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Kriegsausbruch 1939: Die letzten Zeitzeugen erinnern sich | BR24

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Der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende Hans-Jochen Vogel erinnert sich bis heute an den 1. September 1939, als der Zweite Weltkrieg begann.

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    Kriegsausbruch 1939: Die letzten Zeitzeugen erinnern sich

    Deutschland, August 1939: der letzte Sommer vor dem Weltkrieg. Im Interview mit report München erinnern sich die späteren Spitzenpolitiker Hans-Jochen Vogel und Dorothee Wilms an den Kriegsausbruch, den sie als Kinder erlebten.

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    Viele Familien machen im Sommer 1939 Urlaub. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn die Politik der Nationalsozialisten wird immer aggressiver. Der spätere Münchner Oberbürgermeister und SPD-Bundesvorsitzende Hans-Jochen Vogel ist damals zwölf Jahre alt, die spätere CDU-Politikerin und Bundeswissenschaftsministerin Dorothee Wilms ist neun.

    Erinnerungen an den 1. September 1939

    "Ich war mit meinen Eltern in Tirol," erinnert sich Vogel. "In Grän, das ist am Haldensee. Und wir haben die Tage dort vorher auch erlebt. Und nach dem Abkommen zwischen Hitler und Stalin war einen Moment die allgemeine Hoffnung, es kommt nicht zum Kriege.“

    Auch Dorothee Wilms war zu dieser Zeit mit ihren Eltern unterwegs: "Meine Eltern und ich waren mit einem kleinen DKW, das war damals ein Zwei-Takter-Auto, im Schwarzwald in den Ferien. Und schon vor dem 1. September wurde eigentlich klar, dass wir auf eine Mobilmachung zusteuern.“

    Die Eltern haben den Ersten Weltkrieg noch vor Augen

    Dann, am frühen Morgen des 1. Septembers, überfällt die Wehrmacht Polen. In den Urlaubsorten verfolgen die Deutschen Hitlers Kriegshetze am Radio. Kein Jubel bei den Familien von Hans-Jochen Vogel und Dorothee Wilms. Ihre Eltern ahnen, was sie erwarten könnte:

    "Es war schon eher eine gedrückte Stimmung. Mein Vater hat ja am Ersten Weltkrieg teilgenommen, war vier Jahre lang Soldat im Ersten Weltkrieg und hatte vom Krieg eine sehr präzise und sehr negative Einstellung,“ sagt Vogel.

    Die Familie von Dorothee Wilms war ebenfalls beunruhigt: "Mein Vater drängte sofort auf Rückkehr, weil er Sorge hatte, dass wir nicht mehr nach Hause kommen, dass das Auto vielleicht beschlagnahmt wird oder dass es Straßensperren gibt und so weiter. Und so sind wir nach Hause, und das ist eigentlich meine Erinnerung an den Kriegsanfang: eine völlig überstürzte Rückkehr nach Hause.“

    Wilms macht nach dem Krieg Karriere

    Dorothee Wilms ist Jahrgang 1929. Nach dem Krieg macht sie eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Karriere: Sie tritt in die CDU ein, wird Bundestagsabgeordnete, erste parlamentarische Geschäftsführerin der Unionsfraktion und Bundeswissenschaftsministerin im ersten Kabinett Helmut Kohl – als einzige Ministerin.

    "Wenn Sie den 1. September symbolhaft nehmen: Das war der Beginn eines Krieges, der mich als Kind und jungen Menschen außerordentlich geprägt hat und der in mir den dringenden Wunsch geweckt und hat wachsen lassen, dass die Menschen doch bitte friedlich und freundlich miteinander leben sollten und, dass sie auch ihre vorhandenen Konflikte auf rationale Weise aushandeln und ausleben und nicht in kämpferischer Weise,“ sagt die 89-Jährige.

    Bis heute traumatische Erinnerungen

    Hans-Jochen Vogel hat die eigenartige Stimmung des 1. Septembers noch gut in Erinnerung: "Es gab auch keinen lauten Protest," erzählt er. "Denn Hitler war ja bis dahin in seiner Außenpolitik, auch in seiner Außenpolitik mit militärischem Zwang und Druck sehr erfolgreich gewesen.“

    Der Krieg, er wird immer brutaler, auch für Hans-Jochen Vogel. 1943, mit nur 17 Jahren, muss er zur Wehrmacht, an die Ostfront. "Es gehört zu den wichtigsten Erlebnissen meines Lebens, dass ich selber Soldat war, den Krieg erlebt habe. Wissen Sie, wenn einer, der gerade eben mit einem geredet hat, dann plötzlich tot neben einem liegt – das ist etwas, was man nie vergisst.“

    Für Dorothee Wilms sind es vor allem die ständigen Luftangriffe, die sie nie vergessen wird: "Der Luftkrieg und der Bombenkrieg ist für mich das Kriegserlebnis schlechthin und hat mich auch geprägt, weil wir nächtelang im Keller gesessen sind," sagt sie. "Und immer, wenn nachts Alarm gewesen ist, fing die Schule erst um zehn Uhr an und ich habe später oft spöttisch gesagt, wenn mir irgendwann ein Wissen fehlte: Da habe ich gerade im Keller gesessen, als das gelehrt wurde.“

    Der Krieg prägt das politische Handeln von Vogel und Wilms

    Eine schlimme Zeit, mit furchtbaren Erinnerungen. Auch deshalb wird Hans-Jochen Vogel Politiker. Er tritt in die SPD ein, wird Oberbürgermeister von München und Berlin, SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat. Die Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs haben sein späteres politisches Handeln geprägt:

    "Und deswegen gehöre ich zu denen, die Frieden nicht für selbstverständlich halten, und ich habe in all meinen Funktionen, habe ich mich für das Erinnern an die Verbrechen der Vergangenheit und für den Frieden eingesetzt," so Vogel. "Und da stand mir das, was am 1. September 1939 begonnen hat, der Krieg, jederzeit auf Abruf vor Augen.“

    Der Kriegsbeginn am 1. September 1939. Er prägte eine Generation. "Nie wieder Krieg“, das war das Ergebnis dieser Erfahrungen. Und für Frieden und Freiheit streiten der 93-jährige Hans Jochen-Vogel und die 89-jährige Dorothee Wilms bis heute mit Leidenschaft.