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Laxe Rückrufpraxis: Viele Autos mit gravierenden Risiken | BR24

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Viele Autos gehören eigentlich in die Werkstatt. Das haben Recherchen des Wirtschaftsmagazins Plusminus und BR Data ergeben. Zwar laufen in diesen Fällen Rückrufaktionen, aber Experten warnen: Die Fristen sind zu lang und deshalb lebensgefährlich.

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Laxe Rückrufpraxis: Viele Autos mit gravierenden Risiken

Defekte Airbags, Komplettausfall der Elektronik oder sogar Brandgefahr: Tausende Autos fahren mit gefährlichen Mängeln über Deutschlands Straßen. Das Kraftfahrtbundesamt wäre dafür zuständig - doch Experten halten dessen Rückrufpraxis für skandalös.

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Plusminus und BR Data haben die EU-Datenbank Rapex nach Fahrzeugrückrufen ausgewertet, die Deutschland betreffen und von denen ein "serious risk“, eine ernste Gefahr, ausgeht: Demnach hat sich die Zahl der Meldungen zu Herstellern von Autos, Bussen oder Lkw, von denen eine solche ernste Gefahr ausgeht, in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Tausende Hondas haben Risiko-Airbag

Ein Beispiel: Die EU-Kommission meldete im Januar 2019 über das Online-Schnellwarnsystem Rapex für Produkte mit ernsten Mängeln zahlreiche Honda Modelle mit folgendem Problem: "Ein Defekt im Gasgenerator des Beifahrerairbags (…) führt zu unkontrollierter Inflation und zum Lösen von Metallfragmenten beim Auslösen des Airbags. Dies kann dazu führen, dass die Fahrzeuginsassen verletzt werden.“ In den USA hat die US-Verkehrsüberwachungsbehörde NHTSA zahlreiche Fälle dokumentiert, bei denen ein vergleichbarer Airbag ungewollt explodiert, Metallteile herauskatapultiert und dadurch Menschen verletzt wurden.

Zwar hat Honda die Fahrzeuge zurückgerufen. Doch im vergangenen Juli, so räumt der Hersteller auf Anfrage ein, waren noch 20.507 Fahrzeuge mit dem gravierenden Risiko auf den Straßen. Trotz Rückrufs haben demnach 31 Prozent aller betroffenen Fahrzeuge nach wir vor einen Risiko-Airbag.

"Praxis gefährdet die Verkehrsteilnehmer“

Axel Friedrich, ehemaliger Leiter im Umweltbundesamt, beschreibt, was passiert, wenn der defekte Airbag sich unkontrolliert löst: "Sie kriegen einen Schlag aufs Ohr, während der Fahrt. Dieses Teil sitzt Ihnen ja im Gesicht. Sie sehen nichts mehr. Das heißt, Sie werden mit Sicherheit einen Unfall machen.“ Deutschlands Rückrufpraxis hält Friedrich für skandalös: "Das Kraftfahrtbundesamt ist zuständig für die Bürger. Es muss diese Fahrzeuge sofort zurückrufen. Diese Praxis gefährdet die Verkehrsteilnehmer.“

Weitere Fälle: BMW 1, 3, M3, X1, Z4: 16.000 Fahrzeuge mit Gefahr des Komplettausfalls der Elektronik sind ein Jahr nach der Rapex Meldung noch immer auf der Straße. "In einzelnen Fällen kann es zum Liegenbleiben während der Fahrt kommen“, so BMW auf Anfrage von Plusminus. Welche und wie viele Fahrzeuge genau es von diesen 16.000 noch nicht gerichteten Autos betreffen könnte, ist nicht bekannt.

So funktioniert ein Fahrzeug-Rückruf in Deutschland

Audi Q5: 25 Prozent der möglicherweise mit einem nicht intakten Handbremszylinder ausgestatteten Fahrzeuge sind am 23. Juli 2019 noch nicht repariert. Ein "Versagen der hydraulischen Bremsanlage über die ganze Lebensdauer kann nicht ausgeschlossen werden". Eine Notbremsfunktion könne das Fahrzeug dann bis zum Stillstand verzögern, so Audi.

Die Rückrufpraxis ist in Deutschland derzeit wie folgt geregelt: Meldungen aus der Rapex-Liste gehen an die zuständigen nationalen Behörden für Kraftfahrtzeug-Sicherheit, in Deutschland das Kraftfahrtbundesamt, kurz KBA. So erfahren das KBA und auch alle anderen zuständigen nationalen Behörden in den EU-Ländern von ernsten Risiken. Umgekehrt melden alle nationalen Behörden an Rapex.

So geht das KBA nach eigenen Angaben vor: "Sofern ein ernstes Risiko besteht, werden die Fahrzeughalter in der Regel im Rahmen einer Halterbenachrichtigung des Herstellers über den Rückruf informiert.“ Auch das KBA listet Rückrufe in einer eigenen Rückrufdatenbank auf, die allerdings nicht mit der Rapex-Liste in Verbindung steht. Die Rückrufe würden, so das KBA, "fahrzeuggenau anhand der Fahrzeugidentifizierungsnummer überwacht".

