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Medien-Startups weltweit: Nomada aus Guatemala | BR24

© Dmytro Larin

Lucía Menéndez hat das Medien-Startup "Nomada" in Guatemala mitgegründet.

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    Medien-Startups weltweit: Nomada aus Guatemala

    Guatemala ist gespalten - die Bevölkerungsschichten bleiben unter sich, Medien werden unter Druck gesetzt. Dagegen stemmen sich Startups wie "Nomada". Die jungen Journalisten sprechen Themen an, die in dem zentralamerikanischen Land als Tabu gelten.

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    Guatemala in Zentralamerika - für viele kein Land, über das sie täglich etwas aus den Medien erfahren. Laut Experten hat sich die Mediensituation vor Ort in den vergangenen Jahren massiv verschlechtert. Viele Journalisten hätten Angst um ihren Job, weil auch dort – wie überall sonst – Werbeeinnahmen wegbrechen oder an die Tech-Giganten Google und Facebook fließen. Doch es gibt Initiativen dagegen, wie zum Beispiel das Medien-Startup "Nomada", übersetzt Nomade, dass sei 2015 existiert.

    "Wir versuchen die Gesellschaft in Guatemala zu empowern, unser Fokus liegt dabei auf der Mittelschicht", erklärt Lucía Menéndez, die "Nomada" mitgegründet hat. "Der Grund: Wir glauben, wenn Menschen gut informiert sind, haben sie ein sinnvolleres und reicheres Leben, weil sie bessere Entscheidungen treffen können. Wir wollen das durch guten Journalismus erreichen, das heißt mit guten Recherchen, Grafiken, Videos, interaktiven Projekten." Ihr Ziel sei es, komplexe Themen so zu erklären, dass sie jeder versteht.

    Nomada - unabhängig und investigativ

    Bei "Nomada" ist Menéndez Direktorin für Design und Innovation. Das Team besteht aus rund 20 Beschäftigten. Ungewöhnlich ist, dass einer ansprechenden Optik genauso viel Wert beigemessen wird wie relevanten Inhalten. Content ist genauso wichtig wie die Form, findet die 42-Jährige: "Für mich ist das Design absolut entscheidend. Am Anfang haben die User gesagt, wir sehen zu schön aus, als dass wir glaubwürdig sein könnten. Die traditionellen Medien in Guatemala machen sich in der Regel nicht so viele Gedanken über ein gutes Design und wirken eher altmodisch. Also haben wir etwas Neues kreiert, dass jung, frisch, modern und innovativ daherkommt."

    Menéndez hat sich die gesamte Corporate Idenitity von "Noma", wie das Startup mit Kosenamen heißt, ausgedacht. Das auffallende Design ist von den Farben Schwarz und Weiß durchzogen und setzt vor allem auf Minimalismus. Nach fünf Jahren hat sich das Startup als unabhängiges, investigatives Medium in der Region etabliert, das Aufsehen erregende Recherchen zu Korruption und Gewalt gegen Frauen umgesetzt hat.

    Das Geschäftsmodell ist eine bunte Mischung aus Stiftungsfinanzierung, Investoren, Schulden und kommerziellen Einnahmen über die angeschlossene Content-Agentur "Nueve". Hier setzt man auf zeitgemäßes Storytelling in Form von Videos und Graphic Design. Das, was sie im Journalismus bereits erfolgreich umsetzen, übertragen sie einfach auf andere Bereiche wie Werbung oder Content Marketing.

    Startup will Gesellschaft in Guatemala verbinden

    "Im Moment planen wir eine Mitgliederkampagne, um "Noma" nachhaltiger zu machen", so Menéndez. "Generell haben wir schon immer viel Wert auf unsere Community gelegt: Wir machen regelmäßig Offline-Events, damit sich die Menschen direkt begegnen können – Face to Face – und nicht nur online oder auf Facebook. Im Grunde genommen sind wir der einzige Ort, wo Menschen aus unterschiedlichen Schichten aufeinandertreffen. Normalerweise sind die Menschen in Guatemala stark separiert und die Oberklasse oder die Mittelklasse umgeben sich nur mit Menschen aus der gleichen Schicht. Bei unseren Events und Parties brechen wir das auf."

    Die Zielgruppe ist modern, hip, urban, vor allem aber offen für neue Themen, die andere Medien in Guatemala kaum aufgreifen. "Wir berichten über Dinge, die viele als Tabu bezeichnen würden", erzählt Menéndez. So sprechen sie beispielsweise über Sexualität oder Feminismus. Vor kurzem wurde über Mädchen berichtet, die an touristischen Orten vergewaltigt worden sind. "Das sind Themen, über die die Leute eigentlich nicht reden wollen, für die wir offen sind", so die Journalistin.

    Menéndez: Medien bei uns sind extrem solidarisch

    Die größte Herausforderung sei jedoch die Nachhaltigkeit. Sie mache sie am meisten Sorgen über die finanzielle Zukunft von "Noma". Daneben ist die Mediensituation extrem angespannt: Journalisten werden massenweise entlassen, Politiker attackieren die Presse und Webseiten werden gehackt. "Wir Medien legen eine große Solidarität an den Tag", erklärt die 42-Jährige. "Wenn man sich mit einem Medium anlegt, legt man sich mit allen an. Wir unterstützen einander und sehen uns nicht als Wettbewerber, sondern eher so, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Als Journalisten stehen wir immer unter Druck – nicht so schlimm wie in anderen Ländern – aber auch wenn wir nicht fürchten müssen, verboten oder zensiert zu werden, ist es zum Beispiel schwierig, an gute Quellen heranzukommen."

    Viele Medien-Bosse fahren Menéndez’ Aussagen zufolge in gepanzerten Autos, weil sie Angst um ihr Leben haben. Dabei ist "Nomada" eigentlich noch gefährdeter als andere Unternehmen, weil es mutig Dinge anspricht, sie sonst keiner sagen will. Das äußert sich konkret in Drohungen, aber auch in Cyber-Attacken.

    Auch überregionale Kooperation mit anderen Medien

    Mehr als 300.000 Nutzer tummeln sich bereits jeden Monat auf der Webseite nomada.gt. Die beiden nächsten Ziele lauten: mehr Datenvisualisierung und Videos einzusetzen. Zudem wolle man noch viel mehr erfahren, was die Community braucht und mehr Themen umsetzen, die die Mittelklasse in Guatemala umtreiben so Menéndez: "Worüber machen sie sich Sorgen? Wie können sie sich noch stärker vernetzen? Wir sprechen die Sprache der Menschen, sind leicht zu verstehen, auf keinen Fall akademisch. Unser Anspruch ist, wir wollen nicht elitär auftreten, sondern Dinge beschreiben, die jeden betreffen."

    Darüber hinaus kooperiert das Medien-Startup regelmäßig mit anderen Projekten wie "Ojo Publico" aus Peru. Die Überzeugung dahinter: Man erreicht noch mehr Menschen mit guten Inhalten, wenn man über das eigene Land hinausblickt – gerade auf einem Kontinent wie Lateinamerika mit der Hauptsprache Spanisch bietet sich das auch an.