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Manfred Weber nimmt nach seiner Wahl zum EVP-Spitzenkandidaten die Glückwünsche von Bundeskanzlerin Merkel entgegen.
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Holger Romann
Karin Bensch
BR24 Redaktion
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Manfred Weber nimmt nach seiner Wahl zum EVP-Spitzenkandidaten die Glückwünsche von Bundeskanzlerin Merkel entgegen.

„Bayern ist meine Heimat, Europa meine Zukunft.“ Wenn es aktuell überhaupt einen CSU-Politiker gibt, der das berühmte Franz-Josef-Strauß-Motto überzeugend verkörpert, dann wohl Manfred Weber. Seit 2004 ist der gelernte Ingenieur aus Wildenberg bei Landshut in der Europapolitik aktiv. Seit 2014 führt er die mitgliederstärkste Fraktion im EU-Parlament und zieht von dieser mächtigen Position aus erfolgreich die Fäden. Seine niederbayerischen Wurzeln hat der leidenschaftliche Europäer dabei nie verleugnet.

Weber trieb Kandidatur ungewohnt offensiv voran

Seine Bewerbung um die Spitzenkandidatur der EVP, der konservativen Europäischen Volkspartei, formulierte Weber trotzdem nicht auf Deutsch, sondern, auch für Nicht-Landsleute verständlich, auf Englisch: Ja, er sei bereit und wolle nächster Präsident der Europäischen Kommission werden, hatte der 46-jährige Fraktionschef schon Anfang September energisch verkündet. Für den meist leise und bescheiden auftretenden CSU-Mann war das schon fast Obama-Stil.

Ungewöhnlich auch, dass sich Weber bereits einen Tag vor Beginn der offiziellen Frist und früher als die Konkurrenz aus der Deckung gewagt hatte. Nun, knapp zwei Monate später, haben Webers europäische Partei-freunde diesen Mut belohnt und ihn auf ihrem Kongress in Helsinki auf den Schild gehoben. Seine Botschaft: die EU brauche kein „Weiter So“, sondern dringend einen Neuanfang; und den wolle er organisieren.

"Ich möchte ein Europa, das die Interessen der Bürger respektiert und schützt. Und ein Europa, in dem sich Europäer zuhause fühlen." Manfred Weber, Spitzenkandidat der EVP

Weber genießt in der EVP großen Rückhalt

Für Manfred Weber, den emsigen und umgänglichen „Anti-Söder“ ist die Wahl zum EVP-Frontmann ein beachtlicher persönlicher Erfolg, der seine Position auch daheim, CSU-intern erheblich stärkt. Eine Bestätigung seiner bisherigen politischen Arbeit. Dass ihn die über 750 Delegierten mit großer Mehrheit zum potenziellen Nachfolger des schillernden Jean-Claude Juncker küren würden, hatte sich allerdings schon im Vorfeld abgezeichnet. Mit dem vier Jahre älteren und dem breiten Publikum noch weniger bekannten Alexander Stubb, aus Finnland, musste Weber schließlich nur einen einzigen Gegenkandidaten aus dem Feld schlagen. Einen freilich, der eine durchaus eindrucksvolle und erheblich moderner anmutende Kampagne hingelegt hatte und der, im Gegensatz zum bayerischen Rivalen, über Regierungserfahrung verfügt.

Verglichen mit dem akribischen Strategen Weber ist der charismatische Hobby-Sportler Stubb im Brüsseler EU-Betrieb allerdings nicht annähernd so gut vernetzt. Und auch sein Rückhalt im Kreis der christdemokratischen Staats- und Regierungschefs ist bei weitem nicht so ausgeprägt.

Brückenbauer zwischen Ost und West

Dass zu Manfred Webers erklärten Unterstützern auch Ungarns umstrittener Ministerpräsident Viktor Orban gehört, der sich bislang vor allem als EU-Verächter mit autoritären Tendenzen hervorgetan hat, wirft aus Sicht von Kritikern einen Schatten auf die Kandidatur. Webers Kontrahent Stubb, der sich selbst in der EVP als „etwas weiter mitte-links“ verortet, hatte sich sehr viel deutlicher von dem Populisten distanziert.

Weber, der den europäischen „Way of Life“ ebenfalls verteidigen und die EU zugleich bürgernäher machen will, wie er betont, ficht das nicht an. Er sieht sich als „Brückenbauer“ zwischen Ost und West und will sich bemühen, die Gräben nicht noch weiter zu vertiefen, die durch Brexit, Flüchtlingsstreit und Eurokrise entstanden sind. Selbst politische Gegner trauen ihm das durchaus zu.

„Steht auf, lasst uns ein neues Kapitel aufschlagen. Lasst uns damit direkt hier in Helsinki starten." Manfred Weber, Spitzenkandidat der EVP

Als nunmehr gewählter Spitzenkandidat der stärksten politischen Kraft im Straßburger Parlament hat der christsoziale Niederbayer eine gute Ausgangsposition, um auch den nächsten, entscheidenden Karriere-schritt, an die Spitze der EU-Kommission, zu schaffen. Er wäre der erste Deutsche seit Walter Hallstein, Ende der 50er Jahre, dem dies gelingt.

Weber braucht Verbündete

Sicher ist ihm der Posten aber keineswegs. Selbst, wenn die EVP nach 2014 erneut stärkste Kraft wird, braucht sie Verbündete, die Weber zur Mehrheit verhelfen.

Und das dürfte mit Blick auf aktuelle Umfragen diesmal schwerer fallen. Je nach Ausgang der Europawahlen werden die Karten im Mai 2019 völlig neu gemischt. Dann könnte Webers Stern rasch sinken und die Stunde starker Konkurrenten aus anderen Parteifamilien schlagen. Mit der Liberalen Margrethe Vestager aus Dänemark oder dem Sozialdemokraten Frans Timmermans aus den Niederlanden stehen mindestens zwei attraktive Mitbewerber bereit.

Merkel schwört EVP auf gemeinsamen Wahlkampf ein

Auch deshalb beschwor Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer Rede beim EVP-Parteitag in Helsinki die Einheit der europäischen Konservativen. Sie sagte, im Wahlkampf im nächsten Jahr gelte es, übereinander gut zu sprechen. Wenn immer eine Ebene schlecht über die andere rede, müsse sich am Ende nicht wundern, wenn die Menschen Europa nicht achten, sondern verachten.

Den ersten Schritt dazu machte der unterlegene Kandidat, Finnlands ehemaliger Regierungschef Alexander Stubb, nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Er erklärte, er stehe zu 100 Prozent hinter dem EVP-Spitzenkandidaten Manfred Weber.

„Das war ein Rennen unter Gentlemen. Und es war in vielen Bereichen ein gutes Rennen.“ Webers Gegenkandidat Alexander Stubb

Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer Rede beim EVP-Parteitag in Helsinki.

Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer Rede beim EVP-Parteitag in Helsinki.

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B5 aktuell vom 08.11.2018 - 13:34 Uhr