BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Ländle zittert - Furcht vor allmählicher Deindustralisierung | BR24

© picture-alliance / dpa

Mercedes-Stern auf Daimler-Gebäude in Stuttgart

59
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Ländle zittert - Furcht vor allmählicher Deindustralisierung

Baden-Württemberg gilt als deutsches Musterländle: wirtschaftlich stark mit einer wohlhabenden Bevölkerung. Doch die Automobilbranche bricht ein, Daimler macht Verluste, streicht tausende Arbeitsplätze. Wird der Südwesten bald das neue Ruhrgebiet?

59
Per Mail sharen
Teilen
© BR

Daimler macht dramatische Verluste, streicht zigtausende Arbeitsplätze streichen. Auch die Maschinenbauer haben große Probleme. Wird der Südwesten bald das neue Ruhrgebiet? Uschi Götz hat zwischen Tuttlingen und Untertürheim recherchiert.

Der Mercedes-Stern im Daimler-Stammhaus Untertürkheim verdunkelt sich. 1,4 Milliarden Euro müssen eingespart, zigtausende Stellen gestrichen werden. Auch die Maschinenbauer im Südwesten haben Einbrüche. Wird das Musterländle zum neuen Ruhrgebiet?

Schmucke Einfamilienhäuser mit gepflegten Hecken davor säumen die Straßen von Rietheim-Weilheim im Landkreis Tuttlingen. Eine Art von Mustergemeinde mit 2.800 Einwohnern zwischen Stuttgart und dem Bodensee, typisch für die Erfolgsgeschichte Baden-Württembergs.

Musterorte mit Eigenheimen und Wohlstand

Die Arbeiter in den ansässigen Betrieben für Lüftungstechnik oder Signalanlagen verdienen überdurchschnittlich gute Löhne, konnten sich in den vergangenen Jahrzehnten einen ansehnlichen Wohlstand aufbauen. Der größte Arbeitgeber in Rietheim-Weilheim ist die Marquardt GmbH. Im vergangenen Sommer erst wurde der über 30 Millionen Euro teure Neubau am Stammsitz des Unternehmens eröffnet. Jetzt aber sollen 200 Stellen in der Produktion ins kostengünstigere Ausland verlagert werden. Das wird die Kommune schmerzhaft spüren.

Mischung aus Konjunkturschwäche und Strukturkrise

Der Mechatronikspezialist in Familienbesitz wird von Harald Marquardt geleitet. Er ist auch Vorstandsmitglied beim baden-wüttembergischen Arbeitgeberverband Südwestmetall. Er macht sich große Sorgen: "Es ist eine gefährlich Mischung zwischen konjunktureller Schwäche und gerade, was Baden-Württemberg angeht, auch Strukturkrise."

Auch die grün-schwarze Landesregierung sieht dunkle Wolken aufziehen. Winfried Kretschmann, der bislang erste und einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands, hat sich längst ideologisch mit der Autoindustrie in seinem Land ausgesöhnt.

Grüner Ministerpräsident sorgt sich um Autobauer

Im Dezember zog er im Landtag anlässlich der Beratungen für den Doppelhaushalt 2020 zwar für sich eine positive Zwischenbilanz:" In meiner Zeit als Ministerpräsident sind über 750.000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden."

Weil aber die schwäbischen Maschinenbauer vor allem für die Automobilbranche produzieren, sind sie von deren Krise auch stark infiziert. Dementsprechend besorgt fielen die Schlussfolgerungen des baden-württembergischen Regierungschefs vor den Abgeordneten aus. Kretschmann sprach über den globalen Wettbewerb "Und das ist klar, dass das unsere Kernbranchen fundamental herausfordert."

Daimler streicht zigtausende Stellen

Dass Daimler 1.4 Milliarden Euro einsparen will und ab dem Frühjahr im fünfstelligen Bereich Stellen abbaut, trifft Baden-Württemberg ins Mark. Mitte Februar hatte Konzernchef Ola Källenius einen dramatischen Gewinneinbruch bekannt geben müssen. Im Vergleich zum Vorjahr ging der Gewinn 2019 um fast zwei Drittel auf 2,7 Milliarden Euro zurück. Das wird sich auf das ganze Land auswirken. Die Stimmung bei der Belegschaft schwanke zwischen Wut und Enttäuschung, berichten Betriebsräte. Über 20.000 Beschäftigte arbeiten allein im Mercedes Benz Werk Untertürkheim, davon viele Arbeiter, die bislang bis zu 70.000 Euro im Jahr verdient haben und sich ein dementsprechendes Leben leisten konnten.

"Detroit am Neckar" ist das Schreckgespenst

Es brodelt jetzt in Baden-Württemberg. Ein Ingenieur bei Bosch, der anonym bleiben möchte, sagt, dass er und viele seiner Kollegen immer schlechter schlafen. Ingenieure, aber auch viele Facharbeiter sind davon überzeugt, dass die einseitige Fokussierung auf Elektromotoren bei der Transformation falsch sei. Sie geben der grün-schwarzen Landesregierung die Schuld. Der Ingenieur von Bosch meint bitter: "Detroit am Neckar, wenn die Politik meint, den Verbrennungsmotor kaputt machen zu wollen, dann erntet sie genau diese Arbeitslosenquote."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!