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Mahnung beim Holocaust-Gedenken: "Dort zupacken, wo es weh tut" | BR24

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Bildrechte: pa/Dpa/Michael Kappeler

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch, appellierte an die Abgeordneten auf das Land aufzupassen. An die AfD gerichtet sagte sie, "die Rechtsextremen haben ihren Kampf vor 76 Jahren verloren."

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Mahnung beim Holocaust-Gedenken: "Dort zupacken, wo es weh tut"

1.700 Jahre deutsch-jüdisches Leben – in diesem Zeichen stand das Bundestags-Gedenken an die Holocaust-Opfer. Redner warnten vor einem erstarkenden Antisemitismus. Die Spitzen des Staates versammelten sich um eine alte Thora-Rolle aus Bayern.

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Von
  • Birgit Schmeitzner

Im Andachtsraum des Bundestages erklingt gedämpfte Musik, auf dem Tisch liegt eine Pergamentrolle: Eine mehr als 200 Jahre alte Thora-Rolle, damals angefertigt für die Synagoge in Sulzbach. Sie ist ein Zeugnis jüdischen Lebens in der Oberpfalz, war jahrzehntelang verschollen und wurde mit finanzieller Hilfe des Bundes nun aufwändig restauriert. Ein Schreiber vervollständigt den Text, schreibt mit Gänsekiel und Tinte die letzten Buchstaben auf das Pergament. Als Paten mit dabei: die Vertreter der Verfassungsorgane, etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Eine Patenschaft mit Verantwortung

Sie alle legen nacheinander ihre Hand an den hölzernen Griff. Eine Geste mit großer Symbolkraft. Denn die Spitzen des Staates verpflichten sich laut Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble dazu, "jüdisches Leben in Deutschland vor Angriffen zu schützen." Es gehe darum, die Erinnerung "an den Zivilisationsbruch der Shoah an die folgenden Generationen weiterzugeben".

Knobloch: "Ich stehe vor Ihnen als stolze Deutsche"

Bei der Zeremonie ist auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch dabei. Sie ist als Zeitzeugin geladen, um im Plenum des Bundestages zu den Abgeordneten zu sprechen. Sie erzählt von ihrer Kindheit in München, von Schikane und Bedrohung, wie sie den Holocaust überlebt hat und wie ihre Auswander-Pläne einer Erkenntnis wichen: "Heimat ist Heimat". Sie stehe nun als stolze Deutsche im Bundestag und werde um ihre wiedergewonnene Heimat kämpfen.

Mehr Achtsamkeit für die Formen von Judenhass

Knobloch spricht davon, dass judenfeindliches Denken und Reden wieder salonfähig werde, "von der Schule bis zur Corona-Demo". Und im Internet, das sie als "Durchlauferhitzer für Hass und Hetze aller Art" bezeichnet. Die Feinde der Demokratie seien stärker als viele glauben, sagt Knobloch, und sie mahnt, auch "dort zuzupacken, wo es weh tut": Wo Antisemitismus intellektuell verbrämt werde und Intoleranz unter dem Deckmantel der Toleranz gären dürfe. Und zwar auch in der Mitte der Gesellschaft.

Weisband: "Gefährlich, sichtbar zu sein"

Auch die zweite Gastrednerin bei der Gedenkstunde, die 33 Jahre alte Publizistin Marina Weisband, schaut mit Sorge auf die Stimmung im Land. Für junge Juden sei es Alltag, lieber unsichtbar zu bleiben. Es sei "für uns noch immer zu gefährlich, sichtbar zu sein." Weisband sagt, sie sei dankbar für bewaffnete Wächter auf dem Weg zum Gebet, zur Schule, zum Kindergarten. Dass dieser Schutz nötig sei, "das macht etwas mit uns". Die 33-Jährige erzählt von Morddrohungen, die eingehen, und davon, dass das jüdische Leben insgesamt unter dem Schatten des Holocaust stehe.

Gedenken lebendig erhalten

Die Nachkommen der Opfer haben nach Ansicht von Marina Weisband die Aufgabe, das Gedenken lebendig zu erhalten. die Lehren der Vergangenheit in eine Zukunft zu überführen und eine neue Gesellschaft zu bauen. Sie entwirft das Bild einer Gesellschaft, in der die jüdische Kultur ganz selbstverständlich ihren Platz hat. Weisbands Hoffnung: Dass die Jüdinnen und Juden dann "einfach nur Menschen sein" können. Die Realität sehe derzeit anders aus: Einfach nur Mensch sein, das sei ein Privileg derer, die aufgrund ihrer Geburt nichts zu befürchten haben.

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Heute vor 76 Jahren wurden die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von russischen Soldaten befreit. Beim Holocaust-Gedenktag im Bundestag wurde vor neuen Formen des Antisemitismus in Deutschland gewarnt.

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