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In einer dunklen Online-Parallelwelt radikalisieren sich junge Erwachsene.

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Chatgruppen auf Spieleplattform: Im Kinderzimmer zu Extremisten?

Chatgruppen auf Spieleplattform: Im Kinderzimmer zu Extremisten?

In Chats auf einer Spieleplattform tauschen sich Jugendliche über Gewalt-Fantasien und Amokläufe aus. Auch OEZ-Amoktäter David S. war dort aktiv. Wie ein ehemaliger Chatpartner Gefährder einschätzt und was man gegen eine Radikalisierung tun kann.

Der 18-Jährige David S., der 2016 in München im OEZ neun Menschen erschoss – für die Polizei ist er ein Einzeltäter. Das stimmt. Doch "Einzeltäter" heißt heute nicht mehr allein. Immer wieder verüben Jugendliche weltweit grausame Anschläge mit vielen Toten.

Die beiden Filmautoren Luca Zug und Alexander Spöri stammen aus der gleichen Generation wie der Attentäter vom Münchner Einkaufszentrum. Sie kennen dadurch eine Welt, die vielen verborgen ist und in der sich auch die Polizei nur selten bewegt: die Welt der Gamer im Internet. Genau hier gehen sie auf Spurensuche.

Von der Online-Szene ins rechtsextreme Milieu

Dazu bekommen die Autoren Ermittlungsakten vom Fall David S. zugespielt. Mit deren Hilfe wollen sie ein Radikalisierungsmuster herausarbeiten – und damit nach noch aktiven möglichen Gewalttätern in der Online-Szene suchen. Das psychologische Gutachten der Akte spricht von S. als einen einsamen Menschen, der sich online eine eigene Realität geschaffen und dort einen neuen Freundeskreis aufgebaut hat.

Er gerät ins rechtsextreme Milieu und Amokmilieu. Der 18-Jährige ist schließlich fasziniert von rechtsextremer Gewalt, verliert sich im Hass gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Sie will er töten.

Terrorfantasien auf der Spieleplattform

Aktiv ist David S. auf "Steam" – einer Spieleplattform, auf der es tausende Computer-Games gibt. Weltweit spielen dort täglich 47 Millionen Nutzer. Das Besondere: Sie vernetzen sich dabei untereinander, chatten in verschiedenen Online-Gruppen.

Die allermeisten davon sind harmlos: Hier freunden sich die Gamer an, es geht ums Spielen und den Alltag. Doch es gibt auch Gefährliche: in ihnen wimmelt es von unzensiertem Frauenhass, von Extremismus, Gewalt- und Terror-Fantasien.

Ehemaliger Chatpartner erzählt

Einer von David S. damaligen Chatpartnern erzählt im Film erstmals anonym vor der Kamera, wie die Community, in der Amok Thema ist, tickt. Er selbst hätte im Alter von 15 Jahren jeden Tag überlegt, wie man so effizient wie möglich Menschen töten kann. Trotzdem: Er hält die Szene für überwiegend ungefährlich. "Ich würde schätzen, 95 Prozent davon interessieren sich einfach nur für das Thema. Also als ich aktiv war würde schätzen, dass es wahrscheinlich so 10 bis 20 wirkliche Gefährder auf einem Level gab wie ich in Deutschland."

Denn er war alles andere als harmlos: Er baute Sprengsätze, tüftelte gemeinsam mit den führenden Köpfen der Community an Anschlagsplänen – und das weltweit. Ihm wurde schließlich in der Psychiatrie geholfen – kurz bevor er seine Fantasien in die Realität umsetzen konnte. Aufgeflogen ist er durch seinen Kontakt mit dem Münchner Attentäter S..

Kaum Beweise in Chats

Das ist allerdings die Ausnahme. Den potenziellen Gefährdern ist auf den Spiel-Chats selten nachhaltig etwas nachzuweisen, denn: Steam löscht alle Chats nach zwei Wochen. Es gibt jedoch mittlerweile Szene-Insider, die Verläufe archivieren.

Einer davon erzählt, dass es hunderte Nutzer gibt, die sich nach "irgendwelchen Rechtsterroristen benannt haben". Es gäbe mittlerweile auch eine richtige David S.-Fanszene auf Steam. Das Problem wäre jedoch, "man weiß nicht, wie viele Leute meinen es ironisch, wie viele Leute meinen es ernst." David S. hat es ernst gemeint. So viel ist heute klar.

Rechtsextreme Netzwerke: international und meist straffrei

Die Lage ist insgesamt durchaus ernst. Seit 2016 hat sich in der rechtsextremen Szene viel getan, berichtet die Wiener Rechtsextremismusforscherin Julia Ebner: Es gibt immer mehr rechtsextreme Netzwerke, auch international. Sie selbst hat sich bereits Undercover in diese Online-Szene begeben – und gemerkt, wie schnell man immer tiefer in die Netzwerke reinrutscht, bis hin zu einem gewaltbereiten harten Kern.

Doch die meisten Aussagen, die dort fallen, sind trotzdem nicht strafbar. Einer der Strafverteidiger aus dem NSU-Prozess, Alexander Stevens, erklärt, es sei sehr schwierig allein aus Vorhaben, die noch nicht ausgeführt wurden, "irgendetwas Strafbares zu konstruieren". Sind diese Netzwerke also straffreie Zonen für Gewaltfantasien potenzieller Attentäter?

