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Mauerfall: Heute Münchner - einst Bürgerrechtler im Herbst 1989 | BR24

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Viele Menschen sind nach der Wende aus dem Osten in den Westen und haben in Bayern eine neue Heimat gefunden - auch viele Bürgerrechtler ohne deren Mut die Deutsche Einheit gar nicht möglich gewesen wäre.

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Mauerfall: Heute Münchner - einst Bürgerrechtler im Herbst 1989

Leipzig gilt als das Zentrum der friedlichen Revolution. Junge Aktivisten traten Ende der 1980er Jahre für Bürgerrechte ein - mit offenem Ausgang. Ein Mann, der heute in München zu Hause ist, gehörte zu ihren entscheidenden Akteuren.

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Er habe damals eher "wie in einem Tunnel" gehandelt, sagt Johannes Fischer heute. Mögliche politische oder persönliche Folgen waren nicht das, worüber er bei seinem damaligen Engagement groß nachgedacht habe.

"Ich habe mir damals gar nichts gedacht. Ich war einfach dabei und hab' da mitgemacht, weil ich das wichtig fand. Aber damit gerechnet, dass wir damit binnen zwölf Monaten, zwei Jahren, drei Jahren, die DDR zum Einsturz gebracht haben, das waren nicht meine Gedanken." Johannes Fischer, war Bürgerrechtler in der DDR

Gewaltfreier Einsatz für Menschenrechte

Johannes Fischer war einer von drei gewählten Sprechern in der Arbeitsgruppe Menschenrechte, einer der Initiativgruppen, die den gewaltfreien Widerstand gegen das SED-Regime organisierten. Er spricht zurückhaltend und bescheiden von seiner Zeit als aktiver Bürgerrechtler in der DDR.

Weniger zurückhaltend: Die Agenda, die der damals 23-Jährige mit seinen Mitstreitern verfolgte. Es geht um öffentlichen Einfluss auf staatliches Handeln, die "Inanspruchnahme von Menschenrechten" durch "Sammlung und Veröffentlichung von Menschenrechtsverletzungen" in der DDR.

Die Missachtung bürgerlicher Freiheiten soll auf organisierte Weise publik gemacht, eine möglichst breite Öffentlichkeit erreicht werden. Wenn möglich, mithilfe der Westmedien. Doch die Gruppe hat offenbar auch andere Wege gefunden, um Menschen für Freiheitsrechte zu sensibilisieren wie zu mobilisieren.

Unverblümter Aufruf zur friedlichen Revolution

Unter Leitung des Pfarrers und Oppositionellen Christoph Wonneberger organisiert die Arbeitsgruppe Menschenrechte am 25. September 1989 das Friedensgebet in der Nikolaikirche. Von 2.000 Besuchern ist in SED-Protokollen die Rede. Von weiteren 1.000, die wegen Überfüllung nicht mehr reinkommen und sich auf dem Kirchhof versammeln.

Das Ereignis wird zu einem Frontalangriff gegen das SED-Regime. Wonneberger fordert in seiner Predigt unter lautem Beifall der Anwesenden das Ende staatlicher Repressionen, die Einführung von Pressefreiheit und Gewaltenteilung. Der junge Bürgerrechtler Frank Richter, ebenfalls einer der Sprecher der Arbeitsgruppe Menschenrechte, prangert gewaltsames Vorgehen gegen Demonstranten, verbunden mit zahlreichen Inhaftierungen, in den Vorwochen an.

Handlungsempfehlungen in der Kirche: Strategien gegen staatliche Willkür

Dann spricht Johannes Fischer. Über Methoden und Strategien des gewaltfreien Protests, über den zielführenden Umgang mit einem repressiven Staatsapparat. Sinn und Zweck: Der Abend soll friedlich verlaufen, ein voller Erfolg für die Anliegen der Bürgerrechtler werden.

Kurz vor der Demonstration, die im Anschluss an das Friedensgebet stattfindet, empfiehlt Johannes Fischer den Teilnehmenden, im Fall einer Festname den Umstehenden den eigenen Namen und gleich beim Einsatzfahrzeug die Zahl der Festgenommenen zuzurufen. Möglichst keiner soll der staatlichen Willkür anonym ausgeliefert sein, Angehörige sollen umgehend informiert und Öffentlichkeit so schnell wie möglich hergestellt werden können.

25.9.1989 - Erstmals erreicht Demonstration den Leipziger Straßenring

Es ist in diesem Moment unklar, wie der Abend endet. Dann geschieht das Unerwartete: Erstmals fassen die Besucher des Friedensgebets zusammen mit den weiteren Menschen, die sich auf dem Vorhof versammelten, den Mut, gemeinsam in Richtung des Karl-Marx-Platzes, heute Augustusplatz, zu ziehen: Die Bürgerbewegung hat den Leipziger Ring erreicht, ungehindert von der Polizei.

An diesem Abend sind es laut Schätzungen erst einmal 8.000 Teilnehmer. Doch sie sind der Anfang der großen Demonstrationen im öffentlichen Raum, die in den Folgewochen zum Mauerfall am 9. November führen.

"Wir hätten schon alle damit gerechnet, dass mehr an dem Tag passiert"

Warum weder er noch seine Mitstreiter nach diesem Abend des 25. September 1989 verhaftet wurden, kann sich Fischer bis heute nicht erklären. "Wir hätten schon alle damit gerechnet, dass mehr an dem Tag passiert", sagt er. Überhaupt kam es nur zu wenigen Festnahmen. Eine Woche später geriet Johannes Fischer für eine Nacht in Polizeigewahrsam, nachdem er die Inhaftierung von Demonstranten fotografiert hatte.

Die Ereignisse vom 25.9., so Fischer, bringen die vernehmenden Polizisten nicht mit seinem Gesicht in Verbindung. Obwohl er, weder zu übersehen noch zu überhören, vor allen Leuten gleich in der Nähe des Altars sprach. Der junge Mann bleibt völlig unbekümmert: Er beantragt beim Staat Schadensersatz für seine Fototasche, die bei der Festnahme beschädigt wurde.

Original-Tonaufnahme nach 30 Jahren gehört

Seit 1991 lebt Johannes Fischer in Bayern. Zum Studium kam er nach München, wo er seine heutige Frau kennenlernte. Fischer arbeitet heute in der Krankenhausverwaltung. Erst kurz bevor Fischer mit unserem Reporter Leipzig besucht, hört er sich die Tonbandaufnahme des Friedensgebets an. Dass es die gibt, hat er drei Jahrzehnte lang nicht gewusst.

Was ihn besonders beeindruckt? Nicht, seine eigenen Worte nach so langer Zeit zu hören. Sondern die Rede seines Mentors Wonneberger. "Wer andere willkürlich der Freiheit beraubt, hat bald selbst keine Fluchtwege mehr." So die Worte des Pfarrers. Was in den Wochen danach folgte, ist bekannt. Alles ging schneller, als es viele an jenem Abend vermutet hätten.