BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© BR
Bildrechte: dpa-Bildfunk

Aus Belarus drängen viele Flüchtlinge nach Polen. Viele der Migranten kommen via die Türkei nach Belarus und der dortige Diktator nutzt sie, um die EU unter Druck zu setzen.

1
  • Artikel mit Video-Inhalten

Migration von Belarus in die EU: Die Rolle der Türkei

Im Oktober kamen mehr als 5.000 Migranten, überwiegend aus dem Nahen Osten, über Belarus bis nach Deutschland. Recherchen von Report München zeigen: Die Route ist gut organisiert und führt über die Türkei.

Von
Oliver Mayer-RüthOliver Mayer-RüthMarkus RoschMarkus RoschKatharina WillingerKatharina WillingerBorhan AkidBorhan Akid
1

Die Erstaufnahme-Einrichtung in Eisenhüttenstadt ist von hohen Zäunen umgeben. Bis vor wenigen Tagen wurde jeder in Brandenburg aufgegriffene Migrant hierher gebracht, auch Sabah Abdoulghaffar, 49 Jahre alt, aus dem Nordirak, mit seiner Familie. Für seinen Traum von der EU habe er zu Hause alles verkauft, erzählt er. "Wir sind erst in die Türkei geflogen. Mein Bruder hatte alles für uns organisiert. Wir haben drei Tage in Istanbul verbracht, dann kam ein Mann vom Reisebüro und hat uns zum Flughafen gefahren, um nach Belarus zu fliegen."

Mehrheit der Migranten in Belarus kommt aus dem Irak

Unsere Recherchen führen uns in Sabahs Heimat, den Nordirak. Von hier stammt die Mehrheit der Migranten, die derzeit über Belarus in die EU kommt. Im Zentrum der Provinzhauptstadt Erbil liegt das Reisebüro Top Travel, für viele Iraker ein Ausgangspunkt auf dem Weg in die EU. Mitarbeiter Ahkam Özet verkauft derzeit vor allem Reisen Richtung Belarus. "Täglich rufen mich mindestens fünf Kunden an, die anderen Kollegen werden auch angerufen. Wir kommen wohl auf 20 Kunden am Tag, die alle nach Belarus wollen."

Und sie nehmen fast immer ihre Familie mit. So können wöchentlich 500 bis 700 Reisende zusammenkommen. Direktverbindungen aus dem Irak nach Belarus gibt es allerdings keine mehr: Auf Druck der EU hat die irakische Regierung sie eingestellt. Nun laufe der Weg vor allem über das Nachbarland Türkei, erzählt Özet. "Es gibt auch den Weg über den Iran, aber der wird eher selten genutzt. Die meisten reisen über die Türkei und besorgen sich dort ein Visum für Belarus."

Reise kostet mehrere 1.000 Euro

Während des Interviews betritt ein Kunde den Laden. Der junge Mann will von Belarus aus nach Deutschland weiter, erzählt er. "Falls es einen Weg gibt und die Schlepper vertrauenswürdig sind. Ich habe gehört, der Weg über die Türkei ist günstig und gut." Zahlen muss er zunächst nur das Flugticket über Istanbul, das kostet etwa 1.000 Euro. Später kommen neben Hotel- noch Kosten für Visa und Schlepper in Belarus dazu. Der Kunde hat sich umgehört: "Er rechnet mit Kosten zwischen 3.000 und 4.000 Euro.

Viele Iraker verkaufen dafür all ihren Besitz. In den sozialen Medien hat sich herumgesprochen: Belarus ermöglicht die Weiterreise in die EU. Vor allem junge Iraker folgen dem Lockruf aus Minsk, sagt Staatsminister Aydin Maruf Selim. Manche von ihnen fliehen vor Krieg und Gewalt in der Region. "Aber der wichtigste Grund ist die wirtschaftliche Lage, die hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb wollen so viele junge Menschen aus dem Irak und der gesamten Region ins Ausland."