Verfassungsschutz vor Herausforderungen

Der Verfassungsschutz kennt das Phänomen der Online-Radikalisierung schon lange – es existiere eigentlich so lange wie das Internet selbst, betont Stephan Kramer, Präsident des Verfassungsschutzes Thüringen. Die Globalisierung der letzten Jahre habe allerdings nochmal einen großen Schub gegeben.

"Es stellt alle Sicherheitsbehörden, die sich mit konkreter Gefahrenabwehr beschäftigen, vor große Herausforderungen", sagt Kramer. Zunächst müssen relevante Chatverläufe ausfindig gemacht und die Personen dann in der realen Welt identifiziert werden. "Aber unser Interesse ist es in erster Linie nicht, irgendwelche Täter der Tat zu überführen, sondern Netzwerke aufzudecken", so der Mann vom Verfassungsschutz.

Flucht in radikale Fantasiewelten

Doch warum erfahren diese Netzwerke solchen Zulauf? Sie ersetzen für ihre Mitglieder psychologisch gesehen die realen Kontakte. "Das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit wird dadurch zwar wieder erfüllt, aber es wird ja nicht real erfüllt", betont die Kriminalpsychologin Karoline Roshdi. Es sind Fantasiewelten, in denen man sich austauscht – auch über Gewaltfantasien.

"Ich habe immer wieder beobachtet, wie sich dann eine Dynamik ergibt, in der sich wechselseitig diese Mitglieder immer mehr aufschaukeln zu Gewalt und, dass jemand einen noch erfolgreicheren, ein noch erfolgreicheres Attentat durchführen sollte, wo noch mehr Menschen ums Leben kommen", warnt die Rechtsextremismusforscherin Julia Ebner.

600 Mitglieder in gefährlichen Online-Neonazi-Gruppierungen

Die beiden Autoren Luca Zug und Alexander Spöri sind tief eingestiegen in diese Netzwerke – sie programmieren Algorithmen, um bis zum Kern vorzudringen. Und: Es funktioniert. Sie finden kriminelle Organisationen, die noch heute aktiv sind. Um in diese rechten Terrorgruppen zu schauen, treten sie immer noch privateren Gruppen bei. Hier sind Anschlagsfantasien allgegenwärtig.

Darunter Kanäle der Feuerkrieg- und Atomwaffendivision – nach Experten-Einschätzung zwei der gefährlichsten Neonazi-Gruppierungen der Gegenwart. In ihnen: Etwa 600 Mitglieder, verteilt auf der ganzen Welt. Ihr Ziel: Einen Bürgerkrieg auszulösen, in dem die "weiße Rasse" gewinnt. Laut Angaben der deutschen Behörden stehen die Gruppierungen unter Beobachtung. Doch die Autoren sehen trotzdem, dass viele Gruppen ungehindert weiterwachsen – indem sie sich zerstreuen und kleinere Organisationen gründen.

Suboptimale Situation für den Verfassungsschutz

Bei den beiden Autoren stand völlig überraschend der Verfassungsschutz vor der Tür - sogar zweimal. Ein gutes Zeichen dafür, dass der Staatsschutz die Online-Aktivitäten der Gruppen im Visier hat? Der Verfassungsschutzpräsident Kramer relativiert. Es sei schon ein Riesenerfolg, dass sich der Staatsschutz dem Bereich der Gaming-Plattformen zugewandt habe.

Doch immer noch frage die Politik, ob ein Angestellter des öffentlichen Dienstes oder ein Beamter während der Dienstzeit "spielen dürfe". Man sei trotzdem schon besser aufgestellt als vor einigen Jahren – noch sei die Situation aber suboptimal. Das sieht die Rechtsextremismusforscherin Julia Ebner auch so: Sie vermisst im Bereich Prävention und Intervention die Programme, die in die Gamer-Szene einsteigen. Da könne und müsse man sich online viel von den gutfunktionierenden Deradikalisierungsmodellen offline abschauen.

Eine Endlosspirale ohne einfache Lösung

Solange die nicht greifen, dreht sich die Endlosspirale weiter: Während manche Jugendliche die Szene verlassen, radikalisieren sich neue. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Eines muss nämlich ganz klar sein: Die Rechnung "Männlich + Gewaltspiele + Einzelgänger = Attentäter" geht in keinem Fall auf. "Dann hätten wir Millionen Attentäter in Deutschland", sagt Kriminalpsychologin Roshdi.

Generell sei die Gamingszene allerdings anfälliger für Radikalisierung, gibt Julia Ebner zu bedenken. "Man merkt, dass es hier schon Überlappungen gibt und Teilbereiche der Szene, die abdriften in ideologisch radikale Richtungen. Weil es einfach ein großes Einsamkeitsthema gibt", sagt sie.

Die Szene muss also ernstgenommen werden. Eine neue Generation von Tätern braucht auch eine Gesellschaft, die bereit ist, genau hinzusehen.

Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung des Texts war der volle Name des Attentäters genannt - diesen haben wir am 20.07.2022 entfernt. Zudem handelt es sich bei der Angabe zu 47 Millionen "Steam"-Nutzern um die täglichen Nutzungszahlen, das haben wir ergänzt.

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