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Kritik an Kita- und Grundschulschließungen wird lauter | BR24

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Bei der Lockerung der Maßnahmen zum Schutz gegen das Coronavirus fährt Bayern einen konservativeren, vorsichtigeren Kurs als andere Bundesländer. BR-Reporter von Löwis erläutert im Rundschau-Interview was das heißt.

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Kritik an Kita- und Grundschulschließungen wird lauter

Auch nach den jüngsten Beschlüssen von Bundes- und Staatsregierung bleibt unklar, wann für kleine Kinder der Ausnahmezustand endet. Ein Ethikexperte sieht einen schweren Grundrechtseingriff, ein Kinderpsychologe beobachtet zunehmende Stresssymptome.

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Für Erwachsene geht es in Sachen Rückkehr zum Alltag voran - wenn auch, besonders in Bayern, langsamer als von vielen erhofft. Für Kinder aber könnten Ausnahmezustand und Isolation noch länger andauern.

Die aktuelle Beschlusslage: Erst eine Woche nach allen anderen Bundesländern, nämlich ab dem 11. Mai, will Bayerns Staatsregierung anfangen, Schulen wieder zu öffnen - schrittweise und anders als von der Expertenkommission Leopoldina empfohlen erst in den höheren Klassen. Grundschulen kämen nach dem Willen von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) später dran. Für Kita-Kinder würde die unfreiwillige Auszeit auch nach den Empfehlungen der Leopoldina weiter andauern - mindestens "bis zum Sommer".

Was "bis zum Sommer" bedeuten kann

Für den Sozialethiker Peter Dabrock "ein Wahnsinn". Im Deutschlandfunk-Interview rechnet Dabrock vor:

"Im Politikerdeutsch heißt 'bis zum Sommer' bis zum Ende der Sommerferien. Wenn ich hier bei uns in Bayern rechne, haben die Beschränkungen vor vier Wochen angefangen, dann soll es bis zum 9. September gehen - das ist bis auf zwei Wochen ein halbes Jahr." Peter Dabrock im Deutschlandfunk

Zumutbar oder überzogen?

In der Entwicklung kleinerer Kinder aber sei ein halbes Jahr „eine halbe Ewigkeit“. Mit Besorgnis erfüllt Dabrock vor allem der Gedanke an eine mögliche langfristige Isolation von anderen Gleichaltrigen: Kinder brauchen Kinder, so Dabrocks Überzeugung. Für den Ethikprofessor der Universität Erlangen-Nürnberg sind die Maßnahmen ein "sehr schwerer Grundrechtseingriff" - umso mehr, als die Kinder selbst meist nicht zur Risikogruppe gehörten.

Dabrock vertritt damit eine andere Auffassung als der Münchner Soziologe Armin Nasehi, der die verzögerte Öffnung der Grundschulen im Bayern2Radiowelt-Interview verteidigt hatte.

Wie sich Stresssymptome bei Kindern äußern

Auch unter Kinderpsychologen und Pädagogen gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie gut Kinder ein Andauern der Situation verkraften könnten - wie auch die Kinder selbst bisher ganz unterschiedlich reagieren. Während einige Kinder den Corona-Shutdown als eine Art Sonderurlaub betrachten, reagieren andere mit ausgeprägten Stresssymptomen - wie der Berliner Psychologe Thilo Hartmann berichtet. Er registriert neben Schlafproblemen auch Kopfweh, Bauchschmerzen, Schwindel und Erschöpfung. Und:

"Auf der Verhaltensebene ist es möglich, dass Kinder sich zurückziehen, aggressiver auftreten oder auch ein verstärktes Kuschelbedürfnis haben." Psychologe Thilo Hartmann 

Das Leiden der Stillen

Besondere Aufmerksamkeit sollten Eltern laut Hartmann Kindern widmen, die mit Rückzug reagieren und dabei vielleicht sogar besonders unproblematisch erscheinen. Bei diesen Kindern könne es sein, dass sie versuchten, die Verantwortung zu übernehmen, alles richtig zu machen und die Familie zu schützen. Das aber könne Kinder überfordern, so Hartmann. 

Verborgene Gewalt nimmt zu

Zudem beunruhigt Experten die Gefahr einer weiteren Zunahme häuslicher Gewalt, die nicht nur in "Problemfamilien" anzutreffen sei. Schon jetzt verzeichnet der Kinderschutzbund an seiner Hotline mehr Anrufe. Dabei ist anzunehmen, dass ohne Kita und Schulbesuch noch mehr Missbrauchsfälle als sonst in den familiären vier Wänden verborgen blieben.

"Die Täter haben jetzt viel mehr Zugriff auf die Kinder und die Kinder haben weniger Möglichkeiten, nach außen Signale zu senden, dass etwas nicht stimmt." Tanja Michael, Leiterin des Lehrstuhls Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität des Saarlandes

Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, warnt außer vor Gewalt auch vor Armutsproblemen - etwa, weil die Mittagsversorgung in Kitas und Schulen wegfalle. Immerhin kann Hilgers der Situation auch einen positiven Aspekt abgewinnen:

"Viel Stress, den die ganze Gesellschaft sonst ausstrahlt, fällt nun weg. Es ist eine Zeit der Entschleunigung auch für die Familien. Ich habe noch nie so viele Väter mit ihren Kindern gesehen." Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes