispiel Ende letzten Jahres ein Volontariat ausgeschrieben und sie haben das auf ihrer Website bebildert mit einem afrodeutschen jungen Mann in einem Video, überschrieben mit „Journalistinnen der Zukunft gesucht“. Beim ZDF ist es so, dass in der letzten Ausschreibung tatsächlich gewünscht wurde, dass Zusatzqualifikationen wie Mehrsprachigkeit oder interkulturelle Kompetenzen vorhanden sind.

    BR: Was bewirkt denn eigentlich mehr Diversität in Medienhäusern, inhaltlich, thematisch? Wird man dann zur Migrations-Quotenfrau, oder kann man inhaltlich eine Entwicklung beobachten?

    Ja, das passiert natürlich auch, dass man als Quotenmigrantin in der Redaktion sitzt und nur Integrationsthemen bearbeiten kann. Wobei es mittlerweile auch bei den jungen Nachwuchsleuten welche gibt, die sich sagen, besser ich mach es, als jemand, der überhaupt keine Ahnung hat. Also das gibt es durchaus.

    Aber es geht auch darum, dass Medien wirklich sehen sollten, wie sie ihre Inhalte vielfältiger gestalten können. Es geht ja um eine sehr große Gruppe von Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund; immerhin 25 Prozent. Die auch zu bedienen, also deren Themen aufzunehmen und zu behandeln, deren Perspektiven in die Berichterstattung einzubringen und sie nicht irgendwie komplett links liegen zu lassen, ist wichtig. Das hat auch etwas damit zu tun, dass Medien sich immer wieder um neue Publikumsgruppen bemühen sollten. Bei der BBC klappt das zum Beispiel mit deren Diversitäts-Strategien. Und es ist eben nicht nur eine Frage von Gerechtigkeit, sondern auch davon, dass guter Journalismus eigentlich immer vielfältig ist.

    BR: Was können wir denn von der BBC lernen?

    Die BBC hat eine ziemlich umfassende Diversity Strategie. Da geht es um Quoten und nicht nur für das Medien-Personal an sich, sondern auch für die Führungskräfte. Eine Führungskraft kann nicht befördert werden, ohne nachzuweisen, dass sie was getan hat, sich für Diversity in den eigenen Reihen eingesetzt hat, genauso wie im Programm.

    Was bei der BBC gut funktioniert ist, dass sie sich gleichzeitig auch ihr Betriebsklima, also ihre Unternehmenskultur vornehmen, weil sie gemerkt haben, dass es eben nicht hilft, wenn sie sich Leute mit diversen Hintergründen holen und die sich dann in der Redaktion nicht wohlfühlen oder diskriminiert werden. Sie haben festgestellt, dass es ihnen tatsächlich Quoten bringt, also, dass neue Publikums-Gruppen erreicht werden und, das ist eben durchaus auch eine wirtschaftliche Frage. Können wir es uns leisten, so eine große Publikumsgruppe links liegen zu lassen? Wir wissen, dass jetzt schon in vielen Großstädten die Mehrheit der eingeschulten Kinder einen Migrationshintergrund hat.

    Die Neuen Deutschen Medienmacher sind ein Zusammenschluss von Journalisten mit und ohne Migrationshintergrund, der sich für mehr Diversität in den deutschen Redaktionen einsetzt – aber auch ein Forum für Austausch, Information und Unterstützung junger Kolleg*innen bietet.