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Szabad Pécs in Ungarn

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Medien-Startup weltweit: Szabad Pécs in Ungarn

Ungarn ist Sorgenkind in Sachen Pressefreiheit. Die Medienmacht und Gleichschaltung der Regierung wächst weiter. Es gibt nur wenige unabhängige Medien, die vor allem online publizieren, weil es billiger ist. In der Provinz ist es besonders schwer.

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Im EU-Mitgliedsstaat Ungarn ist inzwischen der Großteil aller Medien mit politischer Berichterstattung direkt in den Händen der Regierung um Ministerpräsident Viktor Orbán oder zumindest seiner Sympathisanten. Das zeigt eine Analyse, die der Medienmonitor Mertek im Auftrag des Grünen Europaabgeordneten Sven Giegold angefertigt hat. Mertek stellte fest, dass die öffentlichen Kanäle und die angeschlossene Nachrichtenagentur die Opposition kaum noch zu Wort kommen lassen.

Unabhängiges Online-Nachrichtenportal "Szabad Pécs"

Attila Babos führt durch einen Hinterhof in einer Seitenstraße der Fußgängerzone von Pécs, vorbei geht es an einer Beratungsstelle für Drogenabhängige. Dann steht man zwischen einem Mutter-Teresa-Poster und einer Tür, Aufschrift "Szabad Pécs" - die Redaktion. Im Frühjahr 2017 haben die Mitarbeiter ihr Medien-Startup zu dritt gegründet. Aus der Not heraus, denn sie hatten keine Arbeit mehr. Zuvor arbeiteten sie viele Jahre für das hiesige Regionalblatt. Dann kaufte einer der besten Freunde Viktor Orbáns und einer der reichsten Männer Ungarns – Lörinc Mészáros - das Medienunternehmen "Mediaworks". Zu dem gehörte auch das Blatt der Gründer. Kurz nach dem Aufkauf flogen einige Redakteure raus – auch die drei.

Sie gründeten "Szabad Pécs", freies Pécs. Die Redaktion des unabhängigen Online-Magazins ist ein winzig kleiner Raum: zwei Schreibtische, ein Stehpult, drei Laptops, ein Drucker und eine Espresso-Maschine. Das sind ein paar Quadratmeter Pressefreiheit.

"Wir dachten, ein regionales Online-Medium ist nötig, denn es deutete sich schon an, dass die Regierung keine unabhängigen regionalen Medien will. Sie will die Öffentlichkeit kontrollieren, indem sie über Strohmänner Medien aufkauft. Es war klar: Wir können nur ein Online-Medium machen. Für uns ging es darum, zu entscheiden: Entweder machen wir was ganz anderes, gehen ins Ausland, oder hauen rein." Attila Babos, Gründer von Szabad Pécs

Redakteure schätzen Medienfreiheit als hohes Gut

Sie riskierten das Start-Up "Szabad Péc"“. Ohne Geld, dafür mit umso mehr Engagement, lobt auch der Medienexperte Gábor Polyák, der an der Universität Pécs lehrt und die unabhängige Organisation Mérték Media Monitor gegründet hat, die die Medienszene in Ungarn beobachtet.

"Das Projekt lebt von der Leidenschaft und dem Engagement der Macher. Einnahmen haben sie nicht viele. Aber sehr schnell wurde das eine wichtige Informationsquelle, denn das Regionalblatt "Dunántúli napló" – der "Transdanubien Tagesanzeiger" - hat schnell seine Glaubwürdigkeit verloren. Und wer die Welt nicht nur in den Geschmacksrichtungen der Regierung wahrnehmen will, der stößt unweigerlich auf "Szabad Pécs". Gábor Polyák, Universität Pécs

Das Online-Portal kommt jugendlich daher, nennt seine Rubriken "Pop", "Jazz" oder "Metal", berichtet über Vetternwirtschaft und Ungereimtheiten rund um kommunale Betriebe. Vor der Kommunalwahl im Oktober 2019 kamen Politiker aller Couleur zu Wort, nicht nur die der Regierungspartei. Die Berichte über die Folgen eines Unwetters in der Region wurden bis zu 40.000 Mal angeklickt. All das stemmen drei Redakteure – und gelegentlich ein paar freie Mitarbeiter in den Dörfern.

