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Kriegstote - der vergessene Soldat von Halbe | BR24

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Eine Million Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg gelten bis heute, 75 Jahre nach Kriegsende, als vermisst. Wie mühsam die Identifizierung ist, zeigt das Beispiel eines Soldaten aus Halbe.

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Kriegstote - der vergessene Soldat von Halbe

Eine Million Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg gelten bis heute, 75 Jahre nach Kriegsende, als vermisst. Wie mühsam die Identifizierung ist, zeigt das Beispiel eines Soldaten aus Halbe.

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Auch 75 Jahre nach Kriegsende findet die Deutsche Kriegsgräberfürsorge noch Überreste von Soldaten und Getöteten aus dem Krieg.

Schlacht bei Halbe: 40.000 tote Soldaten und Zivilisten

Halbe, 60 Kilometer südlich von Berlin: Joachim Kozlowski von der Kriegsgräberfürsorge findet im April 2019 in einem nahen Waldstück sterbliche Überreste. In Halbe fand noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs eine verheerende Schlacht statt. Die Russen kreisen Wehrmachtsverbände und Flüchtlinge südlich von Berlin ein. Im Kessel von Halbe sterben innerhalb weniger Tage mehr als 40.000 Menschen - Soldaten und Zivilisten.

Vermutlich ist der Tote einer von ihnen. Joachim Kozlowski sagt:

"Das ist für mich eine ganz wichtige, würdevolle Arbeit. Nicht nur für mich, sondern auch für den Toten. Weil die Würde des Menschen geht über den Tod hinaus, das ist meine persönliche Auffassung. Und zum anderen ist es auch wichtig für die Angehörigen." Joachim Kozlowski, Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Mysteriöser Fund eines unbekannten Soldaten

Er findet eine Erkennungsmarke. Wer ist dieser Mann? Lässt sich sein Schicksal heute noch klären? Gibt es vielleicht sogar noch Angehörige? Eine Spurensuche beginnt.

Das Alter des Mannes schätzt Kozlowski auf etwa 40 Jahre. Er erkennt anhand der Marke, dass er in der 2. Kompanie, Pionier-, Ersatz- und Ausbildungsbataillon 23 war. Außerdem kann er so die persönliche Stammrollennummer des gefallenen Soldaten und die Blutgruppe feststellen.

Vieles spricht dafür, dass der Soldat erst in der Endphase des Krieges zu dieser Erkennungsmarke kam. Doch etwas ist merkwürdig: die Rückseite der Marke. Dort steht: Deutsches Reichsheer. So nannte man die deutschen Landstreitkräfte nur bis 1935. Danach gab es diese Bezeichnung gar nicht mehr. Warum trägt ein Soldat der Wehrmacht noch zehn Jahre später so eine Erkennungsmarke? War der Mann vielleicht gar kein regulärer Soldat? Sondern ein Nazi oder Kriegsverbrecher, der am Schluss noch abzutauchen versuchte? Oder war er einfach nur jemand, der noch in den letzten Kriegstagen sinnlos geopfert wurde? Die Sache beginnt rätselhaft zu werden.

Eine Million Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg gelten als vermisst

Kann das Bundesarchiv Antworten liefern? In der ehemaligen deutschen Dienststelle im Bundesarchiv liegen die Akten von knapp fünf Millionen Soldaten. Jeder reguläre Soldat, der während des Zweiten Weltkriegs auf deutscher Seite gekämpft hat, ist hier verzeichnet. Und jeder Kriegstote, der heute noch aufgefunden wird, wird hier nach Möglichkeit identifiziert. Das ist gesetzlicher Auftrag.

Eine Million Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg gelten bis heute als vermisst. Die Klärung ihrer Schicksale ist viel mehr als nur ein gesetzlicher Auftrag für Birgit Wulf und ihre Mitarbeiter beim Bundesarchiv. Wulf sucht nach den Listen des Bataillons – und nach der Stammrollennummer 7.518. Sie findet ihn: "Herrmann Klein. Ganz einfacher Name. Hermann Klein aus Heidenheim."

