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Kükentöten: Gericht entscheidet über Tierschutz | BR24

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Ein Brutkasten mit frisch geschlüpften Küken.

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    Kükentöten: Gericht entscheidet über Tierschutz

    Jedes Jahr werden in Deutschland rund 45 Millionen männliche Eintagsküken getötet. Der Grund: Sie haben das falsche Geschlecht. Ob das mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist, darüber entscheidet heute das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

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    Rund 45 Millionen männliche Eintagsküken werden jedes Jahr in Deutschland getötet, weil sie das falsche Geschlecht haben. Denn die Brüder der auf Höchstleistung gezüchteten Legehennenrassen setzen kein Fleisch an und sind deshalb als Masthähnchen wertlos. Ist das mit dem deutschen Tierschutzgesetz vereinbar? Heute fällt das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein abschließendes Urteil.

    Rechtslage bisher: Mal so, mal so

    2013 wies die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen alle Landkreise an, Brutbetrieben das Töten von Eintagsküken zu verbieten, es sei nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar. Doch zwei Brütereien aus den Landkreisen Gütersloh und Paderborn klagten vor den Landesgerichten und bekamen Recht.

    Nun muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig in einem Revisionsverfahren ein abschließendes Urteil fällen. Der Termin wurde bereits einmal verschoben. Heute um 10 Uhr ist es nun soweit.

    Urteil mit Signalwirkung

    Sollte das Bundesverwaltungsgericht urteilen, dass das Kükentöten nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist, wird das sofort rechtskräftig, aber nur für die im Prozess beteiligten Parteien, also für die beiden Brütereien in Nordrhein-Westfalen.

    Allerdings hätte dieses Urteil Signalwirkung und der Gesetzgeber müsste aktiv werden. Wie lange es dann jedoch dauern würde, bis das Kükentöten in ganz Deutschland endgültig beendet wäre, ist offen.

    Tierschutzgesetz: Töten nur mit vernünftigem Grund erlaubt

    In der Hühnerhaltung gibt es zwei Betriebszweige: Eier- und Fleischproduktion. Bei Hühnern, die auf Fleischleistung gezüchtet sind, werden weibliche und männliche Tiere gemästet. Moderne Legehennen, egal ob konventionell oder bio, sind auf Höchstleistung gezüchtet und legen weit über 300 Eier pro Jahr. Die Gockel dieser Hybridrassen aber sind relativ dürre Gerippe, mit wenig Fleisch. Unrentabel für die Mast, deshalb werden die Küken getötet.

    Die Brütereien begründen die Tötungen mit der Wirtschaftlichkeit. Doch im Tierschutzgesetz (Paragraph 1) heißt es: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen." Ist Unwirtschaftlichkeit ein vernünftiger Grund?

    Wie werden männliche Küken getötet?

    Oft heißt es: Küken schreddern. Diese Methode ist nach wie vor erlaubt, wird aber in Deutschland schon lange nicht mehr praktiziert. Denn das Endprodukt wäre sozusagen Matsch. Die männlichen Küken werden in Brütereien, auch in Bio-Brütereien, unmittelbar nach dem Schlüpfen aussortiert und in Betäubungsmaschinen mit Kohlendioxid zuerst betäubt und dann erstickt. Sie sind innerhalb weniger Sekunden tot.

    Die toten Küken landen allerdings nicht in Tierkörperverwertungsanlagen, sondern werden tiefgefroren verkauft: an Zoos oder Greifvogelstationen – als Futter. Dort heißt es: wenn wir keine toten Küken mehr kriegen, haben wir ein Problem.

    Alternative zum Küken töten: Bruderhähne

    Einige wenige Betriebe in Deutschland mästen sogenannte Bruderhähne. So nennt man die Brüder der auf Höchstleistung gezüchteten Legehennen. Biolandwirt Josef Bauer bei Landshut vermarktet solche männlichen Tiere der Rasse Sandy. Aus Idealismus. Denn die Gockel wachsen langsamer und setzen kaum Fleisch an. "Sie sehen aus wie Gummiadler", sagt Bauer. Kaum jemand kauft diese Tiere als Grillhähnchen, deshalb werden sie hauptsächlich zu Wurst verarbeitet. Eine unwirtschaftliche Nische, die durch den Eierverkauf quer subventioniert wird.

    Alternative zum Küken töten: Zweinutzungshühner

    Einige wenige andere Biobauern halten Zweinutzungshühner. Meist alte Rassen wie Sulmtaler, Sundheimer oder Bresse-Hühner. Die weiblichen Tiere legen nur rund 230 Eier im Jahr, dafür setzen die Gockel mehr Fleisch an als reine Legehennenrassen. Doch auch diese Tiere sind nicht wirtschaftlich.

    Landwirt Peter Schuberth im Landkreis Forchheim züchtet deshalb neue Rassen: Coffee und Cream. Die Elterntiere sind schwarze New-Hampshire-Hähne und weiße Bresse-Hühner. Die Neuzüchtungen sind ruhiger als konventionelle Legehennen. Und brauchen weniger Eiweiß-Futter. Das hat man an der Tierärztlichen Hochschule Hannover herausgefunden. Dennoch sind Zweinutzungshühner bisher eine Nische in der Bio-Nische, denn ein Ei kostet im Verkauf rund 50 Cent, ein Kilogramm Brustfleisch über 20 Euro.