Kraftfahrtbundesamt gibt Herstellern 18 Monate Zeit

Obwohl die zuvor als "ernst“ klassifizierten Mängel Gefahren für Leib und Leben darstellen können, gibt das KBA den Herstellern bis zu 18 Monate Zeit, die Rückrufe abzuwickeln.

Fahrzeuge, die der Hersteller in der vorgegebenen Frist nicht richten würde, meldet das KBA der zuständigen Zulassungsbehörde, die in eigener Zuständigkeit dann weitere Maßnahmen prüft. Plusminus hat ein paar aktuelle Bespiele von Risiken in Autos, Lkws und Bussen zusammengetragen:

  • Blockieren der Bremsen
  • Lösen der Räder
  • Abfallen des Bremspedal
  • Schmorschäden durch defekte USB Anschlüsse
  • Durchrutschen von Lenksäule und Lenkspindel
  • Kurzschluss und Brandgefahr
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Hersteller müssen immer öfter Kraftfahrzeuge zurückrufen. Die Hersteller lassen sich dabei jedoch viel zu viel Zeit, kritisieren Experten. Vom Zeitpunkt der Feststellung des Mangels bis zum Rückruf sind die Autos mit Mängeln unterwegs.

"Aufsicht muss durchgesetzt werden"

Der Fachmann für Verwaltungsrecht an der Hochschule Eberswalde, Professor Remo Klinger, weist auf die EU Richtlinie für Produktsicherheit hin. Unverzüglich müssten gefährliche Produkte vom Markt: "Das ist ein ganz klarer Verstoß gegen die Richtlinie. Sie besagt ausdrücklich, dass die Rückrufe unverzüglich zu erfolgen haben, um damit eben Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger nicht zu gefährden.“ Es könne nicht sein, so Klinger, "(...) dass man mal miteinander redet. Und dem anderen dann monatelang Zeit gibt, so etwas umzusetzen. Das ist nicht Recht, das ist nicht rechtens, sondern hier muss die Aufsicht durchgesetzt werden, die das KBA gegenüber dem Hersteller hat.“

Immerhin: Wenn es durch defekte Fahrzeugteile zu Unfällen kommt, haftet der Hersteller. Das große Problem: Autofahrer müssen beweisen, dass ein Defekt zum Unfall geführt hat. Auf Anfrage erklärt das Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz (24.07.2019): "Den Mangel muss derjenige nachweisen, der sich gegenüber dem Produkthersteller darauf beruft.“

Autofahrer in den USA rechtlich besser geschützt

Verkehrsexperte Axel Friedrich hält diese Regelung für äußerst unfair: "Denn der kleine Eigentümer eines Autos ist im Vergleich zu der Macht eines großen Konzernes nicht in der Lage, so etwas nachzuweisen.“ In den USA sind die Bürger wesentlich besser geschützt: Rechtsanwalt Paul Zukerberg in Washington erklärt die Rechtslage: "Wir haben die Nationale Transport Behörde. Sie überwacht die Rückrufe und die Menschen haben noch ein robustes Zivilrecht, das ihnen hilft, wenn sie verletzt werden oder ihre Liebsten getötet werden.“ Man müsse nur zeigen, dass es ein mangelhaftes Produkt gab, dass es unsicher und auf dem Markt war. Und wenn man das könne, so Zukerberg, dann könne man einen Schadenersatzprozess gegen den Autohersteller führen.

Nachweis eines Defekts in Deutschland schwierig

Der Nachweis, dass ein Unfall wegen eines Defekts am Fahrzeug erfolgte, ist in Deutschland nicht nur deshalb schwierig, weil Gutachter eher selten involviert sind. Die 16 Innenministerien in Deutschland bestätigen Plusminus, dass es in der Regel nach einem Unfall nicht zu einem Abgleich verunfallter Fahrzeuge mit Rapex Daten oder denen aus der Rückrufdatenbank des KBA kommt.

Die meisten Rückrufe bei Mercedes-Benz, VW und Evobus

Die Auswertung der Datenjournalisten von BR Data zeigt, dass Mercedes-Benz von 2014 bis Mitte Juli 2019 der Hersteller mit den meisten Rückrufen war – 198 an der Zahl. Mit über hundert Einträgen weniger steht VW an zweiter Stelle, am dritthäufigsten ist der Omnibushersteller Evobus verzeichnet – (ein Tochterunternehmen der Daimler AG).

Insgesamt nimmt die Zahl der Rückrufe tendenziell zu – 2017 und 2018 gab es jeweils mehr als doppelt so viele Rückrufe wie 2014. Mercedes verzeichnete im Jahr 2018 sogar mehr als fünfmal so viele Rückrufe wie im Jahr 2014. Die am häufigsten betroffenen Modelle seit 2017 waren Mercedes E-Klasse, Evobus Citaro und Mercedes Sprinter.

Im Juli meldet VW für den T6 und im August Ford für KA und Figo Brandgefahr. Opel für den Zafira: Die Rückscheibe könne herausfallen und den nachfolgenden Verkehr behindern. Das Kraftfahrtbundesamt gibt den Herstellern wieder Monate lang Zeit, die zigtausend betroffenen Fahrzeuge zu reparieren.