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Leben in Bethlehem: "Es ist wie im Gefängnis" | BR24

© Tim Aßmann / ARD

"Ein großes Gefängnis" - Bethlehems Lage zwischen israelischen Siedlungen

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Leben in Bethlehem: "Es ist wie im Gefängnis"

In den Weihnachtstagen pilgern wieder viele Christen nach Betlehem. Für viele Einwohner der Stadt ist das Leben dort problematisch - sie fühlen sich eingesperrt. Der Grund: die israelische Sperrmauer und der Siedlungsbau.

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Bethlehem, der Geburtsort Jesu, ist in diesen Tagen wieder Ziel christlicher Pilger, die auf ihrem Weg hinein und hinaus israelische Checkpoints passieren müssen. Die rund 30.000 Einwohner Bethlehems können sich nicht so frei bewegen, wie die ausländischen Besucher. Die Stadt ist teils umgeben von der israelischen Sperrmauer, teils nimmt der beständige Ausbau der israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten Bethlehem und den Nachbarkommunen den Raum zur eigenen Entwicklung. "Es ist wie ein Gefängnis", sagen viele palästinensische Einwohner.

Siedlungsbau schreitet voran

Ein kahler Hügel südlich von Bethlehem. Ein paar Kilometer entfernt, sieht man die israelische Siedlung Evrat. Dror Etkes, Israeli und kritischer Experte für den Siedlungsbau in den besetzten palästinensischen Gebieten, zeigt auf ein paar Wohncontainer auf dem Nachbarhügel. Hier soll eine neue Siedlung entstehen, erzählt er:

"Plan ist, ungefähr 2500 Häuser hier zu bauen. Das heißt eine riesige Siedlung, also eine neue Nachbarschaft von Evrat und wenn diese Siedlung gebaut wird, ist Bethlehem zu - von allen Seiten." Dror Etke, Israelischer Experte für Siedlungsbau

Mehr als 100.000 jüdische Siedler leben schon jetzt in rund 20 kleineren und größeren Ortschaften in der Region um Bethlehem und es werden mehr, sagt Suhail Khalilieh. Der Palästinenser beobachtet die Entwicklung der Siedlungen für die Nichtregierungsorganisation Arij in Bethlehem. Wenn man alle bekannten Pläne zusammennehme, werde sich die Zahl der Siedler um Betlehem in den nächsten zehn Jahren mindestens verdoppeln, so Khalilieh.

Israelische Sperrmauer begrenzt Entwicklung

An drei Seiten fressen sich die Siedlungen immer näher an die palästinensische Stadt und ihre Nachbardörfer heran, an der vierten Seite begrenzt die israelische Sperrmauer das Gebiet. Die Folge ist, dass die palästinensischen Kommunen eingezwängt zwischen Siedlungen, deren Verbindungsstraßen und der Mauer keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr haben.

"Bethlehem wird viele Einwohner verlieren, denn es gibt kein freies Bauland mehr, keinen Platz zur Ausdehnung. Die Grundstückspreise sind in den letzten zehn Jahren durch die Decke gegangen. Die Leute haben keinen Platz mehr zum Leben.“ Suhail Khalilieh, Nichtregierungsorganisation Arij

Viele junge Familien können sich in Bethlehem keine Wohnung leisten und es fehlt auch schlicht der Platz für Neubauten. Hinzu kommen die insgesamt schlechten Perspektiven in den palästinensischen Gebieten.

Pastor kritisiert Pilger

Den lutheranischen Pastor Munther Isaac stört das Verhalten vieler Pilger, die Bethlehem besuchen. Das Schicksal der Einwohner dieser Stadt interessiere sie eigentlich nicht.

"Für die vielen Pilger in der Weihnachtszeit sind wir unsichtbar. Sie wollen Plätze und Steine sehen aber nicht so sehr die Menschen, die Gemeinde. Wenn Bethlehem nicht hier auf der palästinensischen Seite wäre, wäre es den Millionen von Pilgern egal, was es heißt Palästinenser zu sein und wie es ist, unter der Besatzung zu leben." Munther Isaac, Pastor in Betlehem

Seine Kirchengemeinde werde immer kleiner und im Schnitt älter, beklagt, Isaac. Viele seiner Freunde hätten aufgegeben und seien gegangen. Er selbst will aber in Bethlehem bleiben. Seine Heimatstadt ohne Christen mag er sich nicht vorstellen. Auf eine Besserung der politischen Lage hofft der Pastor nicht.