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Leben ohne Krankenversicherung | BR24

© BR/ Foto: Rebekka Preuß

Für Menschen ohne Krankenversicherung ist die Anlaufstelle „open.med“ eine wichtige Einrichtung

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    Leben ohne Krankenversicherung

    Nach Schätzungen sind in Deutschland bis zu 300.000 Menschen nicht krankenversichert, zwei Millionen haben einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem. In München betreibt der Verein "Ärzte der Welt" eine Praxis, die Betroffene gratis behandelt.

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    Reinhard Schmidt geht gebückt an diesem Vormittag. Den 65-Jährigen quälen Rückenschmerzen. Was aber noch viel schlimmer ist: Auf seinem linken Auge ist er blind. Der Graue Star ist bei ihm weit fortgeschritten. Eine Operation kann er sich jedoch nicht leisten. Denn seit 20 Jahren hat er keine Krankenversicherung.

    Als Selbständiger war die private Krankenversicherung zu teuer

    Früher hat Reinhard Schmidt als Informatiker gearbeitet. Er war immer selbstständig, hat gut verdient und war privat versichert. Dann konnte er seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Er wurde Kurierfahrer. Wieder arbeitete er selbstständig, jedoch diesmal mit sehr viel weniger Geld.

    „Zu der Zeit war dann auch meine Scheidung. Und dann ist auch meine Krankenversicherung weggefallen, weil ich es nicht mehr bezahlen konnte.“ Reinhard Schmidt, Betroffener

    Reinhard Schmidt kündigt seine private Krankenversicherung. Dabei können sich Selbstständige auch freiwillig gesetzlich versichern. Doch den Weg in die Gesetzliche schlägt Reinhard Schmidt nicht ein. Er erlaubt sich in all den Jahren einfach nicht, krank zu sein.

    Der Weg zurück in eine Krankenversicherung

    Doch jetzt geht es nicht mehr ohne medizinische Hilfe. Reinhard Schmidt bräuchte dringend eine Augen-OP. Außerdem möchte er in Rente gehen und das geht nur mit Krankenversicherung. Hilfe bekommt er beim Verein „Ärzte der Welt“ in München. Die Anlaufstelle in der Dachauer Straße heißt "open.med" und ist Arztpraxis und Sozialberatung in einem. Aber welche Kasse würde Reinhard Schmidt aufnehmen? Annemarie Weber von "Ärzte der Welt" hilft ihm bei den Formularen.

    „Das ist eigentlich die Hauptschwierigkeit, dass das Wissen gar nicht darüber besteht, dass die letzte Krankenversicherung einen aufnehmen muss.“ Annemarie Weber, Projektleiterin "Ärzte der Welt e.V."

    Und wer übernimmt die Kosten? Reinhard Schmidts monatliche Rente wird 124 Euro betragen. Allein der Basistarif der Privaten Krankenversicherung kostet 800 Euro monatlich.

    „Wenn er in die Rente kommt, gibt es andere Leistungen die man beantragen kann, nämlich die Grundsicherung im Alter. Da wird dann die Krankenversicherung weiter geführt. Aber da muss man auch gucken, dass der Übergang gut funktioniert." Annemarie Weber, Projektleiterin "Ärzte der Welt e.V."

    Wen das Gesundheitssystem ausschließt

    Ärzte der Welt schätzt, dass in Deutschland bis zu 300.000 Menschen keine Krankenversicherung haben und insgesamt zwei Millionen Menschen einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem. Betroffen sind Selbstständige, Arbeitssuchende, Obdachlose. Nach dem GKV-Versichertenentlastungsgesetz können beispielsweise Beitragsrückstände oder der Verlust einer Meldeadresse zum Ausschluss aus der Krankenversicherung führen.

    Auch Bürger aus anderen EU-Staaten, die in Deutschland leben, können betroffen sein. Entweder weil sie keine Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) besitzen, oder weil diese nicht in allen Praxen akzeptiert wird. Wenn sie in ihrem Heimatland keine Krankenversicherung haben und in Deutschland arbeitssuchend sind, fallen sie unter bestimmten Voraussetzungen unter das Leistungsausschlussgesetz. Innerhalb von zwei Jahren können sie nach diesem Gesetz nur für maximal einen Monat sogenannte Überbrückungsleistungen beantragen, zu denen auch eine medizinische Versorgung gehört. Menschen die im Asylverfahren sind oder eine Duldung besitzen, haben ebenfalls nur eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem. So besteht nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen sowie bei Schwangerschaft und Geburt nur in den ersten 18 Monaten ein Anspruch auf Kostenübernahme für reduzierte medizinische Leistungen. Darüber hinausgehende Leistungen müssen beantragt werden.

    „Ärzte der Welt e.V.“ kämpft für Gesundheitsvorsorge als Menschenrecht

    In der Anlaufstelle in München bekommt jeder Hilfe. Der Verein ist auf Spenden angewiesen und auf seine 90 ehrenamtlichen Mitarbeiter, wie die Gynäkologin Silke Räß.

    „Jeder kann in so eine Situation kommen und freut sich dann, wenn er Hilfe hat, wenn er weiß, wohin er gehen kann. Und deswegen mache ich das hier auch, weil ich denke, es ist einfach sehr wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat zu einem Arzt zu kommen und untersucht zu werden." Silke Räß, Gynäkologin und ehrenamtliche Mitarbeiterin

    Reinhard Schmidt hat mit Hilfe von „Ärzte der Welt“ alle Unterlagen ausgefüllt, die er für seine Wiederaufnahme in die Krankenversicherung braucht.

    „Da bin ich schon sehr dankbar, dass es so eine Anlaufstelle überhaupt gibt. Und ich muss auch sagen, ich habe ziemlich lange nach einer entsprechenden Stelle gesucht.“ Reinhard Schmidt

    Wenn alles klappt, dann hofft der 65-Jährige, dass die Krankenversicherung auch die Operation für sein erblindetes Auge übernimmt.

    Suchen Sie Hilfe? Die Anlaufstelle „open.med“ des Vereins Ärzte der Welt e.V. befindet sich in der Dachauer Straße 161 in München. Weitere Informationen für Betroffene, ehrenamtliche Helfer und Spender bietet der Verein auf seiner Internetseite https://www.aerztederwelt.org/wem-wir-beistehen/hilfe-fuer-patientinnen