BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: BR

Menschen mit psychischen Problemen müssen immer länger auf ambulante Psychotherapie warten. Im Durchschnitt fast ein halbes Jahr. Das zeigt eine Studie des Verbands für psychologische PsychotherapeutInnen. Diese Wartezeit kann zum Problem werden.

16
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Mangelware Psychotherapie: immer längere Wartezeiten

Im Vergleich zum Vorjahr sind Wartezeiten für ambulante Psychotherapien auf durchschnittlich 22 Wochen gestiegen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Verbands für psychologische Psychotherapeuten. Der drastische Anstieg hat verschiedene Gründe.

16
Per Mail sharen
Von
  • Anna Dannecker
  • BR24 Redaktion

Lange auf eine Psychotherapie warten zu müssen, kann für Betroffene zu einem großen Problem werden. Das hat Sabrina aus dem oberbayerischen Scheuring schmerzhaft miterleben müssen. Mehr als ein Jahr lang hat sie nach einem passenden Therapieplatz für sich gesucht.

"Man tut sich mit Depressionen eh schon schwer, wieder aus dem Loch rauszukommen. Und wenn das dann so lange dauert, ohne dass man Hilfe hat? Dann wird es von Tag zu Tag einfach schlimmer, wirklich bis hin auch zur Selbstverletzung oder suizidalen Gedanken. Es ist sehr eng dann manchmal." Sabrina, 33 Jahre aus Scheuring

Umfrage: Wartezeit im Durchschnitt 22 Wochen

Der "Verband für psychologische Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen" (VPP) hat eine aktuelle Umfrage unter den Mitgliedern durchgeführt. Psychologische Psychotherapeuten sind diejenigen, die neben den ärztlichen Psychotherapeuten einen Großteil der Therapieplätze anbieten. Das Ergebnis: Kassenpatienten müssen im Schnitt 24 Wochen, also sechs Monate, auf einen ambulanten Therapieplatz warten. Rechnet man private Angebote dazu, sind es im Schnitt 22 Wochen. 2019 waren es noch durchschnittlich 17 Wochen.

Warum steigt die Wartezeit?

Laut der Vorsitzenden des VPP Bayern, Susanne Berwanger, haben die längeren Wartezeiten mehrere Gründe. Zum einen seien in den letzten Jahren Vorurteile gegen psychotherapeutische Behandlungen abgebaut worden. So würden mehr Menschen Psychotherapie nachfragen, auch um die Einnahme von Psychopharmaka - so weit es geht - zu vermeiden.

Corona-Krise schlägt auf Psyche

Zum anderen merken die Therapeuten, dass vor allem Depressionen und Angststörungen in der Corona-Krise zunehmen. Psychotherapeutin Berwanger führt das darauf zurück, dass die "Rahmenbedingungen wie Isolation, der Verlust von stärkenden Lebensbereichen wie Vereinstätigkeiten, Sport oder Freunde treffen letztendlich psychische Symptome verstärken können". Zusätzlich melden sich Patienten, die ihre Therapie eigentlich schon abgeschlossen haben, vermehrt wieder bei ihr zurück, da sie Rückfälle haben oder vorbeugen wollen.

Alternative Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten

Fast 90 Prozent der Patienten melden sich direkt bei ambulanten Therapeuten. Doch es ist auch möglich, über Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen einen Therapieplatz zu finden. Diese sind gesetzlich dazu verpflichtet, innerhalb von vier Wochen einen Behandlungstermin anzubieten. In akuten Fällen innerhalb von zwei Wochen, bzw. direkt einen stationären Klinikplatz. So will die Bundesregierung die psychotherapeutische Versorgung sicherstellen.

Die passende Therapie ist oft das Problem

Nur: Ein erster Behandlungstermin heißt nicht immer, dass eine Psychotherapie begonnen wird. Die Beziehung zwischen Patient und Therapeut sollte stimmen, da diese sehr wichtig für eine erfolgreiche Behandlung ist. Außerdem verlangen bestimmte Fälle spezifische Kenntnisse auf Seiten des Therapeuten. Das können etwa Sprachkenntnisse oder Zusatzausbildungen zur Traumatherapie oder Familientherapie sein.

Unterschiede in Stadt und Land

Außerdem sind therapeutische Angebote auch in Bayern nicht gleich verteilt. Vor allem im ländlichen Raum kann es so zu noch längeren Wartezeiten kommen, erklärt Psychotherapeutin Berwanger. Der Versorgungsatlas der kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt: In München kommen 57,1 psychologische Psychotherapeuten auf 100.000 Einwohner, in der nördlichen Oberpfalz dagegen sind es mit 19,1 Therapeuten nur etwa ein Drittel so viele.

Bundesregierung: Psychotherapeutische Bedarfsplanung in Kritik

Psychotherapeutische Berufsverbände und Oppositionsparteien kritisieren schon länger, wie psychotherapeutische Angebote organisiert werden. Vor allem, dass die Anzahl der Kassensitze an alte Bedarfsrechnungen angepasst sei. Der Bedarf wird vor allem durch die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen festgelegt. Die Bundesregierung verteidigte jedoch ihr Vorgehen, aktuell in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag. Seit 2017 seien zusätzliche Kassensitze geschaffen und einige Angebote zur Reduktion der Wartezeit eingeführt worden. Dazu zählen eine psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung, sowie ein Fokus auf Gruppentherapien. So konnte die Wartezeit zunächst um 33 Prozent gesenkt werden.

Wartezeiten ambulant länger als stationär

Für viele Patienten ist es dennoch ein langer Weg, den geeigneten Therapieplatz zu finden. Bei stationären Angeboten in der Klinik sind Wartezeiten zwar meist kürzer als für ambulante Therapien. Aber in eine Klinik zu gehen, ist für viele eine Hürde, die sie aus dem Alltag reißt. Für Sabrina aus Scheuring war deswegen eine Tagesklinik in Landsberg die richtige Entscheidung. Und vor einigen Tagen kam dann die gute Nachricht: Sie kann nun endlich eine ambulante Therapie beginnen. Ganz bei ihr in der Nähe.

Konkreter Service

Wenn Sie akut Hilfe benötigen: Die Terminservicestelle (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigung zur Vermittlung von Psychotherapie in Bayern ist 24 Stunden, sieben Tage die Woche erreichbar. Sie sind dazu verpflichtet, dass die Wartezeit zwischen Ihrem Anruf und Ihrem Termin maximal fünf Wochen beträgt, bei Terminen für eine Akutbehandlung maximal zwei Wochen. Die Nummer ist: 116117

https://www.kvb.de/service/patienten/terminservicestelle/terminservicestelle-psychotherapie/

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!