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Bildrechte: picture alliance/dpa | Paul Zinken

Lieferando trackt seine Rider mittels der Fahrer-App "Scoober".

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Lieferando: Neue Belege für Fahrer-Überwachung

Lieferando, Marktführer bei Essenslieferungen, speichert detaillierte Tracking-Daten seiner Fahrer – teils jahrelang. Das ergeben BR-Recherchen. Rechtsexperten sprechen von einem klaren Gesetzesverstoß, dem Konzern könnte eine Millionenstrafe drohen.

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Von
  • Rebecca Ciesielski
  • Sammy Khamis

"Jetzt habe ich noch 30 Sekunden", sagt Daniel. Dann beginnt seine Schicht. Und wie an jedem Arbeitstag beginnt er sie, indem er auf "Play" drückt. Nun weiß die App "Scoober", dass er bereit ist für den ersten Auftrag. Daniel, der eigentlich anders heißt, versucht, die App keine Sekunde zu spät zu aktivieren. Denn er will nicht negativ auffallen: "Ich will ja pünktlich sein, weil die notieren sich sowas."

"Notieren" heißt in diesem Fall: Die App speichert seinen Schichtbeginn genau. Neben seinem Fahrrad und dem Rucksack ist "Scoober" Daniels wichtigstes Arbeitsgerät. Über die App erhält er seine Aufträge. Was "Scoober" sonst noch über ihn weiß, darüber habe ihn Lieferando nicht aufgeklärt: "Ich würde es aber gerne wissen", sagt der Rider.

DSGVO-Auskünfte geben Einblick

Welche Daten die App über Rider wie Daniel sammelt und speichert, zeigen mehrere Datenauskünfte, die Lieferando-Fahrer vom Konzern angefordert haben. Seit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) haben Personen das Recht, von Unternehmen Auskunft zu verlangen, welche personenbezogenen Daten über sie gespeichert sind. Den Reporterinnen und Reportern des BR liegen diese Datenauskünfte exklusiv vor.

Aus den Unterlagen geht hervor, dass die App pro Lieferung 39 Datenpunkte erhebt: Sekundengenau ist nachvollziehbar, wann ein Fahrer eine Bestellung zugeteilt bekommt, diese abholt und ausliefert. Zusätzlich wird hinterlegt, ob der Rider einzelne Zeitvorgaben einhält oder nicht. Kommt ein Fahrer zu spät bei einem Restaurant oder Kunden an, wird das vermerkt. Die Daten sind personalisiert, können also einzelnen Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmern zugeordnet werden.

Betriebsrat: Überwachung "völlig unverhältnismäßig"

In einigen dem BR vorliegenden Fällen wurden so für vollbeschäftigte Rider in einem Jahr mehr als 100.000 Datenpunkte erfasst. Teils reichen sie bis ins Jahr 2018 zurück. Eine so umfassende und dauerhafte Speicherung von Daten halten Experten für unzulässig. Peter Wedde, Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences und Experte für Beschäftigtendatenschutz, sieht in dieser Praxis gravierende Verstöße gegen den Datenschutz: "Die Datenschutzgrundverordnung wurde geschaffen, um genau dieses Vorgehen zu verhindern."

Kritisch äußert sich auch Semih Yalcin, Vorsitzender des Lieferando-Gesamtbetriebsrates für Deutschland. "Aus unserer Sicht liegt hier totale Überwachung vor. Wir halten es für völlig unverhältnismäßig", so Yalcin im Interview mit dem BR. Nach Angaben des Betriebsrates würden die angestellten Rider nur unzureichend über die Funktionsweisen der App aufgeklärt. Der Betriebsrat erarbeite aktuell Verbesserungsvorschläge für die App.

Landesdatenschutzbeauftragter: App "klar rechtswidrig"

Die Funktionsweise der "Scoober"-App hat der Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Stefan Brink, untersucht. Seine Behörde wurde nach der Beschwerde eines Riders tätig und analysierte, welche Daten die App während einer Arbeitsschicht erhebt. Er kommt zu dem Schluss: "Es handelt sich um eine sehr engmaschige Überwachung im Beschäftigungsverhältnis, die dort stattfindet."

