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Kreuz ohne Haken: Wie sich Kirchen vom rechten Rand abgrenzen | BR24

© dpa

Teilnehmer einer Demonstration protestieren am 21.10.2015 in Erfurt (Thüringen) gegen eine Kundgebung der AfD.

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    Kreuz ohne Haken: Wie sich Kirchen vom rechten Rand abgrenzen

    Die großen Kirchen positionieren sich klar gegen Rechts, Bischöfe sind hier sehr deutlich. Die tägliche Basisarbeit ist mitunter dennoch schwierig: Pfarrer treffen schon mal auf Gemeindemitglieder, die neben dem Kreuz ein Hitler-Porträt hängen haben.

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    Die katholische wie auch die evangelische Kirche spricht sich in ihren Papieren und Stellungnahmen klar gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus aus. Die Aussagen Ihrer Bischöfe sind zu diesem Thema mehrheitlich sehr deutlich. Auf Gemeindeebene ist die Sache allerdings nicht mehr ganz so klar.

    Kritik: Pfarrer weichen Rechtspopulismus oft aus

    Wenn bei Feiern rechte Sprüche gemacht werden oder es um rechtspopulistische Provokationen gehe, dann erlebe sie unter ihren Pfarrerskollegen leider in der Öffentlichkeit oft eine ausweichende Haltung, erzählt Jadwiga Mahlig. Sie ist evangelische Pfarrerin im ostsächsischen Schleife und positioniert sich klar gegen rechte Tendenzen.

    Auch in Bayern gibt es dieses Lavieren gegenüber dem Rechtspopulismus, sagt Martin Stammler, Projektleiter des katholischen Kompetenzzentrums Demokratie und Menschenwürde (kdm) in Nordbayern. Eingerichtet wurde dieses Zentrum von der Freisinger Bischofskonferenz.

    Kirchen: Konflikte nicht vermeiden, sondern ansprechen

    Der Nürnberger vernetzt viele Initiativen und Pfarrgemeinden, die sich mit den Themen beschäftigen; und er berät auch oft Kirchengemeinden, die in ihren eigenen Reihen mit Rechtspopulismus zu tun haben.

    "Einige haben Angst, das überhaupt zum Thema zu machen. Die klammern die ganzen politischen Themen eher aus - aus Angst vor Veranstaltungen, die vielleicht sehr kontrovers werden könnten." Martin Stammler, kdm

    Doch die inneren Konflikte um Themen wie Islam, Migration oder Gender zu verschweigen, sei keine Lösung, sagt Martin Stammler. Er empfiehlt: ansprechen. Denn solche Themen brächten genau das Gegenteil: "Es führt dazu, dass Gedanken sich vertiefen, dass Menschen, wenn sie nicht mehr darüber kommunizieren und konträre Positionen austauschen, viel stärker in ihre eigene Blase abrutschen."

    Kirchengemeinden: Raus aus der Blase!

    Besonders Kirchengemeinden hätten die Chance, dass Menschen mit manchmal sehr unterschiedlichen Positionen miteinander ins Gespräch kommen könnten, so Stammler.

    Gerade Pfarrer, die Kontakt zu vielen Menschen in ihren Gemeinden haben, würden unmittelbar mit rechtsextremen Gedankengut konfrontiert, sagt Martin Becher, Protestant und Geschäftsführer des bayerischen Bündnisses für Toleranz. Er erzählt ein Beispiel:

    "Das war der 80. Geburtstag von einem Gemeindemitglied, und da war dann der gekreuzigte Jesus noch direkt neben Adolf Hitler gehangen an der Wohnzimmerwand. Und dann hat der Pfarrer geschildert, dass er sich kurz vergewissert hat, ob das nun Zufall ist oder nicht, und dass er dann wieder gegangen ist. Man ist zu Hause, wo sonst Vertreter von Institutionen nicht unbedingt hinkommen, und da gibt es dann diese Anlässe." Martin Becher, Bündnisses für Toleranz

    Wie sollen Pfarrer mit rechtsextremem Gedankengut umgehen?

    Die Frage sei dann, wie geht man damit um? Und auf diese Frage gebe es keine pauschal gültigen Antworten, sagt Martin Becher. Es hänge von der jeweiligen Personen und den Umständen ab: "Habe ich das Gefühl, ich kann so ein Gespräch mit der richtigen Demut und Ausdauer durchführen oder bin ich gerade unter Stress? Und dann ist auch die Frage, was habe ich selber für mich für ein Ziel? Ist mein Ziel eine möglichst deutliche Haltung zu zeigen oder ist mein Ziel, dass ich möglichst alle Menschen in meiner Kirchengemeinde behalten möchte", so Becher.

    Rechtspopulisten machen Druck auf die Kirchen und reklamieren für sich den Anspruch, die wahren christlichen Werte zu verteidigen, sagt Martin Stammler. So habe die bayerische AfD im Landtagswahlkampf das Thema Christentum sehr stark besetzt - vor allem aber in Abgrenzung zum Islam, so Stammler: "Wir haben eine Projektschule hier in Nürnberg, wo vor der Schule AfD-Plakate mit dem Slogan 'Islamfreie Schulen' aufgehängt waren, wo dann muslimische Kinder ganz verängstigt gefragt haben: 'Dürfen wir jetzt nicht mehr in die Schule gehen?‘ Natürlich müssen wir da Haltung beziehen."

    Toleranz gegenüber Rechts: Kirchen stehen unter Beobachtung

    Dass sieht auch Martin Becher so, der Geschäftsführer des bayerischen Bündnisses für Toleranz. Er geht davon aus, dass viele - eher unbeteiligte - Menschen beobachten, wie sich die Kirchen den Rechtspopulisten gegenüber verhalten: "Ich glaube, dass es Menschen gibt, die sagen: Jetzt gucke ich mal, wie die Toleranten mit den Intoleranten sind. Und wenn die dann auch unbarmherzig, auch undemokratisch sind, dann weiß ich, die sind ja eigentlich genau wie die."

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