Herrmann Klein, das ist also sein Name. Geboren am 16. April 1905 in Heidenheim, Süddeutschland, verheiratet, seine Frau heißt Margarethe, er ist mit ihr wohnhaft in Zeuthen, südlich von Berlin - so viel geht aus den Unterlagen hervor.

Die nächste Spur führt ins Jahr 1952. Angehörige haben damals nach ihm gesucht. In ihrem Büro gleicht Birgit Wulf inzwischen alle Listen noch einmal ab. Wenn es weitere Informationen über Herrmann Klein gibt, dann sind sie vor allem auf seiner zentralen Personenkarte zu finden. Aber sie ist leer.

Wer war der Soldat Herrmann Klein?

Ein Name, zwei Erkennungsmarken? Auf der einen die persönliche Nummer 7.518, auf der anderen die 54. Handelt es sich dabei um zwei verschiedene Soldaten mit dem gleichen Namen?

Da Angehörige 1952 beim Suchdienst vom Roten Kreuz in München nach ihm gesucht haben, gibt es eine Karteikarte. Inzwischen ist sie digitalisiert. Aus ihr geht hervor, dass Herrmann Klein sich Mitte April 1945 zum letzten Mal bei seiner Frau gemeldet hat. Es gibt ein Foto. Er war gelernter Friseur und als Technischer Angestellter bei der AEG in Berlin Treptow. Er war verheiratet, hatte jedoch keine Kinder. 1952 schickt seine Frau das Foto ans Rote Kreuz und sucht nach ihm, obwohl er drei Jahren zuvor für tot erklärt worden war. Kurze Zeit später stirbt auch sie.

Nicht in der SS oder NSDAP

Im Bundesarchiv hat Birgit Wulf inzwischen abgeklärt, dass Herrmann Klein nicht bei der SS oder Parteimitglied war. Im Bundesarchiv finden sie heraus, dass beide Erkennungsmarken zu ein und derselben Person gehören: Herrmann Klein war Frontsoldat in einer Infanteriedivision in Polen beim Angriff 1939, kampferfahren - und damals bereits fast 35 Jahre alt. 1940 wird er entlassen. Das ist auch der Grund, warum es später eine zweite Erkennungsmarke gab: Als Herrmann Klein 1940 als Soldat entlassen wurde, ist seine erste Erkennungsmarke ordnungsgemäß vernichtet worden.

Aus Mangel an Erkennungsmarken

Anfang 1945 wird er dann aber wieder eingezogen und bekommt dabei die Erkennungsmarke mit dem Aufdruck Deutsches Reichsheer. Im Bundesarchiv hat man dafür inzwischen eine Erklärung gefunden. Gegen Ende des Krieges griff die Wehrmacht auch auf alte Restbestände zurück. Mit dieser Erkennungsmarke versehen, zieht Herrmann Klein Anfang 1945 in den längst verlorenen Krieg - und landet dabei im Kessel von Halbe. Dort kommt er ums Leben. Gerade einmal zehn Tage vor Kriegsende. Nur 35 Kilometer von zu Hause entfernt.

Den Toten ihren Namen zurückgeben

Im Bundesarchiv hat Birgit Wulf bei ihrer Suche nach Angehörigen herausgefunden, dass Herrmann Klein zwei Brüder hatte. Einer von ihnen hatte eine Tochter, und diese einen Sohn. Es gibt also tatsächlich noch Angehörige, erklärt Birgit Wolf vom Bundesarchiv. Wir kontaktieren ihn und erfahren, dass er überhaupt nicht gewusst habe, dass es diesen Herrmann Klein jemals gegeben hat. In seiner Familie gibt es keine Erinnerung an ihn, kein Foto, nichts. Als ob er nie da gewesen wäre.

Der Soldat Herrmann Klein, von allen vergessen. Aber jetzt hat er wieder einen Namen. Und eine Geschichte. Inzwischen sind seine Gebeine auf dem Waldfriedhof in Halbe angekommen. Für Joachim Kozlowski ist die Arbeit getan, wieder ist ein Schicksal geklärt. Eine Million Soldaten werden aber bis heute noch immer vermisst.

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