    Alternative zum Kükentöten: Geschlechterbestimmung im Ei

    Laut Koalitionsvertrag soll das Kükentöten 2020 verboten werden. Fachleute halten das für völlig unrealistisch, denn bis dahin gäbe es keine marktreifen Alternativen. Schon Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmid hatte im Januar 2016 auf der Grünen Woche in Berlin angekündigt, spätestens 2017 könne man auf das Kükentöten verzichten, weil es praxistaugliche Alternativen gebe. Er irrte sich.

    Bereits bei ihrem Amtsantritt im März 2018 verkündete dann Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, das Kükentöten sei ethisch nicht vertretbar. 6,5 Millionen Euro investiert man deshalb in die Erforschung von Alternativen wie die Geschlechtererkennung im Ei (In-ovo-Geschlechtsbestimmung), um männliche Küken gar nicht erst schlüpfen zu lassen.

    Die Seleggt-Methode: Flüssigkeit auf Hormone untersuchen

    Bei der endokrinologischen oder Seleggt-Methode wird am neunten Bruttag mit einem Laser ein kleines Loch ins Ei gebrannt, etwas Flüssigkeit entnommen und auf geschlechtsspezifische Hormone untersucht. Die Flüssigkeitsentnahme geschieht non-invasiv. Das heißt, das Innere des Bruteies wird nicht berührt und bleibt unversehrt. Das kleine Loch, das durch den Laser entstanden ist, muss nicht verschlossen werden, weil sich die innere Eimembran selbstständig wieder schließt. Kritiker bemängeln: es können trotzdem Keime ins Ei gelangen.

    Dieses Verfahren wird vom Bundeslandwirtschaftsministerium propagiert, es gibt bereits in über 200 Rewe- und Penny-Supermärkten (vor allem in Berlin) Eier von Hennen, die nach der Methode ausgebrütet wurden. Ab 2020 soll die Seleggt-Methode nach Angaben der Erfinder flächendeckend eingesetzt werden können. Ob das realistisch ist, bezweifeln viele. Ebenso ist noch unklar, wie hoch die Fehlerquote ist.

    Eier durchleuchten

    Ein zweiter Ansatz ist ein spektroskopisches Verfahren, bei dem die Eier etwa vier Tage lang bebrütet werden. Dann wird ein spezieller Lichtstrahl in das Ei-Innere geschickt. Das Geschlecht wird durch eine Analyse des reflektierten Lichts bestimmt. Diese Methode, entwickelt an den Universitäten Dresden und Leipzig, scheint aber gegenüber dem Seleggt-Verfahren noch nicht praxistauglich zu sein.

    Eier in der Röhre

    An einer dritten Lösung arbeiten Wissenschaftler der TU München: sie schieben Eier in die Röhre. Medizintechniker Prof. Dr. Axel Haase von der TU München will mit der Magnetresonanztomographie, besser bekannt als MRT oder Kernspin, das Geschlecht im Ei ermitteln. Was beim Arzt klappt, soll künftig auch in Brütereien funktionieren. Der Vorteil: Das Ei wird dabei nicht verletzt.

    Voraussichtlich heuer noch will Prof. Haase einen Prototypen entwickeln. Mit diesem Gerät soll pro Sekunde ein Ei untersucht werden, pro Jahr 20 Millionen Eier. Kosten: 1 Cent pro Ei. Doch auch bei dieser Methode ist unklar, wann sie marktreif ist.

    Was passiert mit 90 Millionen Eiern nach der Geschlechtsbestimmung?

    Die weiblichen Küken schlüpfen ganz normal nach 21 Tagen. Die Eier mit männlichen Embryonen werden nicht weiter bebrütet. Sie gelangen aber nicht in den Lebensmittelkreislauf, sondern werden zu Tierfutter verarbeitet.

    Welche Alternative setzt sich durch?

    Fast alle Bioverbände lehnen die Geschlechtsbestimmung im Ei ab, denn die Seleggt-Methode funktioniert erst ab dem 9. Tag, die Kernspin-Methode ab dem 7. Tag. Die Embryonen empfinden aber laut Wissenschaft ab dem 7. Tag bereits Schmerzen. Langfristig setzt man auf die Zucht von rentablen Zweinutzungshühnern.

    Bernd Adleff, Präsident des Landesverbandes der bayerischen Geflügelwirtschaft, sagt: "Es gibt derzeit noch keine wirtschaftliche Alternative zur Kükentötung. Sollte das Bundesverwaltungsgericht heute ein Verbot verkünden, wandert die Produktion ins Ausland ab, wo die Tiere mit deutlich schlechteren Tierschutzstandards gehalten werden als in Deutschland. Außerdem muss man dann Mäuse züchten, um Greifvogelstationen und Zoos mit Tierfutter beliefern zu können."