Unabhängiges Portal lebt von Spenden

Die Redaktion ist eigentlich immer klamm, erzählt Attila Babos. Das Ringen um Geldgeber ist schwierig. Das Portal lebt vor allem von den Spenden seiner Leser. Mit Investoren sei es schwieriger, die springen entweder urplötzlich ab oder wollten zu sehr reinreden.

"Keine Interessengruppen, keine Parteien, keine Politiker, keine Unternehmer stehen hinter uns. Das ist einerseits gut. Andererseits nicht gut für eine stabile Finanzierung. Auf jeden Fall können wir frei schreiben." Attila Babos, Gründer von Szabad Pécs

3.000 Euro im Monat seien nötig, meint Attila Babos, um "Szabad Pécs" stabil betreiben zu können – für ein eigenes Korrespondentennetz auf dem Land brauche es etwa das Dreifache. Es gibt Pläne, sich mit anderen regionalen Online-Medien wie etwa dem "Debreciner" im Osten Ungarns zu vernetzen. Aber auch dafür braucht man Geld.

Wissenschaftler: Regionaler Nachrichtenmarkt in Ungarn schwierig

Gábor Polyák, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Pécs, schätzt die Situation gerade für regionale Berichterstattung schwierig ein: "Es ist sehr schwer, sich in einem Markt zu etablieren, auf dem die meisten Akteure von der jeweiligen Regierung abhängig sind." Da Ungarn kein großes Land sei, wären die regionalen Medienmärkte noch nie besonders groß gewesen. Die Regionalverwaltungen und die lokalen Politiker hätten immer großen Einfluss gehabt. Und auch die regionalen Unternehmen seien stärker mit den Regionalverwaltungen verbunden als ein landesweites, starkes Unternehmen.

Auch die tägliche Arbeit in einem feindlich gesinnten Umfeld sei schwierig. Attila erzählt von seinem Alltag in der Provinz.

"Seit etwa zwei Jahren bekommen wir keine Antworten auf unsere Fragen. Wir müssen die verschiedenen Institutionen der Kommunalregierung ständig förmlich um Informationen bitten. Manchmal bekommen wir Antworten oder wir müssten sie einklagen, obwohl Ämter gesetzlich dazu verpflichtet sind. Zu Pressekonferenzen bekommen wir keine Einladungen. Wenn wir trotzdem hingehen, werden wir nicht reingelassen." Attila Babos, Gründer von Szabad Pécs

Kommunalwahlen bringen frischen Wind

Ein bisschen frischer Wind sei durch die Kommunalwahl im Oktober gekommen. Da verlor die Regierungspartei Fidesz ihren Bürgermeister-Sessel im Rathaus von Pécs. Den neuen Amtsträger konnte "Szabad Pécs" gleich interviewen. Ermutigende Zeichen. Doch Atilla Babos ist Realist: Entweder, die Redakteure finden langfristig Geldgeber für "Szabad Pécs" oder das Projekt ist tot. Zur Anschauung nahmen sie das Portal für einige Tage vom Netz – Abonnementenwerbung auf die brutale Art. Immerhin: Neue Abonnenten und Unterstützer meldeten sich. Es geht weiter. Vorerst.

"Es gibt noch eine freie Presse, freie Medien in Ungarn. Aber es gibt keine Pressefreiheit mehr. Die Regierung verzerrt den Markt und macht die Arbeit für unabhängige Zeitungen, Blogs, Online-Portale immer schwerer. Es geht nur um eine Frage: Die noch aufrecht stehen, wie lange halten sie durch?" Attila Babos, Gründer von Szabad Pécs