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Künstliche Intelligenz (Symbolbild)
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Künstliche Intelligenz (Symbolbild)

Unternehmer Gary Hilgemann arbeitet im Technologiezentrum LÜNTEC bei Dortmund an einem umstrittenen Thema – Gesichtserkennung mit Videokameras. Sie funktioniert mit künstlicher Intelligenz, oder kurz: KI.

"Die KI ist nicht grundsätzlich böse. Der Mensch kann sie für A oder B verwenden. Ich mag es überhaupt nicht, wenn das Persönlichkeitsrecht verletzt wird. Das lehne ich auch ab und diese Applikationen unterstütze ich auch nicht." Gary Hilgemann, Unternehmer

Die Technik könne beispielsweise auch anzeigen, wenn Parkplätze frei sind. Oder vor welchem Bierstand die kürzeste Schlange ist.

"Kürzlich war ich in Hamburg auf einem Konzert. Da gab es insgesamt 4 Bierstände, aber die waren so schlecht positioniert, dass alle bei einem waren, und drei waren leer. Da könnten die Systeme helfen. Uns interessiert gar nicht, wer da steht – wir wollen nur den Raum optimal nutzen." Gary Hilgemann, Unternehmer

Experten warnen vor Missbrauch

Aber wie wird Künstliche Intelligenz künftig eingesetzt? Derzeit treiben vor allem die USA und China die Entwicklung voran. Und dort liegen die Prioritäten anders, sagt Stefan Heumann vom Berliner Think Tank "Stiftung Neue Verantwortung."

"Die chinesische Regierung entwickelt diese Technologie mit dem Ziel, die eigene Bevölkerung zu überwachen. Die amerikanischen Unternehmen entwickeln sehr stark, um in unsere Privatsphäre einzudringen." Dr. Stefan Heumann, Stiftung Neue Verantwortung

China und die USA preschen nach vorn und legen die Standards der neuen Technologie fest. Deutschland läuft der Entwicklung hinterher. Bis 2015 stammten rund 1400 Patentfamilien aus den USA. Aus Deutschland nur 140, ein Zehntel. Das hat eine Studie mehrerer Fraunhofer-Institute ergeben.

Deutschland hinkt hinterher

Noch deutlicher wird das Bild, blickt man auf die fünf wichtigsten Konferenzen für Künstliche Intelligenz. Auch hier dominierten in den vergangenen Jahren chinesische und amerikanische Firmen. Allein von den drei US-Konzerne IBM, Microsoft und Google stammte rund die Hälfte der Arbeiten, die Unternehmen dort erfolgreich eingereicht hatten. Von den erfolgreichsten drei deutschen Unternehmen, Bosch, Siemens und Zemantis, kam gerade mal eine von hundert.

"Damit verlieren wir die Kontrolle darüber, die Technik nach unseren ethischen Vorstellungen zu entwickeln. Die EU-Kommission redet davon, dass wir die vertrauensvolle KI in Europa entwickeln wollen. Und dass das unsere Stärke sein soll. Das muss auch darauf beruhen, dass wir eigene Kompetenzen haben, um sie hier zu entwickeln." Dr. Stefan Heumann, Stiftung Neue Verantwortung

Für Heumann geht es auch um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Denn Künstliche Intelligenz ist nicht irgendeine Technik. Einige Forscher vergleichen ihre Bedeutung mit der von Elektrizität. Keine Fabrik, kein Auto, keine Arztpraxis wird bald mehr ohne sie funktionieren.

"Gerade in der Autoindustrie und im Maschinenbau, da sind wir Exportweltmeister, und darauf beruht auch unser Wohlstand. Wenn uns in diesen Bereichen andere Länder überholen, dann hat das massive Auswirkungen auf die Beschäftigungsmöglichkeiten und auf den Wohlstand in Deutschland." Dr. Stefan Heumann, Stiftung Neue Verantwortung

Bundesregierung will nun reagieren

Dietmar Harhoff leitet die Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung, und berät das Kabinett. Auch aus seiner Sicht steht viel auf dem Spiel.

"Wir haben seit 2012 die ersten Anzeichen, dass hier eine radikale Innovation im Anmarsch ist, verpasst. Das hat auch damit zu tun, dass wir uns viele Jahre lang wegen unserer Exporterfolge auf die Schulter geklopft haben." Prof. Dr. Dietmar Harhoff, Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation

Der Bundesregierung dämmert offenbar inzwischen, worum es geht. Sie will im Dezember eine Strategie für Künstliche Intelligenz veröffentlichen. Das Wirtschaftsministerium schreibt auf Anfrage des ARD-Politmagazins report München:

"Die Bundesregierung baut auf der Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag ihre Aktivitäten im Bereich KI aktuell deutlich aus." Mitteilung Bundeswirtschaftsministerium

Stefan Heumann bleibt aber skeptisch. Es brauche klare Ankündigungen, wie viel Geld künftig in diesen Bereich fließen werde. Ein Strategiepapier wird aus seiner Sicht nicht reichen.