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"Laufen ist sein Leben" – der Holocaust-Überlebende Ladany | BR24

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Zweimal entging Shaul Ladany in Deutschland dem Tod: Unter den Nazis und beim Attentat auf die Olympischen Spielen 1972. Jetzt hat er im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen eine Ausstellung über die Verfolgung seiner Familie eröffnet.

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"Laufen ist sein Leben" – der Holocaust-Überlebende Ladany

Zweimal entging Shaul Ladany in Deutschland dem Tod: Unter den Nazis und beim Attentat bei den Olympischen Spielen 1972. Jetzt hat er im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen eine Ausstellung über die Verfolgung seiner Familie eröffnet.

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Wenn Shaul Ladany zuhause ist, also in Omer in der israelischen Negev-Wüste, beginnt sein Tag so: Ladany läuft jeden Morgen – in seinem Wohnzimmer. Um seine Haut vor der brennenden Sonne draußen zu schützen, läuft er zuhause auf einer 30 Meter langen Runde immer im Kreis – bis sein Trainingspensum von zehn Kilometern erreicht ist. Eigentlich läuft Shaul Ladany nicht, er geht, aber das ziemlich schnell für einen 83-Jährigen: "Die zehn Kilometer schaffe ich in ungefähr 90 Minuten. Das ist keine gute Zeit, aber sie ist vertretbar.“

Erfolgreicher Geher

Shaul Ladany ist Geher und zwar ein ziemlich erfolgreicher. Er hält den Weltrekord über 50 Meilen und er war, als Mitglied israelischer Mannschaften, zweimal bei Olympischen Spielen – auch 1972 in München: "Ich ging gegen drei Uhr morgens ins Bett. Am 5. September. Auf einmal wurde ich geweckt und jemand sagte: 'Araber haben Muni getötet.'"

Attentat in München 1972

Palästinensische Terroristen hatten die Mannschaftskameraden im Nachbarappartement überfallen und den Trainer Moshe Weinberger, genannt Muni, erschossen. Insgesamt wurden elf israelische Sportler bei der Geiselnahme von München ermordet. Shaul Ladany konnte flüchten, was seine Angehörigen in Israel aber zunächst nicht wussten: "Ich fand später heraus, dass das israelische Radio die Namen der Überlebenden verlesen hatte und ich nicht auf dieser Liste war.“

Ladany überlebte das KZ

Bei der Geiselnahme in München 1972 entging Shaul Ladany zum zweiten Mal in Deutschland dem Tod. Ladany wurde in Belgrad geboren. Die jüdische Familie floh zunächst vor den Nazis nach Ungarn, wurde von dort 1944 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert: "Wir waren sechs Monate in Bergen-Belsen. Ich war achteinhalb Jahre alt. Bis heute kann ich mich an vieles erinnern.“

Shaul Ladany hat noch die Gesichter der Aufseher im Gedächtnis und er weiß, wie das Lager aussah. Ladanys Familie wurde schließlich ausgelöst und konnte Bergen-Belsen verlassen. Als er Jahrzehnte später zurückkehrte, stand Ladany in der Gedenkstätte vor einer Übersichtskarte des Lagers. Er erinnert sich: "Ich sah das ungarische Lager. Dort war ich. Und dann sagte ich meiner Frau: Hier war der Zaun aber gar nicht, er war woanders." Historische Luftaufnahmen zeigten, dass Ladanys Erinnerung stimmte.

Leidenschaftlicher Sportler

Shaul Ladany wurde ein ehrgeiziger und leidenschaftlicher Sportler. Bis heute nimmt der Geher an Wettkämpfen teil. "Wissen Sie, ich bin kein Psychologe. Führte der Holocaust dazu, dass ich ein erfolgreicher Athlet wurde und bereit war, in harten Wettkämpfen zu leiden? Ich weiß es nicht und auch nicht, ob München mich beeinflusste, aber ich machte weiter. Ich liebte es und liebe es bis heute. Leider bin ich viel langsamer als früher.“

Ausstellung über die Verfolgung

Shaul Ladany wurde Hochschulprofessor im israelischen Beersheba. Durch seinen Sport kam er viel herum. Ladany begann Dokumente zum Schicksal der ungarischen Juden und zu Bergen-Belsen zu sammeln. Sie sind nun in der Ausstellung in der Gedenkstätte zu sehen. Shaul Ladany macht das stolz. Er ist aus Israel nach Bergen-Belsen gereist, um bei der Ausstellungseröffnung zu sprechen.