In Abständen von 15 bis 20 Sekunden werde der genaue Standort der Rider weitergegeben. Das führe, so der Datenschutzbeauftragte, zu sogenanntem Tracking, also einer "dauerhaften Überwachung der Arbeitsleistung", die aus seiner Sicht "klar rechtswidrig" sei. Außerdem sende die App personenbezogene Daten an Drittanbieter, beispielsweise an Google. Auch dafür könne seine Behörde "keine Rechtsgrundlage erkennen".

Im November berichteten Reporterinnen und Reporter des BR erstmals über die Überwachungs-Vorwürfe gegen Lieferando, das Ausmaß des Fahrer-Trackings wird durch die nun vorliegenden Belege noch deutlicher.

Lieferando: App erforderlich für Betriebsablauf

Lieferando teilt auf erneute Anfrage des BR mit: "Die Fahrer-App entspricht den geltenden Datenschutzbestimmungen und die ermittelten Daten (wie Zeiten und Orte) sind unerlässlich, damit der Lieferservice ordnungsgemäß funktioniert."

Das Unternehmen schreibt außerdem, dass erhobene Daten "nicht für unerlaubte Leistungs- oder Verhaltenskontrolle genutzt" würden und man die Fahrer darüber informiere "wie und zu welchem Zweck wir die Daten nutzen".

Der Arbeitspsychologe Oliver Sträter, Professor an der Universität in Kassel und Vorsitzender der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft, betont, wie wichtig es sei, dass Unternehmen den Mitarbeitenden klar kommunizierten, wozu die erhobenen Daten verwendet würden. Unter diesen Voraussetzungen sei Tracking von Arbeitnehmern "erst einmal nicht schädlich." Würde Tracking hingegen genutzt, um die Belegschaft zu kontrollieren, könne sich dies durch Arbeitsunzufriedenheit, erhöhte Krankmeldungen und psychische Überlastung bemerkbar machen, so Sträter gegenüber dem BR: "Letztendlich ist es ein Angstzustand, der generiert wird, wenn ich nicht weiß, was mit diesen Daten passiert."

"Die Überwachung von Beschäftigen durch den Arbeitgeber ist grundsätzlich möglich", sagt auch Datenschützer Stefan Brink. Es müsse jedoch sichergestellt sein, dass ein Arbeitgeber nicht dauerhaft sämtliche Beschäftigen trackt. Ein Arbeitgeber solle nur die Standortdaten seiner Beschäftigten haben, die er "unbedingt braucht, um einen Auftrag abzuwickeln."

Mögliche Strafzahlung – niederländische Behörde müsste ermitteln

Welche Daten Lieferando tatsächlich benötigt, um Lieferungen reibungslos abzuwickeln, könnte in einem nächsten Schritt in den Niederlanden entschieden werden. Lieferando ist eine Tochter des Konzerns "Just Eat Takeaway" mit Firmensitz in Amsterdam. Für eine Ahndung etwaiger Verstöße ist deshalb die niederländische Datenschutzbehörde DPA zuständig. An sie leitete der baden-württembergische Datenschutzbeauftragte Stefan Brink Mitte Mai seine Untersuchungen weiter.

Sollten die Niederländer zu einer ähnlichen Einschätzung kommen wie er, droht Lieferando eine signifikante Strafzahlung: "Es handelt sich in diesem Fall um einen Maximalverstoß. Ich rechne mit einer möglichen Strafe für Lieferando beziehungsweise 'Just Eat Take Away' in einer zweistelligen Millionenhöhe", sagt Brink dem BR.

Die europäische Datenschutzgrundverordnung sieht bei Verstößen Bußgelder in Höhe von bis zu vier Prozent des "gesamten weltweit erzielten Jahresumsatzes des vorangegangenen Geschäftsjahrs" vor. 2020 wuchs der weltweite Umsatz des Konzerns "Just Eat Takeaway" um 54 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro. Eine mögliche Strafzahlung könnte deshalb bis zu 96 Millionen Euro umfassen. Der Konzern wollte sich hierzu nicht äußern. Die niederländische Datenschutzbehörde teilt auf Anfrage mit, grundsätzlich keine Auskünfte über vorgeschlagene oder laufende Verfahren zu geben.

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