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Lieferandos Geschäft mit Schattenwebseiten | BR24

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Bildrechte: Michael Kappeler/dpa

Essen liefern lassen im Lockdown: Lieferando profitiert von der Corona-Krise. Doch der Konzern setzt fragwürdige Mittel ein, um den Umsatz zu steigern. Nach BR-Recherchen betreibt Lieferando Zehntausende Webseiten, die denen von Restaurants ähneln.

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Lieferandos Geschäft mit Schattenwebseiten

Essen liefern lassen im Lockdown: Lieferando profitiert von der Corona-Krise. Doch der Konzern setzt fragwürdige Mittel ein, um den Umsatz zu steigern. Nach BR-Recherchen betreibt Lieferando Zehntausende Webseiten, die denen von Restaurants ähneln.

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Von
  • Rebecca Ciesielski
  • Sammy Khamis
  • Johannes Lenz

In den beiden Fenstern seines Restaurants hängen große Plakate: "Delivery, Lieferservice" steht darauf. Vinh Tan Pham, genannt Jack, betreibt seit 2004 das Restaurant "Jack Glockenbach" im Zentrum Münchens. Ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Pham. Dank Lieferando, wie er sagt, denn ohne die Plattform hätte er seine Belegschaft in Kurzarbeit schicken müssen. Und doch hat er ein Problem mit dem Marktführer: Pham sagt, Lieferando habe sich "in den Vordergrund gedrängt".

Lieferando erstellte für Phams Restaurant eine Webseite, die URL ist der von Phams Homepage zum Verwechseln ähnlich. Sucht man sein Restaurant über Google, sind die ersten Treffer bezahlte Anzeigen von Lieferando. Seine eigene Webseite ist deutlich tiefer gelistet. Die Leute suchten nach seinem Restaurant "und finden Lieferando, das ist nicht ok", sagt Pham.

"Ich habe in 17 Jahren mit Fleisch und Blut diesen Laden und diesen Namen aufgebaut. Wenn die Stammgäste jetzt nach uns suchen, landen die nicht bei uns, sondern woanders. Und das ist schon sehr unfair uns gegenüber, weil wir haben dafür geackert!"

Zehntausende "Schattenwebseiten" europaweit - Großteil in Deutschland

BR-Recherchen zeigen nun, dass der niederländische Konzern "Just Eat Takeaway", zu dem auch Lieferando gehört, europaweit mehr als 120.000 solcher Domains registrierte, die den Internetadressen von Restaurants ähneln - gut 50.000 davon in Deutschland. Das zeigen Daten des IT-Sicherheitsunternehmens Domaintools, die durch den BR ausgewertet wurden. Auf rund 18.000 der deutschen Domains sind Webseiten mit Bestellfunktion hinterlegt, auf den anderen findet sich das Logo von Lieferando.

Anzahl der von "Just Eat Takeaway" registrierten Domains nach Domain-Endungen (".de". steht für Deutschland, Stand Dez. 2020)

Lieferando: Webseiten sind Service für Restaurants

Auch wenn ein Restaurant eigene Fahrer beschäftigt, muss es pro Bestellung über Lieferando in der Regel 13 Prozent Provision bezahlen, wie aus Verträgen hervorgeht, die ein Team von BR-Reporterinnen und Reportern einsehen konnte. Bestellungen über die sogenannten "Schattenwebseiten" laufen nicht, wie Kundinnen und Kunden auf den ersten Blick vermuten könnten, direkt über die Restaurants, sondern werden über Lieferando abgewickelt. Würden Kunden direkt beim Restaurant bestellen, ginge Lieferando leer aus.

Auf Anfrage verweist Lieferando darauf, dass diese Webseiten ein Service für die Restaurants seien. Die Erstellung der Seiten sei "vertraglich geregelt" und würde "unseren kleinen Restaurantpartnern zusätzliche Umsätze" verschaffen: "Die meisten Gastronomen freuen sich über diesen inbegriffenen Zusatzservice, zumal er ihnen nicht nur entsprechende Mediabudgets spart", teilt ein Konzernsprecher mit.

Reporterinnen und Reporter des BR sprachen während der Recherche mit mehr als einem Dutzend Gastronomen. Einige wussten nicht, dass Lieferando eine Webseite für sie erstellt hatte, auch wenn sich in Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) ein Absatz dazu findet. Manche empfinden die Seiten als Werbung, andere sind über das Vorgehen verärgert. Kaum ein Restaurantbesitzer möchte offen darüber sprechen, man sei derzeit auf Lieferando angewiesen, wolle nichts Schlechtes über den Konzern sagen.

Rechtsexperte: Verhalten von Lieferando "unfair"

Der Experte für Kartellrecht und Professor für Bürgerliches Recht, Rupprecht Podszun von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, bezeichnet die "Schattenwebseiten" als ein Problem für die Gastronomie. Lieferando dränge sich zwischen Kunden und Restaurant, so der Kartellrechtler: "Das ist ein Verlust des direkten Zugangs zum Kunden. Die Art und Weise, wie das gemacht wird, halte ich für unfair und sicherlich für rechtlich der Überprüfung wert."

