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Kritik an Initiative: "ZeroCovid handelt massiv unethisch" | BR24

© picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Frau mit FFP2-Maske blickt aus dem Fenster.

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    Kritik an Initiative: "ZeroCovid handelt massiv unethisch"

    Unter #ZeroCovid fordert ein Bündnis einen solidarischen Shutdown zur Beendigung der Corona-Krise, 45.000 Menschen unterzeichnen die Petition. Sie fordern einen verschärften Lockdown. Diese Idee steht jetzt in der Kritik.

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    Von
    • Ferdinand Meyen

    "Das Ziel heißt Null Infektionen." Mit diesen Worten eröffnen die Initiatoren von #ZeroCovid einen solidarischen Shutdown. Im Zentrum steht die Forderung nach einem europäischen Shutdown zur Beendigung der Corona-Pandemie. Die Folge: enorme Resonanz in den sozialen Netzwerken, zehntausende Unterzeichner, darunter namhafte Wissenschaftler, Aktivisten, Politiker und Journalisten.

    Die herrschende Strategie unter der Zielvorgabe "flatten the curve" sei gescheitert, heißt es auf der Webseite. Das Ziel müsste null Infektionen werden. Schließlich sterben in Deutschland jeden Tag über tausend Menschen. Die Kontakte sollten deshalb auf ein Minimum eingeschränkt werden, auch am Arbeitsplatz. Darüber hinaus solle der Impfstoff zum globalen Gemeingut werden und das Profitstreben im Gesundheitswesen ein Ende finden. Das nötige Geld will die #ZeroCovid Initiative über eine Solidar-Abgabe erwirtschaften, die vor allem Reiche trifft.

    Ethik-Rat-Professor kritisiert #ZeroCovid

    Doch die Initiative wird auch kritisiert. Ökonom, TUM-Professor und Mitglied des bayerischen Ethikrats Christoph Lütge sagte dem Bayerischen Rundfunk: "Mich stört, dass #ZeroCovid sich nur auf einen einzigen Gesichtspunkt stützt, nämlich Corona." Das habe zur Folge, dass beispielsweise die Behandlung anderer gefährlicher Krankheiten völlig aus dem Fokus gerate.

    Ein harter Shutdown würde auch dazu führen, dass Menschen an den Maßnahmen leiden, zum Beispiel weil sie mit Krebs oder anderen Erkrankungen nicht ins Krankenhaus gehen oder mit Einsamkeit und psychischen Krankheiten alleine gelassen werden, so Lütge.

    "Mit Hammer auf Fliegenschwarm eindreschen"

    Christoph Lütge bemängelt gleichzeitig die aktuellen Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern. Bereits der aktuelle Lockdown sei vergleichbar mit einem Hammer, mit dem man auf einen Fliegenschwarm eindresche. Ein noch härterer Lockdown sei der falsche Weg. Lütge macht sich dabei vor allem Sorgen darüber, dass sich in der Politik niemand eingestehen wolle, von der Lockdown-Strategie abzuweichen.

    Familien am Limit - Wie kommen wir aus der Lockdown-Schleife? Darum ging es auch in der Münchner Runde am 20.01. im BR-Fernsehen. Unter anderem mit Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek.

    Darüber hinaus sei mit der Impfung bereits ein Ausweg aus der Pandemie vorgegeben. Der TUM-Professor forderte, mehr Energie und Finanzen in die Impfstoff-Verteilung zu investieren.

    ZeroCovid, medizinisches Wunschdenken?

    Auch Virologe Hendrick Streeck und der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Ferdinand Kirchhof bemerkten, dass eine Reduktion der Infektionen aussichtslos sei. Stattdessen müssten sich die Menschen langfristig darauf einstellen, mit dem Virus zu leben. Die Infektionen so herunterzufahren, wie #ZeroCovid es vorschlägt, sei "medizinisch unmöglich". Denn menschliche Kontakte auf eine Weise zu minimieren, um Viren komplett auszurotten, funktioniere nicht.

    Ist #ZeroCovid überhaupt politisch durchsetzbar?

    Kritik an #ZeroCovid kommt auch von Alex Demirovic, Sozialwissenschaftler und Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ein radikaler Lockdown, wie #ZeroCovid ihn europaweit fordert, sei politisch nur schwer durchsetzbar, und zerstöre Öffentlichkeit, auf die Demokratie zwingend angewiesen ist. Darüber hinaus würde der Shutdown in letzter Konsequenz bedeuten, dass Grenzen, Flughäfen auf lange Zeit geschlossen wären und Reisende den Gesetzen von PCR-Tests und Quarantäne-Regeln komplett unterworfen werden.

    So wäre No-Covid theoretisch möglich

    Doch nicht alle stimmen diesen Kritikpunkten zu. Auch eine Experten-Kommission aus mehreren Wissenschaftlern legte kürzlich eine Strategie unter dem Titel "No-Covid" vor. Darin heißt es: "Jede Infektion ist eine zu viel".

    Das Muster-Beispiel im Strategiepapier ist die australische Hauptstadt Canberra. Die Maßnahmen dort hätten gezeigt, dass es möglich sei, den Inzidenzwert binnen drei bis vier Wochen auf unter zehn und schließlich auch auf null zu drücken. Die Regeln, die dort getroffen wurden, waren nicht strenger als aktuell in Deutschland. Der einzige Unterschied zu den Maßnahmen hier: Arbeiten außerhalb des Home-Office durften nur systemrelevante Berufe.

    Hinweis: Eine frühere Version des Artikels enthielt eine nicht belegbare Aussage von Christoph Lütge zu Übersterblichkeit aufgrund von Lockdown-Maßnahmen während der Corona-Pandemie. Wir haben diese daher entfernt.

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