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In Lech am Arlberg fotografiert am Samstag um 15:30 Uhr, etwa zu der Zeit als sich die vier Skifahrer auf den Weg gemacht haben dürften.
© Wolfgang Vichtl

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Florian Haas
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In Lech am Arlberg fotografiert am Samstag um 15:30 Uhr, etwa zu der Zeit als sich die vier Skifahrer auf den Weg gemacht haben dürften.

Die drei Skifahrer aus dem Raum Biberach und ihr noch vermisster vierter Partner waren auf ihre Tour am 2.362 Meter hohen Rüfikopf den Behörden zufolge sehr gut vorbereitet - zumindest vom technischen Standpunkt aus betrachtet.

Wohl Volksbank-Vorstand unter den Opfern

Nach Informationen der "Schwäbischen Zeitung" soll unter den Opfern ein Vorstandsmitglied der Volksbank Allgäu-Oberschwaben mit Sitz in Leutkirch sein. Das habe dessen Vorstandskollege der Zeitung bestätigt. Zu der Gruppte gehörten demnach auch Mitglieder der Turngemeinde Biberach. Alle seien versierte Skifahrer gewesen.

Jeder der Männer (Alter: 28, 32, 36, 57) hatte eine komplette Notfallausrüstung dabei. Darin enthalten: ein Peilsender für Verschüttete; eine Sonde zur Suche im tiefen Schnee; eine Schaufel; und vor allem: ein Rucksack mit Lawinenairbag. Der Airbag soll dafür sorgen, dass Skifahrer nach einem Lawinenabgang nicht zu tief verschüttet werden, dass sie an der Oberfläche mit den Schneemassen "mitschwimmen" können.

Schnelle Handy-Ortung ohne Erfolg

Als die Schneemassen am Samstag die Gruppe überwältigten, öffneten sich die Airbags auch wie erhofft. Aber gegen die Wucht der Lawine waren sie machtlos, sie konnten die Skifahrer eben nicht über dem Schnee halten. Und auch dass die Rettungskräfte die Vermissten mittels Handy vergleichsweise schnell orten konnten, half nicht.

Generell gilt: Wer binnen 15 Minuten aus einer Lawine befreit werden kann, hat vergleichsweise große Überlebenschancen. Mit jeder weiteren Minute sinken diese Chancen rapide. Im konkreten Unglücksfall verging zwischen der Vermisstenanzeige (19.50 Uhr) und der Entdeckung der Skitourengeher am Berg (23 Uhr) eine sehr lange, letztlich viel zu lange Zeit.

Trügerisches Sicherheitsgefühl

Für den Bürgermeister von Lech, Ludwig Muxel, aber auch für viele Alpin-Experten und Skitourengeher ist es die traurige Bestätigung: Auch bestes Equipment kann mitunter nichts gegen die Kraft der Natur ausrichten, kann das Risiko nicht eliminieren - sondern allenfalls reduzieren. Wiederum wiegt ein großes Ausrüstungspaket mit immer besser werdender Technik wohl viele Skifahrer in falscher Sicherheit.

Muxel äußerte sich über das Lawinen-Drama äußerst betroffen; zugleich richtete er an einen Appell an alle, auf gesicherten Pisten zu bleiben. Seine Warnung ließ auch seine Fassungslosigkeit erkennen über den Leichtsinn derjenigen Variantenfahrer, die bei diesen Bedingungen abseits der gesicherten Pisten fahren. "Sie haben beste Ausrüstung, aber das ist oft trügerisch."

Womöglich hatte auch das vergleichsweise gute Wetter die Skitourengeher in ihrer Entscheidung beeinflusst, die Tour trotz der bedrohlichen Schneelage zu wagen. BR-Reporter Wolfgang Vichtl, der sich zurzeit in der Region aufhält, war am Samstag selbst auf den (gesicherten) Pisten von Lech unterwegs, sprach anschließend von sehr guten Wetterbedingungen; ab Nachmittag habe sich auch die Sonne immer wieder gezeigt.

Eventuell spielte es auch eine Rolle, dass am Unglückstag oben am Rüfikopf "nur" Lawinen-Warnstufe 3 von 5 galt; das bedeutet zwar immer noch "erhebliche Gefahr". Trotzdem wird diese Stufe nach Erfahrungen von Bergrettern oft unterschätzt.

Abfahrt trotz Sperre und Warnungen

Dennoch: Warum die Gruppe das Risiko überhaupt auf sich nahm - diese Frage stellen sich laut BR-Reporter Wolfgang Vichtl derzeit alle Lech. Schließlich werde in jedem Hotel und im Wetterdienst vor Skitouren abseits der Pisten gewarnt, höre man in der Früh die kontrollierten Lawinen-Sprengungen von Einsatzkräften aus dem Hubschrauber heraus: "Wer die Warnungen mitbekommen will, der bekommt sie mit", sagt Vichtl.

Eventuell war für die Gruppe aus Oberschwaben auch die Verlockung zu groß, eine der spektakulärsten Abfahrten der Alpen absolvieren zu können. Die Skifahrer waren nach jetzigem Stand auf der Route "Langer Zug" unterwegs. Mit einem Gefälle von bis zu 80 Prozent gilt die Piste als eine der zehn steilsten der Welt. Auf sozialen Netzwerken und Videoportalen finden sich mehrere Clips, die sichtlich stolze Skifahrer mit GoPro-Kameras aufgenommen haben.

Der Einstieg befindet sich in einer Höhe von knapp oberhalb 2.000 Metern, der Höhenunterschied beträgt bei einer Abfahrtslänge von 852 Metern fast 380 Meter (!). Normalerweise wird die Route mit einer Pistenraupe präpariert, die aber die Neigung nur an einem Sicherungsseil bewältigen kann. Das Skigebiet Lech Zürs am Arlberg selbst wirbt auf YouTube mit einer "besonderen Herausforderung", die "keinen Fahrfehler verzeiht". Und in dem Fall tragischerweise auch keinen Fehler bei der Bewertung von Sicherheitsrisiken: Der "Lange Zug" war am Unglückssamstag offiziell gesperrt.

Lawinenexperte Höller: Kein Trend zur Unvernunft

Der tödliche Vorfall reiht sich ein in eine traurige Liste ähnlicher Unglücke der vergangenen Tage und Wochen. Gibt es denn einen generellen Trend zum Leichtsinn? Nein, meint Peter Höller. Er ist renommierter Lawinenforscher vom Institut für Naturgefahren am österreichischen Bundesforschungszentrum für Wald in Innsbruck, äußerte sich nun im Online-Portal Vol.at (Vorarlberg Online).

Höller sieht im Zusammenhang mit Lawinenunglücken im sogenannten freien Skiraum "keinen Trend zur Unvernünftigkeit". Gemessen an der Zahl derer, die dort heutzutage unterwegs seien, passieren - relativ gesehen - laut Höller weniger Unfälle als etwa vor 20 Jahren. Die Statistik bestätigt: Es gibt in den österreichischen Alpen deutlich weniger tödliche Lawinenkatastrophen als tödliche Alpin-Unfälle anderer Art, im Sommer zudem viel mehr Todesopfer als im Winter.

Ungeachtet dessen sind die Überlebenschancen für den vierten Skifahrer der oberschwäbischen Skigruppe wohl nur noch gering. Die Helfer mussten sich die Suche nach dem 28 Jahre alten Vermissten vorerst abbrechen. Der Grund: zu gefährlich. Das Wetter ist zu schlecht, neue starke Schneefälle haben eingesetzt. Die Lawinengefahr steigt weiter.