💡 Lieferando - Vor allem Plattform, nicht nur Lieferdienst

Restaurants können zwischen zwei Modellen bei Lieferando auswählen: Entweder sie lassen sich Essensbestellungen über die Plattform vermitteln (13 Prozent Provision), oder sie lassen sich Bestellungen vermitteln und die Speisen mit Hilfe von Lieferando-Ridern ausliefern (bis zu 30 Prozent Provision). Lieferando gibt an, dass 90 Prozent aller Restaurants Bestellungen selbst ausliefern. (Stand November 2020). Damit ist Lieferando in erster Linie eine Plattform, die Essensbestellungen vermittelt, kein Essenslieferdienst. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz von Lieferando um mehr als 50 Prozent.

Kooperation mit Lieferando oftmals Standard

"Lecker, Lecker! Vegetarisch, Vegan" - mit diesem Slogan bewarb Lieferando auf einer "Schattenwebseite" das Restaurant von Daniel Debus. Gleich nachdem er 2019 seinen Laden eröffnet hatte, unterzeichnete er einen Vertrag mit Lieferando. Die Schattenwebseite war wenig später im Netz. Mit Lieferando zu kooperieren, sei mittlerweile für viele Restaurantbesitzer Standard. Bestenfalls finde man dadurch Neukunden. Nicht auf Lieferando zu sein, bedeute Gefahr zu laufen, im Netz nicht wahrgenommen zu werden, sagt Debus.

Daniel Debus selbst lebt seit mehreren Jahren vegan, verzichtet auf tierische Produkte, im Privaten wie im Geschäftlichen. In seinem Restaurant bietet er nur vegane Speisen an. Auf der Homepage, die Lieferando für sein Restaurant erstellte, war ein gebratenes Rindersteak als Titelbild zu sehen. Die Internetadresse erinnerte stark an die seiner eigenen Seite:

"Die klauen dir quasi deinen Namen und tun so, als ob sie deine Domain haben und bauen dann auch noch ein Steak rein. Da denkst du dir echt: Was zur Hölle?", so der Restaurantbesitzer. "Die machen das ja, nehme ich mal an, um Traffic auf ihre eigenen Seiten zu bekommen."

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Lieferando-Webseite und originale Webseite

Jana-Kristin Prigge, Professorin für Digitales Marketing und E-Commerce an der Universität Würzburg sieht in dem Vorgehen Lieferandos einen "möglichen Imageschaden" für Debus' Restaurant. Wenn mit einem Steak für ein veganes Restaurant geworben wird, könne das gegebenenfalls "geschäftsschädigend sein".

Außerdem stellt Prigge fest, dass die Webseiten von Lieferando Suchmaschinen-optimiert sind und deshalb mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auf den ersten Rängen der Google-Ergebnisse angezeigt werden - in der Regel noch vor der eigenen Webseite eines Restaurants. "Grundsätzlich ist es so, dass die meisten Nutzer geneigt sind, auf die ersten Treffer zu klicken", sagt Prigge. "Weiter unten auf der ersten Suchergebnisseite wird der Anteil der Personen, die auf das jeweilige Suchergebnis klicken, gering."

Marktführer kooperiert mit Marktführer - Google und Lieferando

Darüber hinaus werden die Webseiten, das zeigen die Recherchen, oft als bezahlte Google-Anzeigen angezeigt. Solche Anzeigen kosten, so die Expertin, in der Regel zwischen 50 Cent und 4 Euro - pro Klick.

Seit April vergangenen Jahres arbeitet Lieferando, Marktführer im Bereich Essensbestellungen, eng mit Google, Marktführer im Bereich Onlinesuchen, zusammen. Kunden können seitdem direkt auf Google-Seiten Essen bestellen. Abgewickelt werden die Bestellungen über Lieferando. Lieferando wollte sich auf Anfrage zu Details zur Zusammenarbeit mit Google nicht äußern.

Kartellrechtliche Fragen - Marktmacht ausgenutzt?

Es sei dieses Zusammenspiel der einzelnen Komponenten, so Kartellrechtler Rupprecht Podszun, das die Frage aufwerfe, ob Lieferando seine Marktmacht ausnutze. Neben den "Schattenwebseiten" und der Kooperation mit Google, sei ein weiterer Zusatz in den AGB, der kartellrechtlich relevant sein könnte, die sogenannte "Gleicher-Preis-Garantie". Lieferando verpflichtet Restaurants, die gleichen Preise im Liefergeschäft zu verlangen wie im stationären Geschäft.

Das Bundeskartellamt, teilt auf Nachfrage mit: "Derzeit führen wir kein Verfahren gegen Lieferando. Wir beobachten die Marktentwicklung aber weiterhin sehr aufmerksam."

Kartellrechtler Rupprecht Podszun betont, wie schwer es für einzelne Restaurants sei, gegen die Plattform vorzugehen. Er fordert: "Wir brauchen sicherlich ein starkes behördliches Einschreiten. Es muss Leute geben, die das zu Gericht tragen."

Die Vorsitzende des Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), Ingrid Hartges, sieht bei Lieferando "nahezu monopolistische Strukturen", die "zu einer brutalen Abhängigkeit" der Gastronomen führten: "Die Gäste sind gut beraten, im Idealfall direkt mit dem Restaurant das Geschäft zu machen. Weil dann verbleibt die gesamte Wertschöpfung beim Restaurant", sagte Hartges zum BR.

Daniel Debus bat Lieferando, die "Schattenwebseite" zu entfernen. Das ist zumindest zum Teil geschehen. Aktuell findet sich dort nur noch das Logo Lieferandos. Gleiches gilt für Jack Pham, auch seine Seite zeigt nur noch das orangefarbene Logo. Klickt man darauf, wird man umgeleitet - auf die Startseite von Lieferando.

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