Flughafen Istanbul wichtiges Drehkreuz für Migration

Von Erbil führen uns unsere Recherchen weiter in die türkische Metropole Istanbul. Hier besorgen Mittelsmänner bei den belarussischen Auslandsvertretungen im Land Visa für die Migranten, legal und zügig. Wir bekommen einen Hinweis aus deutschen Diplomatenkreisen: Der Flughafen Istanbul sei inzwischen eines der wichtigen internationalen Drehkreuze für die Migration über Belarus in die EU. Von Istanbul aus starten mittlerweile vier Direktflüge täglich nach Minsk. Wir machen uns ein Bild vor Ort.

Am Schalter der belarussischen Airline Belavia treffen wir auf eine mindestens 20-köpfige Gruppe aus dem Nordirak, darunter viele Frauen und Kinder. Sie wollen nach Minsk, erzählt ein junger Mann. Und dann? - fragen wir. "Ich habe Familie in Deutschland", lautet die Antwort. Einige Meter abseits fallen uns zwei Männer auf. Sie bereiten mit den Migranten Reisunterlagen und Visa für das Einchecken vor. Nach der Aufgabe des Gepäcks bringen sie die Gruppe zur Passkontrolle. Auch dort helfen die beiden und warten, bis alle hinter der Absperrung verschwunden sind. Wir sprechen daraufhin einen der Männer an. Er erzählt, er sei Student, komme selbst aus dem Nordirak und helfe bei der Organisation von Reisen nach Belarus. Nachdem wir uns als Journalisten zu erkennen geben, bricht er den Kontakt ab.

Türkei-Belarus-Route als politisches Druckmittel

Die Route nach Belarus über die Türkei, sie ist ein politisches Druckmittel auf die EU, sagt man im Bundesinnenministerium in Berlin. Künstlich erzeugt vom belarussischen Diktator Lukaschenko. Doch auch der türkische Präsident Erdogan nutze die Situation für eigene Zwecke. Schließlich hätte er die Möglichkeit einzugreifen, so Stephan Mayer, Staatssekretär im Bundesinnenministerium. "Ich bin der festen Überzeugung, es wäre richtig, Präsident Erdogan stärker in die Verpflichtung zu nehmen, die Flüge von Istanbul ausgehend nach Minsk deutlich zu reduzieren bzw. ganz einzustellen."

Doch bisher gehen die Flüge weiter. Von Istanbul aus dürften inzwischen mehrere tausend Migranten ganz legal nach Minsk eingereist sein. Bilder aus den sozialen Medien zeigen: Einige, die ihre Weiterreise in die EU noch nicht organisieren konnten, schlafen in der belarussischen Hauptstadt in U-Bahn-Haltestellen. Wer das Geld für Schlepper aufbringen kann, der reist über den Landweg weiter nach Polen und Deutschland. Zwar ziehen polnische Soldaten an der Grenze zu Belarus immer mehr Stacheldrahtzäune hoch, dennoch gelangen täglich neue Flüchtlinge über diesen Weg in die EU.

Migranten sind Spielball der Politik

Der Iraker Sabah Abdoulghaffar aus dem Aufnahmelager Eisenhüttenstadt hat es bis nach Deutschland geschafft, auch mit Hilfe belarussischer Polizisten, erzählt er. "Ein Polizist hat mein kleines Kind getragen, und sie haben uns den Weg nach Polen gezeigt. Sie haben uns gesagt, dass wir langsam in diese Richtung laufen sollen, ohne die Taschenlampen anzumachen, weil uns sonst die polnische Polizei erwischt."

Andere sitzen Tage oder Wochen im Grenzgebiet fest, ohne ausreichend Nahrung und medizinische Versorgung, harren bei Kälte und Regen aus, unter menschenunwürdigen Bedingungen. Sie sind längst zum Spielball der internationalen Politik geworden. Ihr Schicksal ist den Machthabern in den Ländern auf der neuen Route in die EU offensichtlich egal.

Die Reportage "Drehkreuz Istanbul - Wie Migranten nach Deutschland geschleust werden" sehen Sie am Dienstag, den 9.11.2021, um 21.45 Uhr bei "report München" im Ersten.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!

Sendung

report München

Schlagwörter