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ARCHIV - 01.06.2018, Vatikan, Vatikanstadt: Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
© dpa/Daniel Karmann
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ARCHIV - 01.06.2018, Vatikan, Vatikanstadt: Der emeritierte Papst Benedikt XVI.

Joseph Ratzingers Analyse im Klerusblatt, wonach die Sexualmoral und Freizügigkeit der 68er ursächlich verantwortlich für den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche sei, beruhe auf einer Reihe von falschen Annahmen, schreiben die beiden Professoren Christof Breitsameter aus München und Stephan Goertz aus Mainz. Benedikts Vorwurf, seit den 1960er Jahren habe sich ein "Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte", sei diffamierend. Der emeritierte Papst sei ein Gefangener seiner Vorurteile.

"Unhistorische Verklärung der Vergangenheit"

Für Benedikt XVI. spielten human- oder sozialwissenschaftliche Erkenntnisse keine Rolle. Das führe zu verzerrten Wahrnehmungen. Homosexualität als solche sei keine Ursache von Missbrauch. Dieser ziehe sich durch die ganze Kirchengeschichte. Die Unterstellung, in von sexueller Emanzipation unberührten katholischen Milieus habe es ihn nicht gegeben, führe in die Irre. "Die unhistorische Verklärung der Vergangenheit muss sich für die Opfer autoritärer oder patriarchaler Strukturen zynisch ausnehmen." Im Kirchenbild des ehemaligen Papstes hätten sündige Strukturen, die es zu allen Zeiten gegeben habe, keinen Platz.

"Archaische Vereinfachung, destruktive Polarisierung"

Als "erschreckende Denkstruktur, voll von archaischer Vereinfachung, unverdautem Ressentiment und destruktiver Polarisierung" bezeichnet der Tübinger katholische Theologe Herrmann Häring auf seinem Blog die Schrift Benedikts. Er führt eine ganze Reihe von Argumenten an, dem "missglückten ex-päpstlichen Text jede Autorität abzusprechen". Kritik gab es in der vergangenen Woche auch vom Freiburger Theologen Magnus Striet und von Opfervertretern.

Kirchenhistoriker: Rolle des Ex-Papstes braucht klare Regeln

Bereits gestern hatte der italienische Kirchenhistoriker Massimo Faggioli in einem Interview für die Website "Vatican Insider" klare Regeln für die Rolle des emeritierten Papstes gefordert: "Die Kohabitation zwischen den beiden Päpsten kann nur funktionieren, wenn der zurückgetretene unsichtbar bleibt."

Lob aus Regensburg

Rückhalt hatte der ehemalige Papst aus der Diözese Regensburg erfahren. Auf Twitter schrieb der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs, Benedikts Analyse helfe zur Einordnung der tiefliegenden Krise. Benedikt habe eine "Eiterbeule" aufgestoßen, lobte der frühere Regensburger Bischof, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Er habe etwas Sinnvolles zur Debatte beigetragen. Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation nennt den Beitrag des emeritierten Papstes "intelligenter als alle Beiträge beim Gipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen". Deutsche Bischöfe haben sich bisher noch nicht zu dem Text geäußert.

Papst Benedikt XVI. zum Missbrauch

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