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Kritik an EKD nach Schiffstaufe: Schlepper oder Seenotretter? | BR24

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Die Poseidon, ein ehemaliges Forschungsschiff, hat einen neuen Namen: Sea-Watch 4. Das Seenotrettungsschiff wurde in Kiel getauft. Weil auch die Evangelische Kirche am Kauf beteiligt war, sprach EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm Segensworte.

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Kritik an EKD nach Schiffstaufe: Schlepper oder Seenotretter?

In Kiel wurde am Donnerstag die Sea Watch 4 durch den EKD-Vorsitzenden Bedford-Strohm getauft. Im April soll das Seenotrettungsschiff seine Arbeit aufnehmen. Doch das Engagement der evangelischen Kirche für Flüchtlinge ist umstritten.

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Ute Rosner-Grages ist seit vielen Jahren in der Flüchtlingshilfe tätig. Die pensionierte Lehrerin unterstützt Familien dabei, sich im deutschen Behördendschungel zurecht zu finden, sie hilft bei der Schulanmeldung oder bei der Suche nach einem Kindergartenplatz. Für die evangelische Christin aus dem Münchner Stadtteil Sendling ist das eine Selbstverständlichkeit. "Ich denke, unser Glaube ist darauf angelegt, in die Tat umgesetzt zu werden", sagt sie. "Jeder, der wirklich Gottes Liebe spürt, der kann gar nicht anders, diese weiterzugeben und das heißt handeln: Seenotrettung gab es damals noch nicht, aber Jesus hätte das bestimmt auch aufgeführt."

Seenotrettung findet parteiübergreifend Unterstützung

Ähnlich sehen das auch parteiübergreifend prominente Unterstützer des Seenotrettungsprogramms. In einer Videobotschaft der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), ergreifen unter anderem der Grünen-Politiker Robert Habeck wie auch der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz Partei für das Engagement der EKD in Sachen Seenotrettung Partei: Seenotrettung dürfe nicht kriminalisiert werden, das Sterben im Mittelmeer sei politisch nicht zu rechtfertigen, so ihre Botschaft.

Evangelische Kirche beschließt: Schicken wir ein Schiff

Im vergangenen Juni hatte der Kirchentag in Dortmund die evangelische Kirche aufgefordert, ein Rettungsschiff ins Mittelmeer zu schicken. Im September hatte sich der Rat der EKD die Idee zu eigen gemacht. Vor drei Wochen hat das auf Initiative der EKD gegründete Bündnis "United4Rescue" ein ehemaliges Forschungsschiff ersteigert. Die 1,5 Millionen Euro dafür kamen aus Spenden. Am Donnerstag wurde die Sea Watch 4 vom Ratsvorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford-Strohm in Kiel getauft.

"Ich habe natürlich mit Kontroversen gerechnet, als wir diese Entscheidung getroffen haben. Was mich wirklich überrascht hat, war eher, wie viel Zuspruch es gab. Wie viele Menschen auf uns zugekommen sind, gesagt haben: Ich bin stolz auf meine Kirche, jetzt weiß ich wieder, warum ich Kirchensteuer zahle. Und die Kontroversen gab es natürlich auch, die Kritiker gab es auch und die gibt es auch nach wie vor." Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender

Arbeitskreis bekennender Christen: Seenotrettung nicht Kirchenauftrag

Die evangelische Kirche unterstütze das Geschäft der Schlepper – solche Stimmen gibt es auch unter Protestanten. Ganz so scharf würde Till Roth seine Kritik an der kirchlichen Seenotrettung nicht formulieren. Der evangelische Dekan aus Lohr am Main spricht für den Arbeitskreis Bekennender Christen (ABC), eine Arbeitsgemeinschaft theologisch konservativer Protestanten. Der findet: Das Alleinstellungsmerkmal der evangelischen Kirche sei ein anderes. "Es gibt einen vorrangigen Auftrag der christlichen Kirche", so formuliert es Till Roth, "ein Auftrag, der über allen anderen steht und der besteht in der Verkündigung, in der Verbreitung des Evangeliums, also in der Botschaft, dass Gott in Jesus zu den Menschen gekommen ist und sie rettet."

EKD-Schiff "Sea-Watch 4" kann ab April in See stechen

Menschen retten soll auch das jetzt getaufte ehemalige Forschungsschiff Poseidon. Im April kann es voraussichtlich mit seiner Arbeit im Mittelmeer beginnen. Menschenleben zu retten sei natürlich etwas Gutes, findet der evangelische Dekan Till Roth: "Trotzdem kann man hinterfragen, ob die evangelische Kirche in Deutschland ausgerechnet sich für etwas, was weiter weg ist von ihr, engagiert."

EKD-Ratsvorsitzender: Humanität nicht nur im Mund führen

Die evangelische Kirche könne schließlich nicht die ganze Welt retten, so der Arbeitskreis Bekennender Christen. Dem stimmen auch viele Befürworter zu und trotzdem sind sie mit dem bayerischen Landesbischof einer Meinung. Dieser ist der festen Überzeugung: "Dieses Schiff wird ganz konkrete Menschenleben retten. Das ist das Ziel. Der Grund dafür ist schlicht, dass wir alle miteinander versuchen wollen, das Wort Menschenwürde, das Wort Humanität nicht nur im Mund zu führen, sondern auch wirklich ernst zu nehmen und konkret danach zu handeln."