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Lübcke-Mord und NSU: Ein Name taucht immer wieder auf | BR24

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Es gibt offenbar eine Verbindung zwischen dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zum NSU. Das berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland und beruft sich auf polizeiinterne Akten.

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Lübcke-Mord und NSU: Ein Name taucht immer wieder auf

Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wirft weiterhin viele Fragen auf. Nun wurden neue Hinweise auf eine mögliche Verbindung zur NSU-Mordserie bekannt. Im Zentrum stehen alte NSU-Akten und ein Ex-Verfassungsschützer.

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Im April 2006 wird Halit Yozgat in seinem Kasseler Internetcafé mit zwei Kopfschüssen ermordet. Während der Bluttat sitzen mehrere Kunden an den Computern. Ein Kunde ist laut Polizeiermittlungen Andreas Temme, Beamter beim hessischen Verfassungsschutz – zuständig für den Bereich Rechtsextremismus und V-Mann-Führer. Von dem Mord will Temme allerdings nichts mitbekommen haben, obwohl er nur wenige Meter entfernt saß.

Verfassungsschützer als Tatverdächtiger

Im Zuge der Ermittlungen wird Andreas Temme als Beschuldigter vernommen, seine Wohnung und sein Arbeitsplatz beim Verfassungsschutz werden durchsucht. Die Kripo-Beamten finden neben Drogen auch illegale Munition und rechtsextreme Propaganda in einer "großen Anzahl", heißt es in einem Aktenvermerk, der dem Rechercheteam des BR und den Nürnberger Nachrichten (NN) vorliegt. Die Ermittler der Kasseler Kriminalpolizei überprüfen 2006 die Tätigkeiten von Temme zu den jeweiligen Zeitpunkten der NSU-Morde.

Alibi-Beschaffer im Visier der Ermittler

Für den ersten Mord am Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg bekommt Temme ein Alibi von Jürgen S., einem Mitarbeiter einer Kasseler Geldtransporter-Firma und Freund von Temme. Mit Jürgen S. will Temme laut eigenen Aussagen gemeinsam im Kino gewesen sein, heißt es in einem weiteren Vermerk. Pikant: Zweieinhalb Monate nach dem Mord an Halit Yozgat in Kassel vernehmen wiederum Nürnberger Kripo-Beamte Jürgen S., berichtet nun das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Er war ins Visier der fränkischen Fahnder geraten, weil er mit seinem Diensthandy im Geldtransporter während zweier NSU-Morde in Nürnberg und München in die jeweiligen Funkzellennetze eingeloggt war.

Training mit dem Modelltyp der Mordwaffe

In seiner Aussage soll der Sicherheitsmitarbeiter erklären, er kenne Temme seit 1990. Zusammen hätten sie in Rocker-Kreisen verkehrt und Schießübungen in Schützenvereinen absolviert, heißt es darin. Laut RND-Bericht wurde mit der Dienstwaffe von Jürgen S. geübt, einem Revolver der Marke "Rossi", Modell 27, Kaliber 38 Spezial. Mit einer Waffe dieses Modelltyps wurde dreizehn Jahre später, im Juni 2019, der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke getötet. Ob auch Temme mit der "Rossi" übte, blieb laut RND-Bericht in dem Vermerk aber unklar.

Kontakte zu den Hells Angels

Aus weiteren Unterlagen der Ermittler, die dem BR-NN-Rechercheteam vorliegen, geht hervor, dass sich Verfassungsschützer Temme beim Vorsitzenden eines Kasseler Schützenvereins zeitweilig nach Informationen zu ausländischen Mitbürgern erkundigt hat. Zudem fand die Polizei bei Temme Kleidungsstücke mit Emblemen der Rockergruppe Hells Angels. In einem anderen Verfahren wurde Temme aufgrund seiner Verbindungen zu den Hells Angels gar als Informationsbeschaffer verdächtigt, der interne Unterlagen des hessischen Landeskriminalamts zu Rockerstrukturen an die Rocker weitergeben haben soll. Der Maulwurf in den hessischen Sicherheitsbehörden konnte allerdings nicht gefunden werden, da die Hells Angels schwiegen.

Verfassungsschützer ermittelte zu Mordverdächtigen

Dennoch rückt Andreas Temme, der früher den Spitznamen "Klein Adolf" gehabt haben soll, derzeit erneut ins Licht der Ermittler. Denn nicht nur die Tatsache, dass der Verfassungsschützer nach dem Mord im Internetcafé 2006 seinen Arbeitsplatz im hessischen Landesamt für Verfassungsschutz verlassen musste und ausgerechnet ins Regierungspräsidium von Walter Lübcke wechselte, macht stutzig. Spätestens seit Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) einräumte, dass Temme mit dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder Stephan E. vor dem Jahr 2006 "dienstlich befasst" gewesen sei, werden Vermerke und Spuren aus dem NSU-Komplex neu abgeglichen.

Geldtransporter als Ablenkung?

Laut RND-Angaben halten es die Beamten sogar für möglich, dass der Kasseler Geldtransporter genutzt wurde, um Täter und Tatwaffen unbemerkt an Polizeikontrollen vorbeizuschleusen. Demnach wird auch untersucht, welche Rolle die Bekanntschaft zwischen Jürgen S. und Temme noch gespielt haben könnte.

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