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Libanon nach der Explosion: Frust, Gewalt und Rücktritte | BR24

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Die zweite Nacht in Folge kam es in Beirut zu gewalttätigen Protesten auf den Straßen

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    Libanon nach der Explosion: Frust, Gewalt und Rücktritte

    Im Libanon entlädt sich nicht nur der Ärger über die verheerende Explosion. Die Menschen sind enttäuscht von jahrelanger Misswirtschaft und Korruption. Die Regierung scheint in Auflösung begriffen.

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    Von
    • Carsten Kühntopp

    Im Zentrum von Beirut kam es gestern die zweite Nacht in Folge zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen randalierenden jungen Männern und Sicherheitskräften. Einige Protestierende wollen zum Parlament vordringen, einmal mehr flogen Steine und Tränengasgranaten.

    Schon am Tag zuvor hatten aufgebrachte Bürger mehrere Regierungsgebäude kurzzeitig besetzt. Abdallah war dabei:

    "Wir sind in die Ministerien eingedrungen, um zu zeigen, dass das alles Politiker sind, die auf ihren Sesseln sitzen. Habt etwas Mitgefühl! Wir sind verletzt, wir fühlen Schmerz, wir halten es nicht mehr aus - die Menschen haben Hunger. Wir protestieren hier nicht, um Fotos für Facebook zu machen! Die Leute haben Hunger, daher kommt das." Abdallah, libanesischer Demonstrant

    Ausschreitungen bei Großkundgebung

    Doch zu einer geplanten Großkundgebung gegen die Regierung am Samstag erscheinen nur einige Tausend, auch am Rande dieser Demo kommt es schnell zu Ausschreitungen. Mona, eine junge Frau, gibt beiden Seiten die Schuld dafür:

    "Ich war von den Sicherheitskräften enttäuscht, aber ehrlich gesagt auch von den Demonstranten. Denn wir wollten eigentlich friedlich bleiben. Ich verstehe diese Wut - auch ich bin wütend -, aber ich möchte lieber nur wenige Verletzte." Mona, libanesische Zivilistin

    253 Millionen Soforthilfen

    Unterdessen nehmen die internationalen Hilfsanstrengungen für die Menschen in Beirut weiter Fahrt auf. 253 Millionen Euro für die Soforthilfe kann Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einer Video-Geberkonferenz organisieren:

    "Die Explosion am 4. August war wie ein Donnerschlag. Es ist Zeit zum Aufstehen und Handeln. Die libanesischen Behörden müssen jetzt die politischen und wirtschaftlichen Reformen umsetzen, die das Volk verlangt – was das einzige ist, das es der internationalen Gemeinschaft ermöglicht, effizient Seite an Seite mit dem Libanon an seinem Wiederaufbau zu arbeiten." Emmanuel Macron, französischer Staatspräsident

    Korrupte Behörden

    Weil die Behörden als hoffnungslos korrupt gelten, läuft die Nothilfe komplett an ihnen vorbei. Die Partner im Libanon sind stattdessen Nichtregierungsorganisationen wie das Rote Kreuz - ein Schlag ins Gesicht der Regierung, die unter dem Druck der öffentlichen Meinung zu zerfallen scheint. Sonntagabend erklärte der Umweltminister seinen Rücktritt, zuvor war bereits Informationsministerin Manal Abdel Samad gegangen.

    Zur Begründung erklärte sie, die Wirklichkeit sei hinter den Ansprüchen zurückgeblieben. Sie bedauere, die Erwartungen der Menschen nicht erfüllt zu haben, dafür entschuldige sie sich. Ein Wandel für das Land sei außer Reichweite, so Abdel Samad.

    Neuwahlen als Lösung?

    Wie es heißt, bemüht sich Regierungschef Hassan Diab nun, andere Minister von einem Rücktritt abzubringen und das Kabinett zusammenzuhalten. Diab strebt eine vorgezogene Neuwahl an, wie er am Samstag in einer kurzen Fernsehansprache sagte: "In Wirklichkeit gibt es keinen Weg aus dieser strukturellen Krise heraus ohne vorgezogene Neuwahlen, um eine neue politische Klasse und ein neues Parlament hervorzubringen."

    Seinen Vorschlag will Diab heute dem Kabinett vorstellen - sollte er bis dahin tatsächlich noch einer Ministerriege vorsitzen.

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